Aus den Zeitschriften

Papst Benedikt XVI. hat zwei Jesuiten mit wichtigen Positionen an der Kurie betraut: P. Federico Lombardi SJ, Direktor von Radio Vatikan, wurde als Pressesprecher des Papstes berufen, P. Luis Ladaria SJ, Generalsekretär der Internationalen Theologenkommission, wurde zum Sekretär der Glaubenskongregation im Range eines Erzbischofs ernannt. Wenn man dies als Vertrauensbeweis des Papstes gegenüber dem Jesuitenorden betrachten will, zu dessen Ordensgelübden ein besonderes Gehorsamsversprechen gegenüber dem Papst gehört, dann ist die Art und Weise besonders verwunderlich, in der sich zwei Jesuiten über die nächste Papstwahl und die Umgestaltung der Kurie geäußert haben. Eberhard von Gemmingen SJ (geb. 1936), Leiter der deutschsprachigen Abteilung von Radio Vatikan, hat in der Herderkorrespondenz (8/2008 Verlag Herder Freiburg) detaillierte Vorschläge zur Erweiterung des Kardinalskollegiums vorgelegt. Nach Gemmingen kommt in Italien ein Kardinal auf sechs Millionen Gläubige, dieses Verhältnis überträgt er nun auf alle anderen Länder. Somit kämen „etwa aus Indien mit zwanzig Millionen Katholiken vier Kardinäle, aus Deutschland mit 26 Millionen vier oder fünf Kardinäle, aus Polen mit vierzig Millionen Katholiken sieben Kardinäle, aus den USA mit rund sechzig Millionen Katholiken 10 Kardinäle, aus Brasilien mit 135 Millionen Katholiken 22 Kardinäle“. Insgesamt kämen dann „auf alle 1, 1 Milliarden Katholiken weltweit (nur) rund 220 Kardinäle.“ Anschließend formuliert Gemmingen einen seltsamen Einwand gegen seinen eigenen Vorschlag zur „stärkeren Internationalisierung" des Kardinalskollegiums: Sie „unterstreiche die Allzuständigkeit des Papstes“. Der Einwand wird weder widerlegt noch zurückgewiesen.

Es folgt eine Bewertung des Ausganges des letzten Konklaves, eine Beurteilung des Papstes und eine Einschätzung der theologischen Qualifikation seiner Mitglieder. „Die Kardinäle einigten sich schon im vierten Wahlgang auf Kardinal Ratzinger. Das ist nicht verwunderlich, denn er ragte theologisch über (fast) alle anderen weit heraus, er hatte Vatikanerfahrung. Die Kurienkardinäle wussten, dass er kein Karrierist ist, dass er viele Sprachen beherrscht und einen guten Eindruck machen würde.“ Mit dem hypothetischen Tod des Papstes verbindet von Gemmingen auch noch die Abqualifizierung des gesamten Kardinalskollegiums: „Man stelle sich aber vor, Papst Benedikt stürbe heute überraschend. Wer wäre dann ,dran‘? Schon vor drei Jahren gab es in Europa erstaunlich wenig ernst zu nehmende Kandidaten ...“ Aber auch die südamerikanischen Kardinäle kommen bei von Gemmingen schlecht weg: „es soll ja auch eine Gruppe von Kardinälen gegeben haben, die eher gegen Kardinal Ratzinger gewesen seien, aber in Lateinamerika auch keinen sie überzeugenden Kandidaten gefunden hätten.“

Worum es von Gemmingen wohl eigentlich geht, zeigt sein abschließender plötzlicher Wechsel des Themas von der Zusammensetzung des Papstwahlgremiums zum Thema Leitung der Kirche: „Daher ist die Kirchenleitung der Zukunft notwendigerweise immer weniger das Tun eines Einzelnen, des Papstes, sondern eines Kollegiums.“ Es geht eigentlich um das Petrusamt an sich. Es ist bemerkenswert, wie Pater von Gemmingen seine Rolle vom „Sprachrohr des Papstes“ zum Gegenüber des Papstes umfunktioniert hat.

