„Ausgeprägt marianische Haltung“

Vorbild auch für Frauen heute: Der Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst über die heilige Hildegard von Bingen – „Tagespost“-Serie Teil VI. Von Regina Einig

In der Abtei St. Hildegard in Eibingen wird die Erhebung der heiligen Hildegard zur Kirchenlehrerin an Allerheiligen offiziell gefeiert. Die Aufnahme zeigt vorne das alte Kloster Eibingen. Foto: Abtei St. Hildegard
In der Abtei St. Hildegard in Eibingen wird die Erhebung der heiligen Hildegard zur Kirchenlehrerin an Allerheiligen off... Foto: Abtei St. Hildegard
Exzellenz, der Heilige Vater hat in seiner Ansprache beim Weihnachtsempfang für die Kurie im Dezember 2010 die Visionen der heiligen Hildegard von der durch die Schuld ihrer Mitglieder befleckten Kirche zitiert. Halten Sie es für zeitgemäß, in Predigt und Katechese dem Thema Sünde und Schuld heute wieder mehr Raum zu geben?

Damit der Mensch zur Wahrheit findet, muss er lernen, auf seine Grenzen zu schauen und sie im Licht des Glaubens anzuschauen. Dazu lädt uns das Evangelium ausdrücklich ein. Von Gott her gibt es immer die Möglichkeit zur Umkehr. Die heilige Hildegard hat den Blick auf das gerichtet, was an der Kirche sündhaft ist. Sie ist eine Gestalt des Glaubens, die uns Mut macht, Gott wirklich in unser Herz schauen zu lassen.

Visionen und Prophezeiungen, die ja im Werk der heiligen Hildegard eine wichtige Rolle spielen, gelten heute als Grenzbereich zwischen Religion und Esoterik. Was können wir von Hildegard lernen, um richtig damit umzugehen?

Was die heilige Hildegard auszeichnet, ist eine tiefe mystische Gottesbeziehung. In Jesus Christus hat sie das menschliche Angesicht Gottes vor Augen. Hildegard lebt in einer lebendigen Christusbeziehung und in dieser Ausrichtung ordnen sich die Erfahrungen, die sie macht und treten in den Dienst des Glaubens. Außerhalb dieser Beziehung bestünde die Gefahr, dass etwas esoterisch herausgebrochen werden kann. Es braucht also eine lebendige Christusbeziehung, um auch die Visionen der heiligen Hildegard richtig verstehen zu können.

Ängstlichkeit und Traurigkeit waren Hildegard nicht fremd. Sie selbst sagt ja einmal von sich, sie habe niemals in Sicherheit gelebt und war auch durch ihre Krankheiten stark gehemmt. Verkörpert die heilige Hildegard in gewisser Weise auch eine Art christliche Absage an den Perfektionswahn unserer Zeit?

Durchaus. Sie ist eine sehr moderne Persönlichkeit, weil sie eben nicht immer das starke Gefühl der Sicherheit gehabt hat. Das kennen viele Menschen unserer Tage. Es ist die Spiritualität des Thomas, der im Evangelium „der Zweifler“ genannt wird. Das kennt Hildegard auch. Diese Erfahrung gehört zu einem lebendigen Glauben. Ihre hohe Sensibilität hängt auch damit zusammen, dass sie mit Krankheiten konfrontiert war. Die Einheit von Leib und Seele kann der Mensch im Licht des Glaubens noch einmal wachsamer wahrnehmen. Die heilige Hildegard kann uns helfen, den zweifelhaften Jugendwahn und alles, was den Menschen nicht in dieser Ganzheit sieht, kritisch anzuschauen.

Hildegard kam ja nach eigener Aussage wieder zu Kräften, als sie zu schreiben begann. Hängt Neuevangelisierung heute auch davon ab, dass wir Christen, um es mal schlicht zu formulieren, mehr arbeiten und weniger schonen?

Man kann daraus ablesen, dass nicht allein der Rückzug ins Sich-Schonen dem Menschen hilft. Wer sich aus innerer Leidenschaft exponiert und Sendungsbewusstsein hat, kann gerade unter Aufbietung aller Kräfte auch die Erfahrung machen, über sich hinaus zu wachsen und anderen damit Mut machen, alles zu geben. Nachfolge bekommt dort immer ihre stärkste Kraft, wo der Mensch bereit ist, bei allen Grenzen alles für Christus zu geben. Die Treue im täglichen Tun und Beten ist die stärkste Kraft gegenüber der Versuchung, zu kapitulieren.

Die geistliche Entwicklung Hildegards ist kaum vorstellbar ohne das Vorbild der Magistra Jutta von Sponheim. Jutta war für die junge Hildegard Lehrerin und zugleich wichtigste Bezugsperson. Brauchen wir heute mehr geistliche Patenschaften für Kinder und Jugendliche, die oft von Zuhause wenig geistliche Hilfestellung bekommen?

Neue geistliche Verwandtschaften erlebe ich bei meinen Besuchen in den Diaspora-Gemeinden. Die wenigen Familien, die dort sonntags mit Kindern an der Eucharistiefeier teilnehmen, sind untereinander sehr verbunden. Sie sind nicht verwandt im Sinne von Blutsverwandtschaft, aber gehören zusammen. Die Kinder kennen sich untereinander. Manchmal beobachtete ich dann nach dem Gottesdienst, dass diese Kinder so wie früher Vettern und Cousinen aus großen Familien zusammen sind.

