Aus den Zeitschriften

Die Tagebuchaufzeichnungen, die Henri de Lubac SJ, Mitglied der theologischen Vorbereitungskommission und späterer offizieller Berater des Konzils, vor und während des Zweiten Vatikanums verfasst hat, sind nicht nur für die Geschichte der Kirchenversammlung, sondern auch für die Theologiegeschichte des 20. Jahrhunderts insgesamt von großer Bedeutung. Nachdem 2007 die französische Originalausgabe erschienen ist, hat nun Hermann-Josef Sieben SJ in Theologie und Philosophie (4/2008 Verlag Herder Freiburg) eine Zitatauswahl in deutscher Übersetzung zusammengestellt. Eine Information darüber, ob und wann eine dringend gebotene deutsche Gesamtausgabe der insgesamt über tausend Seiten Konzilsaufzeichnungen erfolgt, bietet der Übersetzer nicht. Über de Lubac wurde 1950 wegen angeblich „verderblicher Irrtümer über wesentliche Punkte des Dogmas“ ein Lehr- und Publikationsverbot verhängt. Als einer der wichtigsten Vertreter der sogenannten „Nouvelle Theologie“ wurde er zuerst von den Dominikanern bekämpft, dann stieß er auch bei einzelnen Jesuiten auf Kritik und wurde schließlich vom Heiligen Offizium verboten. Nur drei Jahre später erfolgte die Rehabilitierung und 1960 die Berufung zum Konsultor der Vorbereitungskommission durch Papst Johannes XXIII. Treffend charakterisierte Lubac 1961 die Kommissionsarbeit: Es „wird alles Wesentliche von einer kleinen Gruppe römischer Theologen gemacht ... Man spürt bei ihnen eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber der Heiligen Schrift, den Vätern, der Ostkirche ... Es ist das Milieu des Heiligen Offiziums. Das Ergebnis ist das kleine System einer Schule, ultraintellektualistisch ohne große Intellektualität.“ Nach den Eindrücken von Lubac hat das Konzil für diese römischen Schultheologen und Berater des Heiligen Offiziums die Aufgabe, „die Lehre zu ,präzisieren‘, das heißt sie enger zu machen ...“.

Zwei Gruppen von Theologen werden von Lubac unterschieden, wobei er sich und die anderen Mitstreiter der „neuen Theologie“ offensichtlich auch selbst zur ersten Art zählt: „Die einen sagen: Lesen wir die Heilige Schrift, den heiligen Paulus usw. Erforschen wir die Tradition, hören wir auf die großen klassischen Theologen, vergessen wir nicht, unsere Aufmerksamkeit den Griechen zuzuwenden. Vernachlässigen wir nicht die Geschichte. Situieren wir die kirchlichen Texte in diesem weiten Kontext und versuchen wir, sie ihm entsprechend zu verstehen. Unterlassen wir es auch nicht, uns über die heutigen Probleme, Bedürfnisse und Schwierigkeiten usw. zu informieren.“ Mit der zweiten Art von Theologen sind die neuscholastisch geprägten Vertreter der römischen Schule gemeint: „Die anderen sagen: Lesen wir die kirchlichen Texte dieser hundert letzten Jahre, Enzykliken, Briefe, Reden zu bestimmtem Gelegenheiten, die gegen diesen oder jenen gefällte Entscheidung, Monita des Heiligen Offiziums, usw. Stellen wir aus all dem ein Mosaik her, ohne irgendetwas verloren gehen zu lassen bzw. das kleinste Wörtchen zu korrigieren. Denken wir ein klein wenig weiter und geben jeder Aussage eine stärkere Bedeutung. Verlieren wir uns nicht in neuen Erforschungen der Heiligen Schrift oder der Tradition und a fortiori nicht neuerer Gedankenbewegungen, die uns Gefahr laufen ließen, unser Absolutes zu relativieren.“ Ziel der Vorbereitungskommission ist nach de Lubac einzig die „römische Macht, welche ihre Macht ist. Sie glauben aufrichtig, dass allein darin das Heil liegt“. Um besser zu verstehen, wogegen sich Pater de Lubac wandte, ist seine Definition des „Integrismus“ zu beachten: „Man scheint zu glauben, dass der Integrismus sich durch eine größere Festigkeit in der Glaubenslehre charakterisiert, durch eine Verweigerung menschlicher verarmender Zugeständnisse. Das ist falsch. In Wirklichkeit müsste man von der ,Armut dieser Lehre‘, von ihrem Nichtkennen der großen Tradition sprechen. Um eine Leere herum Schranken anlegen und vervielfältigen, so könnte man fast die Tätigkeit gewisser Theologen des Heiligen Offiziums und solcher von ihrer Art definieren ...“

