Aus den Zeitschriften

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Über Die Einmaligkeit

des Opfers im Christentum

Religionen werden heute vielfach für Gewalt verantwortlich gemacht und zur Gefahr erklärt. Markus Knapp setzt sich in den Stimmen der Zeit (1/2018 Verlag Herder Freiburg) mit einer Theorie auseinander, die das Christentum als „gewaltbegrenzend und gewaltkritisch” erweisen wollte. Es handelt sich um die einflussreiche Theorie über den Zusammenhang von Anthropologie, Gewalt und Religion, die der französische Literaturwissenschaftler und Kulturanthropologe René Girard (1923–2015) entwickelt hat.

Am Anfang aller Neigung zur Gewalt sieht Girard das von ihm so genannte „mimetische Begehren“: „Ich wünsche für mich, was der andere begehrt oder bereits hat, und werde dadurch zu seinem Rivalen.“ In archaischer Zeit sei nun diese Rivalität Aller gegen Alle umgelenkt worden gegen einen Einzelnen, der zum Opfer wurde. Dieser Sündenbock wurde nun für alle Zerrissenheit und Gewaltbereitschaft verantwortlich gemacht. Erst der Opfertod des Sündenbockes habe das Zusammenleben wieder ermöglicht. Als Opferkult sei dann dieser Mord ritualisiert worden. Zum Heilsbringer stilisiert, wurde das Opfer schließlich vergöttlicht. Hier liege der Ursprung aller Kulturen und ihrer Religionen. Auch wenn sich in der Bibel, etwa in der Geschichte von Kain und Abel, ein Brudermord aus mimetischer Rivalität findet, der einem solchen Gründungsmythos entspricht – Kain flieht und gründet eine eigene Zivilisation, die wiederum Gewalt begrenzt –, so sieht Girard doch in der Schrift etwas eigenständig Neues. Etwa in der Josefsgeschichte werde die Unschuld des Opfers und damit die Unrechtmäßigkeit der Gewalt dargestellt. Die Sakralisierung der Gewalt im Opferkult, die immer neu die Spirale der Gewalt in Gang setze und so immer neue Sündenböcke und Opfer produziere, habe erst das Christentum infrage gestellt: Jesus stirbt als unschuldiges Opfer am Kreuz.

Durch die im Neuen Testament vollzogene Einsicht in den Opfermechanismus und seinen Ursprung im „mimetischen Begehren“ sei die Vorstellung überwunden worden, dass Gewalt nur durch Gewalt zu besiegen sei. Wenn der biblische Gott dem Opfermechanismus widerspricht, dann kann er auch nicht durch Vergöttlichung eines unschuldigen Opfers entstanden sein. Für Girard besteht die Einmaligkeit des Christentums darin, „dass mit dem Christusereignis prinzipiell der Ausbruch aus den immer neuen Gewaltzyklen möglich geworden ist.“

Von den meisten Kritikern der Theorie wurde Girard wegen seines Opferbegriffs und seiner Deutung des Kreuzestodes widersprochen. Knapp setzt mit seiner Kritik bei der anthropologischen Grundlage an, dem „mimetischen Begehren“. Girard ignoriere das grundlegende Streben des Menschen nach Anerkennung. Erst die wechselseitige Anerkennung und Bejahung mache das Menschsein aus. Die Menschen können sich „ihrer Individualität und ihrer Einzigkeit nicht durch die Vernichtung des Anderen vergewissern, sondern nur dann, wenn sie von diesem als Individuum mit seinen ganz spezifischen Eigenschaften und Fähigkeiten anerkannt werden.“ Diese wechselseitige Anerkennung setze nun die Selbstbeschränkung voraus, die allem Recht und aller Moral zugrunde liege. Gott bejaht sein Geschöpf bedingungslos und bewegt den Menschen dadurch, auch seine Mitmenschen anzuerkennen. In der Bejahung der Einmaligkeit des Anderen wird die Rivalität überwunden. Damit besteht das Opfer in der wohlwollenden Zuwendung zum Anderen, deren Maß die umsonst geschenkte Hingabe Gottes ist.

