Aus den Zeitschriften

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Was Hans Urs von Balthasar unter Glauben versteht

Zwei Aufsätze befassen sich mit dem Denken des katholischen Schweizer Theologen Hans Urs von Balthasar. Der Systematiker Rodrigo Polanco, Professor der Universität von Chile, fasst in Geist und Leben (2/2018 Verlag Echter Würzburg) zusammen, was Balthasar unter Glaube versteht und was er meint, wenn er von einem „Glauben Jesu“ spricht. Glaube umfasst für Balthasar den subjektiven Glaubensakt und den ganzen Glaubensinhalt. Die Zustimmung zur Selbstoffenbarung in Christus ist zugleich die Erfahrung der Herrlichkeit und der Schönheit. Zuletzt ist für Balthasar der Glaubensvollzug „Spiegel und Abbild der Trinität“.

Was heißt das? Vor der Erschaffung war die Schöpfung bereits gedacht und Gott sah den Menschen immer schon im Sohn. Ziel ist die Verwandlung des Menschen aus der Liebe Gottes heraus zu dem, was er in Christus bereits ist. „Im Schöpfungsakt selbst als Akt extremer Selbstlosigkeit und Selbstschenkung war innerlich die immerwährende Verpflichtung Gottes seiner Kreatur gegenüber bereits enthalten.“ Im Gehorsam des menschgewordenen Sohnes gegenüber dem Vater zeigt sich, worin das Leben des Glaubens besteht. Grundlegend ist für Balthasar in diesem Zusammenhang die Einheit von Person und Sendung Jesu Christi.

Wichtig ist zudem der qualitative Unterschied zwischen dem Glauben Jesu und dem unseren: Wir erhalten unsere Sendung mit dem Glauben, während Christus „seine Sendung immer schon hat und ist, und in seiner Sendung der dem weisenden Vater restlos Hingegebene und Vertrauende ist“. Vom Heiligen Geist wird Jesus geführt, und er lässt sich führen. „So besitzt Jesus das Wesentliche des Glaubens: Vertrauen und Gehorsam in der Identität mit der Sendung.“ Somit kann Glaube von Balthasar definiert werden als „die geschenkte Teilhabe an der vollkommenen Bundestreue Christi“.

Zum Kirchenverständnis Hans Urs von Balthasars

In der Zeitschrift für katholische Theologie (1/2018 Verlag Echter Würzburg) untersucht der reformierte Theologe Sven Grosse die ökumenische Bedeutsamkeit der typologischen Ekklesiologie Hans Urs von Balthasars. Für Balthasar sind zentrale Personen des Lebens Jesu für die weitere Geschichte der Kirche von typologischer Bedeutung: „Wie Christus selbst sind auch Maria, Petrus, Paulus, Johannes nicht so sehr sittliche ,Vorbilder‘, … als Prägestempel (,typos‘) für die Gestalt der Kirche durch die Geschichte hindurch.“ Petrus steht dabei für das Amt in der Kirche, den Bischof von Rom, den Papst, aber auch für das Bischofsamt insgesamt und allgemein für die priesterliche Existenz. Maria steht für die Grundhaltung des Glaubens, die umgreifende Mütterlichkeit der Kirche. Johannes steht für die sich zurücknehmende Mitte zwischen Petrus und Maria. Er ist die Liebe, durch welche die beiden anderen Prinzipien verbunden werden. Nun wird der allegorischen beziehungsweise typologischen Methode unterstellt, dass sie sich zu weit vom biblischen Text entferne. Thomas von Aquin und Luther stimmen darin überein, dass ein typologisches Argument nicht zählt, sondern nur der Literalsinn kann zur Argumentation herangezogen werden. Auf dieser Grundlage hat der Verfasser die ekklesiologische Typologie Balthasars exegetisch mittels der buchstäblichen Auslegung des Neuen Testamentes überprüft. Sein Ergebnis ist, dass die typologische Auslegung Balthasars nicht im Widerspruch zum Literalsinn der Bibel steht. So sieht der Verfasser die Auslegung des Lebens des Apostels Paulus als Prinzip des bischöflichen Wirkens und der apostolischen Existenzweise durch das Neue Testament gedeckt: „Das Thema des Amtes wird im Neuen Testament so dargestellt, dass Paulus etwa in 1 Korinther 9, 1–19 sich als Apostel identifiziert, so dass sein Verhalten, … vor dem Hintergrund dessen zu verstehen ist, was einem Apostel als solchem zusteht.“