Das Dekret zur Heiligsprechung hebt Hildegard ja auch als Marienverehrerin hervor. Die Frauen können in ihr, so heißt es darin, „ein mächtig leuchtendes, ganz erfülltes Lebensbeispiel entdecken. „In der Nachahmung der Jungfrau Maria war Hildegard von der vorzüglichsten Eigenschaften der Frauen teilhaftig.“ Entspricht eine marianisch geprägte Spiritualität den geistlichen Bedürfnissen der Frauen in Wirklichkeit besser als die hierzulande doch sehr verbreitete Routine von Jammern und Fordern?

Ich habe in den Sommerferien das Buch „Sakramentalität“ von Karl-Heinz Menke durchgearbeitet. Beeindruckt hat mich darin, wie er hier Maria als Urbild der Kirche zu vermitteln vermag – aus theologischer Sicht, aus dogmatischer Sicht, aber auch mit einer ganz tiefen spirituellen Dimension. In Maria wird der Habitus des sich Beschenkenlassens ganz anschaulich. Darin ist Maria zutiefst das Urbild des Glaubens und das Urbild der Kirche. Die Muttergottes vermag in der Schöpfungsordnung Gottes – weil sie offen ist im Hören und im Empfangen – auf eine nachhaltige Weise die Kirche zu prägen. Maria als Urbild der Kirche wieder stärker in den Blick zu nehmen, stärkt die Kirche in ihrer ureigensten Spiritualität. An der heiligen Hildegard von Bingen überzeugt darum ihre so ausgeprägte marianische Haltung.

Der Heilige Vater hat auf den Gehorsam der neuen Kirchenlehrerin hingewiesen: Hildegard habe sich der Autorität weiser Menschen unterstellen wollen, um den Ursprung ihrer Visionen zu unterscheiden. Sie fürchtete, dass diese das Ergebnis von Illusionen seien und nicht von Gott stammten, sagte er bei einer Katechese 2010. Manche werten Hildegards Haltung als rein zeitbedingtes Phänomen – eine Frau habe im Mittelalter keine andere Wahl gehabt. Wie verstehen Sie den Gehorsam Hildegards?

Gehorsam drückt aus, dass der Christ mit seinen Gaben der Communio des Glaubens dienen will. Gehorsam hat mit Selbstentfaltung zu tun – mit Entfaltung der eigenen Fähigkeiten im gottgewollten Sinn, nicht im Sinne von Selbstverwirklichung. Da liegt der Unterschied. Gehorsam ist auf die Gemeinschaft der Kirche ausgerichtet. In diesem Sinne ist er auch mit Demut verbunden. Darin ist Hildegard höchst aktuell. Der Heilige Vater beschreibt damit ein Kriterium für wahre Reife. Auch der heilige Franziskus will nicht mit dem Kopf durch die Wand, sondern unterstellt sich der Entscheidung der Kirche. So trägt er wesentlich dazu bei, dass sich die Kirche für das Charisma öffnet und auf diesem Weg Erneuerung findet. Das ist bei Hildegard von Bingen nicht anders. Erneuern kann sich die Kirche eigentlich nur in einer konsequenten Haltung des Gehorsams.

Hildegard hat ja Fürsten und Bischöfe zu einem ernsthaften Leben in der Nachfolge Christi ermahnt. „Verfinstere deinen Garten nicht durch träges Schweigen“, schreibt sie an Hermann von Konstanz. Wer heute mehr Konsequenz gegenüber biblischen Weisungen oder dem kirchlichen Lehramt fordert, wird leicht als Spalter abgetan. Brauchen wir eine neue Kultur des Streitens in der Kirche?

In der mittelalterlichen Disputation war es üblich, dass der Redner zunächst einmal aufnahm, was der Vorredner gesagt hatte. So wurden Bezüge hergestellt. In diesem Sinne brauchen wir eine Kultur des Sprechens miteinander. Vielleicht leidet manches Gespräch bei uns auch darunter, dass zu sehr das Eigene gesehen wird und nicht das Ganze zunächst in die Mitte genommen wird.

Wenn Sie das Gesamtwerk Hildegards einmal Revue passieren lassen, wie lässt sich denn die Quintessenz für die Neuevangelisierung heute zusammenfassen?

Hildegard ist einen Weg der Innerlichkeit gegangen. In Kontemplation und Aktion entfaltet sie sich als Geschöpf Gottes. Die größte Not unserer Zeit ist die innere Unbehaustheit der Menschen. Hildegard zeigt uns, dass in der lebendigen Beziehung zu Jesus Christus der Mensch sein wahres inneres Zuhause findet. Ist der Mensch zu Hause angekommen, kann er sich auch in die Welt hinauswagen und in seine Zeit einbringen. Sie sagte einmal: Gott wurde Mensch, damit der Mensch Heimat findet in Gott.

Was würde sie ihren Landsleuten sagen?

Schaut auf Christus. Beginnt mit ihm zu sprechen. Hört, was er euch sagt. Tut, wozu er euch sendet.