Karl Barths Rezeption der

katholischen Marienlehre

Zwei Tage vor seinem Tod hat der reformierte Theologe Karl Barth gesagt: „Man habe wohl die ganze Frage der Mariologie theologisch doch noch nicht aufgearbeitet und man müsse sie auch evangelischerseits noch einmal von Anfang an durchdenken.“ Darin sieht Ivan Podgorelec in seiner Darstellung der Stellung Marias im Denken von Karl Barth die „Zurücknahme seiner ganzen Mariologiekritik“. Auch wenn dieser eine Satz eine solch weitreichende Deutung sicher nicht zulässt, so ist doch die Zusammenstellung der Äußerungen Barths über Maria und seine Haltung zur katholischen Marienlehre im Forum Katholische Theologie (4/2017 Verlag Schneider Druck Rothenburg/Tbr.) bedeutsam. Barth bekennt sich zum geschichtlichen Ereignis der Jungfrauengeburt und darin auch zur Jungfräulichkeit Marias. Allerdings stellt diese für Barth gerade keinen Anknüpfungspunkt für die Gnade dar. Jungfrauengeburt bedeutet in seinem Verständnis, dass der Mensch eben nicht die Fähigkeit hat, sich mit Gott zu vereinen. Stets betont Barth die göttliche Souveränität und die menschliche Begrenztheit. Die Jungfräulichkeit Marias ist demnach „nur Zeichen des über den Menschen ergehenden Gerichts und der göttlichen Gnade“. Barth erkennt Maria den Titel „Gottesgebärerin“ zu. Mit diesem Titel sieht Barth das wahre Gottsein und das wahre Menschsein Jesu ausgesagt. Allerdings ist die Rolle von Maria nicht von bleibender Bedeutung. Mit dem Titel Gottesmutter gehe es um die Würde des Sohnes, nicht um die Würde Marias. Vom Titel Gottesmutter her dürfe keinesfalls eine herausgehobene Stellung Marias in der Heilsgeschichte abgeleitet werden. Die Person Marias werde vom Faktum der Gottesmutterschaft nicht berührt. Über die christologische Bedeutung hinaus hat das Jawort Marias und ihre Mutterschaft höchstens eine exemplarische Bedeutung in Hinblick auf den gebotenen Glaubensgehorsam. Allerdings wendet sich Barth gegen einen „Christomonismus“ und gegen eine „Alleinwirksamkeit Gottes“ und spricht sogar vom Jawort, das Maria in Freiheit gesprochen habe. Trotzdem wird von Barth keine personhafte ganzmenschliche Antwort im Sinne einer Mitwirkung, wie sie die katholische Mariologie und Gnadenlehre vertritt, angenommen.

Entschieden ablehnend steht Barth zu den Glaubenswahrheit von der unbefleckten Empfängnis und der Aufnahme Marias in den Himmel. Nach der Dogmatisierung der Aufnahme Mariens in den Himmel 1950 sah Barth die Positionen im ökumenischen Gespräch hinsichtlich der Gnadenlehre weiter auseinanderdriften. Er unterstellt der katholischen Kirche, dass sie kein Verständnis für den großen Unterschied zwischen dem Alten und dem Neuen Testament habe: „Außer der Erhöhung Jesu Christi gibt es nämlich im Neuen Testament für die Entrückung einer Person keine Parallele zu der Entrückung Elias im Alten Testament.“ Von der Kirche sei nicht verstanden worden, „dass es im Neuen Testament nach der Erhöhung Jesu Christi nur noch die Entrückung der Gemeinde bei der Wiederkunft Christi gibt“.

Die hervorgehobene Stellung Marias in der katholischen Theologie und Frömmigkeit habe dazu geführt, „dass sie zu einem zweiten Zentrum neben Christus erhoben, dass eine besondere Lehre von der Gottesmutter herausgebildet wurde, dass in der kirchlichen Frömmigkeit die Gestalt Marias die Gestalt Christi in den Schatten stellen konnte“. Als die Empfängerin der Verheißung bezeugt Maria das außerordentliche Handeln Gottes, seine Gnade und Barmherzigkeit. Maria ist die Jungfrau, die durch Gott Mutter wurde. Im Magnificat spricht Maria für Barth im Namen der Kirche: Gott hat ihre Niedrigkeit angeschaut. Unzulässigerweise habe die katholische Kirche Maria zur Himmelskönigin gemacht. Letztlich steht für Barth hinter allen Streitfragen des ökumenischen Dialogs die Mariologie und ihre große Rolle für die katholische Theologie und Frömmigkeit. Demgegenüber entspricht nach Barths Meinung die Rolle der Kirche weniger der Marias als vielmehr der des heiligen Josef. Josef bleibe, wie auf vielen Weihnachtsdarstellungen, stets in der dienenden Rolle im Hintergrund.

Michael Karger