Am Ende der ersten Sitzungsperiode des Konzils (8. Dezember 1962) verteidigt Lubac die Ablehnung der vorgelegten Textentwürfe durch die Konzilsväter, was faktisch das Ende der Dominanz des Heiligen Offiziums über das Konzil bedeutet hatte: „Ich glaube, dass die Doktrin dieser Schemata arm und zu modern war, verbunden mit integristischen Übertreibungen, die von einer verkürzten Wahrheit herkommen.“ Noch einmal wendete sich Lubac nach der Lektüre von einigen Aufsätzen in einer theologischen Zeitschrift entschieden gegen den römischen Integrismus, den er auch dafür verantwortlich macht, dass zahlreiche Bischöfe zu den Reformisten, dem anderen Extrem, übergelaufen sind: Ein kleiner „Clan“ beanspruche, „den Glauben zu monopolisieren und ihn auf diktatorische Weise aufzudrängen“. Die Folge davon sei der Linksruck der Konzilsväter gewesen: „Um ihm etwas entgegenzusetzen, nötigt er in dieser Zeit des Konzils zahlreiche Bischöfe, eine revolutionäre Haltung einzunehmen, die den Frieden der Kirche kompromittiert und falsche Interpretationen nach sich zieht.“ Nach Beobachtung von P. Sieben sah Lubac die Bedrohung für das Konzils mit zunehmendem Fortgang nicht mehr vom römischen Integrismus ausgehen, sondern vom „neuen Integrismus“ den er auch die „säkularistische Theologie“ nannte. Hier fällt dann auch immer wieder der Name des Konzilstheologen Hans Küng; etwa nach der Lektüre eines Aufsatzes des Schweizer Theologen heißt es am 28. März 1965: „ein zum Aufruhr anstiftender, oberflächlicher und polemischer Artikel. Sehr feindlich gegen Paul VI. ... Ein demagogischer Artikel und voller Arroganz.“ Sehr bald hatte Lubac auch das Leitungskomitee der von Küng mitgegründeten Zeitschrift „Concilium“ wieder verlassen. Zwischen den Integralisten von Recht und von Links hat Lubac auf dem Konzil einen polnischen Bischof kennengelernt, der für ihn ein Lichtblick war: „Am Ausgang Gespräch mit Msgr. Wojtyla. Er ist voll eines tiefen christlichen Sinnes, ohne irgendeine Sklerose.“ Es bedarf wohl nicht noch weiterer Zitate, um die Notwendigkeit einer baldigen deutschen Ausgabe der Tagebücher zu begründen.

Die Internationale Katholische Zeitschrift Communio (5/2008) geht der Frage nach, ob Fantasy-Literatur eine Vorschule des Glaubens sein kann. Stratford Caldecott, Oxford, der von sich sagt, dass er seinen Glauben „zumindest teilweise C.S. Lewis und J.R.R. Tolkien, den Chroniken von Narnia und den Erzählungen von Mittelerde“ verdankt, bejaht dies entschieden. „Die geistige Schönheit moralischer Güter, wenn wir sie einmal gesehen haben, ob im Leben oder in der künstlerischen Welt einer Erzählung, kann unser Leben für immer verändern. Dann können wir mit einem gewöhnlichen Leben nicht mehr leicht zufriedengestellt werden.“ Mit erfreulicher Deutlichkeit bekennt sich der Verfasser zur Evangelisierung durch die Fantasy- Geschichten der christlichen Literaturwissenschaftler Tolkien und Lewis, denen es gelingt zu zeigen, „dass wir nicht nur nach Nahrung hungern, sondern nach Rechtschaffenheit oder sogar nach Heiligkeit im Leben.“ Michael Karger