Aus den Zeitschriften

Insgesamt 3 000 Menschen sind in den USA den islamistischen Mordanschlägen vom 11. September 2001 zum Opfer gefallen. Darunter sind auch alle Insassen der vier Flugzeuge, die durch die Entführer gezielt zum Absturz gebracht worden sind. Mit schwerwiegenden Menschenrechtsverletzungen hat die US-Regierung auf die terroristischen Angriffe geantwortet. Bereits der Befehl des Verteidigungsministers, die entführten Passagierflugzeuge abzuschießen, der die Kampfpiloten allerdings erst nach den Abstürzen erreichte, war die Anordnung zur direkten Tötung Unschuldiger.

Als „erweiterte Verhörmethoden“ verharmloste Folterung von Verdächtigen (Guantanamo Bay) sowie die Übergabe von Gefangenen an andere Staaten, um sie dort gezielt mittels Folter zu Aussagen zu zwingen, stellen in sich schlechte Handlungen dar, die stets zu unterlassen sind. Beunruhigt durch die zunehmende Infragestellung der Menschenrechte im Zeitalter des weltweit operierenden Terrorismus hat der Jurist und Schriftsteller Ferdinand von Schirach das Theaterstück „Terror“ verfasst. Ausgangspunkt ist die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts von 2006, das den Abschuss eines mit unschuldigen und unbeteiligten Passagieren besetzten Flugzeuges, das von Entführern in ein Gebäude, Stadion oder Atomkraftwerk gesteuert werden soll, grundsätzlich verbietet. Im Theaterstück steht ein Bundeswehrpilot vor Gericht, weil er entgegen dem strikten Unterlassungsgebot des Verfassungsgerichtes und befehlswidrig ein Passagierflugzeug abgeschossen hat, das von Terroristen in Richtung eines voll besetzten Fußballstadions gelenkt wurde.

Im Stück wird der Pilot wegen Totschlags verurteilt. Absicht des Verfassers ist es, den Zuschauern zu vermitteln, dass bestimmte Handlungen wie die Tötung Unschuldiger immer mit der Menschenwürde unvereinbar und daher jeder Güterabwägung entzogen sind. Im übrigen sagt dies die Sollenserfahrung jedem Menschen in seinem Gewissen. Gemäß der klassischen philosophischen und christlichen Ethik ist der Handelnde für die Folgen einer in sich schlechten Handlung verantwortlich zu machen. Auch darf der Staat solche Handlungen nicht fordern oder fördern, sondern muss Unterlassungsgebote für Handlungen festlegen, die unabhängig von den jeweiligen Umständen immer und überall die Würde der Person zerstören.

Dies hat das Verfassungsgericht getan. Die schlichte Einsicht, dass man unschuldige Menschen unter keinen Umständen töten darf, wird allerdings von der moralphilosophischen Richtung des Utilitarismus beziehungsweise des modernen Konsequentialismus abgelehnt. Die sittliche Qualität einer Handlung ergibt sich für den Konsequentialisten erst aus der Betrachtung der Gesamtbilanz der Handlungsfolgen. Robert Spaemann, auf den wir uns hier stützen, hat die Denkfehler des Utilitarismus am klarsten analysiert. Er hat die Neudefinition von Gut und Böse durch den Utilitarismus auf den Punkt gebracht: „Sittlich gut ist, woraus Gutes folgt.“

Obwohl der Konsequentialismus inzwischen philosophisch widerlegt wurde, hält die Mehrzahl der deutschen katholischen Moraltheologen weiter und mit fatalen Folgen an ihm fest. Zu den Konsequentialisten zählt auch der Jesuitenpater Peter Knauer (geb. 1935). In den Stimmen der Zeit (5/2016 Verlag Herder Freiburg) gibt der emeritierte Fundamentaltheologe dem Kampfpiloten ausdrücklich recht: Der Abschuss der Passagiermaschine sei moralisch geboten gewesen. Damit widerspricht Knauer dem Bundesverfassungsgericht, das keine Ausnahme von der Unterlassungspflicht, niemals einen Unschuldigen zu töten, gelten lässt.