Der zweite Jesuitenpater, Thomas J. Reese, ein Amerikaner mit einem Lehrauftrag in Washington, wird in den Stimmen der Zeit (9/2008 Verlag Herder Freiburg) noch wesentlich deutlicher. Seine sechs Vorschläge zur Reform der Kurie sind eigentlich sechs Schritte zur Entmachtung des Papstes. Amerikanisch-pragmatisch geht dies bei Pater Reese auch ohne Theologie. Unkritisch heißt es nämlich, dass die Kirche „Prinzipien, Ideen und Strukturen aus Staat und Gesellschaft“ der heutigen Zeit übernehmen solle. Ins Zentrum zielt bereits der erste Vorschlag, dass kein vatikanischer Beamter zum Bischof oder zum Kardinal ernannt werden dürfe. Begründung: So soll die Kurie daran erinnert werden, „dass sie eine Dienerin des Papstes und des Bischofskollegiums und nicht selbst Teil des Lehramtes“ ist. Unausgesprochene Absicht: Der Papst hat keine loyalen ihm verantwortlichen Mitarbeiter mehr, jedenfalls keine mehr, deren Stimme Gewicht hätte. Außerdem scheint der Glaube an die sakramentale Begründung der Lehrvollmacht der Bischofsweihe völlig zu fehlen. Ein großartiges Wirken wie das von Kardinal Ratzinger als Präfekt der Glaubenskongregation im Kampf gegen zahlreiche Irrlehren soll also für die Zukunft verhindert werden. Da die von Papst Paul VI. eingeführten Bischofssynoden die „Erwartungen nicht erfüllt“ hätten, wird gefordert, „dass kein Mitglied des vatikanischen Apparates Mitglied der Bischofssynode sein kann...“

Wenn alle Teilnehmer einer Bischofssynode wie gefordert von den Bischofskonferenzen gewählt würden, hätte man dem Papst den Einfluss auf die Synode entzogen. Zudem wird gefordert, dass alle fünf Jahre eine Sy-node stattfinden müsse, die nicht vom Papst, sondern von Vertretern der Bischöfe in einem ständigen Rat vorzubereiten sei. Ein Konzil müsse „einmal in jeder Generation“ einberufen werden. Über den Einfluss beziehungsweise Nichteinfluss des Papstes auf das Konzil sagt Reese nichts. Wenn man allerdings die Regel, dass kein Kurialer Bischofsrang haben dürfe zugrunde legt, bleibt für den Papst auch wenig Einfluss auf die Kommissionen übrig, in denen die Vorlagen für das Plenum erarbeitet werden. Dies ergibt sich auch aus der dritten Forderung, dass Mitglieder vatikanischer Kongregationen und Räte von Synoden oder Bischofskonferenzen zu wählen seien. Auf diesem Wege könnten dann endlich die Synoden und Bischofskonferenzen „den Apparat des Vatikans überwachen“. Beamte des Vatikan sollten keiner Kongregation angehören. Damit würde faktisch die Kurie dem Papst nicht mehr unterstehen. Die Forderung nach einer unabhängigen Gerichtsbarkeit in Glaubensfragen stellt insofern einen direkten Angriff auf Papst Benedikt, den ehemaligen Präfekten der Glaubenskongregation, dar, denn die „Behandlung von Theologen, denen von der Kongregation für die Glaubenslehre vorgeworfen wird, im Dissens mit der Lehre der Kirche zu stehen, ist einer der größten Skandale der Kirche“.

Inwieweit überhaupt Lehrverurteilungen dann noch erlaubt sind, darf gefragt werden. Der fünfte Reformvorschlag betrifft den Modus der Bischofsernennungen. Einer der wichtigsten Akte, in denen sich das Petrusamt in seiner Bedeutung für die Einheit der Kirche ausdrückt. Der Jesuitenpater Reese schlägt die Wahl der Bischöfe durch den Klerus der Diözesen vor. Vom Papst ist dabei überhaupt nicht mehr die Rede. Die sechste Forderung sieht die Stärkung der Bischofskonferenzen vor: „Es sollte nicht so sein, dass jede Entscheidung und jedes Dokument vom Vatikan überprüft und ratifiziert werden muss. Man muss (!) darauf vertrauen, dass Bischöfe wissen, was das Beste für eine Ortskirche ist.“ Wozu es eines Petrusamtes überhaupt noch bedarf, wird vom Verfasser wohlweislich nicht gefragt, dienen doch alle sogenannten Reformvorschläge der Zerschlagung der katholischen Kirchenstruktur durch die völlige Entmachtung des Papstes. Dies ist nicht einmal originell, werden hier von Reese doch nur die alten Forderungen von Hans Küng wiedergegeben. Dem Verfasser seien die zahlreichen Beiträge des Papstes zum Verhältnis Ortskirche und Universalkirche und über die Bedeutung des Petrusamtes empfohlen, um sich von der völlig falschen Frontstellung Kurie gegen Ortsbischöfe zu befreien und um eine theologische Basis für das Thema zu finden. Michael Karger