Bei Balthasar steht Petrus für die hierarchische und sakramentale Struktur der Kirche als „objektiver Geist“. Dem steht in der Gestalt der Gottesmutter Maria der „subjektive Geist“ gegenüber. Mit den Worten Balthasars gesagt: „Maria ist jene Subjektivität, die in ihrer weiblichen und empfangenden Weise der männlichen Subjektivität Christi durch die Gnade Gottes und die ,Überschattung‘ seines Geistes voll zu entsprechen vermag.“ Durch ihren Glauben ist Maria Urbild der Kirche geworden. Die marianische Grundhaltung ist die Grundhaltung des Glaubens schlechthin. Sie geht dem Amt voraus. Wenn allerdings der Verfasser behauptet, dass hinsichtlich der Mitwirkung Marias und der Kirche am Heil nur von einem „uneigentlichen Sinne“ gesprochen werden könne, dann ist dies in keiner Weise die Auffassung Balthasars.

Interessant ist das Kapitel über die typologische Ekklesiologie als „Erhellung“ des Verhältnisses zwischen den Konfessionen. Balthasar lehnte die von Schelling in seiner „Philosophie der Offenbarung“ vorgetragene typologische Ekklesiologie ab. Petrus steht für Schelling für den Gesetzgeber, das Stabile und das Grundlegende. Paulus wird von Schelling als das Prinzip der Bewegung, der Entwicklung, der Freiheit verstanden. Als den Apostel der zukünftigen, noch ausstehenden Kirche sah Schelling den Apostel Johannes. Für Schelling war Paulus der erste Protestant, und Petrus steht für die römisch-katholische Kirche. Für Schelling war die Rechtfertigungslehre nicht die zentrale Lehre des Protestantismus. Balthasar lehnt die typologische Zuordnung von Johannes, Petrus und Paulus auf die verschiedenen Konfessionen ab. Er sieht sie als die wesentlichen Teile des Gesamtgefüges der einen katholischen Kirche an.

Allerdings spricht Balthasar auch die Zerstörung der Kirche an, die dadurch geschieht, dass sich eines der Prinzipien gegen das andere wenden würde. Sollte sich das johanneische Prinzip isolieren, würde es dem Pneumatismus und der Gnosis verfallen. Eine erstarrte reine Amtlichkeit der Kirche würde zum theologischen Positivismus und zur Gesetzesreligion führen. Eine rein paulinische Kirche würde dem Rationalismus und dem Dogmatismus verfallen.

In diesem Zusammenhang erinnert der Verfasser an die Schrift von Wladimir Solowjew „Kurze Erzählung vom Antichrist“ aus dem Jahr 1900. Darin wird Petrus typologisch mit der katholischen Kirche identifiziert, Paulus steht für den Protestantismus, und Johannes stellt die Ostkirche vor. Was der Verfasser nicht erwähnt, ist, dass die Erzählung wohl von Schellings „Philosophie der Offenbarung“ abhängig ist, beziehungsweise von hier aus weiterentwickelt wurde. Es gibt zu denken, dass die typologische Ekklesiologie Balthasars nach Meinung eines reformatorischen Theologen mit dem Sola-Scriptura-Prinzip übereinstimmt, während die katholische Theologie um diese so bedeutsame Lehre aus Angst vor dem Vorwurf der „Unwissenschaftlichkeit“ einen großen Bogen macht. Michael Karger