Wie argumentiert nun der Jesuitenpater? Wenn ein Chirurg ein Bein amputiere, müsse er doch auch „gegen das Prinzip, dass der gute Zweck nicht das schlechte Mittel heiligt“ handeln: Er verstümmelt den Patienten, „was eine in sich schlechte Handlung ist, aber hier in Kauf genommen wird, um einen guten Zweck zu erreichen“. Sogar der „Katechismus der Katholischen Kirche“, so Knauer, kenne diese erlaubte Ausnahme wenn er sagt: „Außer wenn streng therapeutische Gründe dafür sprechen, verstoßen direkte gewollte Amputationen, Verstümmelungen oder Sterilisationen unschuldiger Menschen gegen das sittliche Gesetz.“ (Nr. 2297)

Also, folgert Kauer, heilige eben doch ein guter Zweck ein schlechtes Mittel. Darauf ist zu antworten: Ethik kann niemals von den Handlungsfolgen absehen. Meistens beruhen unsere Handlungen auf der Abwägung der Folgen oder Güter, die von der Handlung betroffen sind. Ergebnis einer Güterabwägung ist natürlich auch die Amputation des nicht mehr durchbluteten Beines eines schwer Zuckerkranken: Im Hinblick auf das Ziel der Erhaltung oder Wiederherstellung der Gesundheit des Patienten ist ein beeinträchtigtes Leben mit Beinprothese dem Tod vorzuziehen. Insofern rechtfertigt der gute Zweck das Mittel. Knauer will jedoch sagen, dass das Abwägen von Werten und Gütern die generelle Weise des sittlichen Handelns sei. Dies ist aber unrichtig. Es geht nicht um die Berücksichtigung von Handlungsfolgen oder deren Nichtberücksichtigung, sondern um die Frage, für welche Folgen der Handelnde die Verantwortung trägt und für welche eben nicht. Es geht darum, ob bestimmte Handlungsfolgen niemals verursacht werden dürfen, oder ob unter bestimmten Umständen jede Handlung erlaubt ist, wenn die positiven Folgen aufs Ganze gesehen überwiegen.

Dazu hat, was Knauer nicht sagt, der Katechismus eine eindeutige Haltung: „Niemand darf sich, unter keinen Umständen, das Recht anmaßen, ein unschuldiges menschliches Wesen direkt zu zerstören.“ (Nr. 2258) Wenn hier auch auf die gesamte Argumentation von Knauer nicht eingegangen werden kann, sollen doch einige grundlegende Punkte angesprochen werden. Für Knauer ist das Abschießen der Passagiermaschine und die Tötung der Fluggäste „nicht der gewollte ,Gegenstand‘ der Handlung, sondern ein höchst unerwünschter Nebeneffekt“.

Gegenstand der Handlung sei allein die Lebensrettung. Diese folge dem Prinzip: „Es geht um die Verhältnismäßigkeit der Handlung zu den in ihr angestrebten Werten in universaler, also uneingeschränkter Betrachtung.“ Dies setzt allerdings voraus, dass der Handelnde nicht nur für die beabsichtigten Folgen seiner Handlung, sondern im gleichen Maße auch für die vorhersehbaren Folgen uneingeschränkt Verantwortung trägt. Man müsste also sämtliche Folgen einer willentlichen Handlung, die man vorhersieht, beabsichtigen. Dies ist unmöglich, wird aber vom Konsequentialismus verlangt.

Knauer behauptet, er betreibe keine Güterabwägung, sondern es gehe um die Schadensminimierung. Ob man aber das konsequentialistische Kalkül universale Optimierungspflicht oder universale Schadensminimierungspflicht nennt, macht keinen Unterschied. Knauer behauptet, dass er Menschenleben nicht gegeneinander aufrechne, sondern es gehe nur darum, gemäß dem Grundprinzip der Schadensminimierung so viele Menschen wie möglich zu retten. Sein Grundprinzip lautet: „Die Zulassung oder Verursachung eines Schadens ist nur dann ,direkt‘ und macht damit den ethischen ,Gegenstand‘ der Handlung aus, wenn ihr Grund kein ,entsprechender‘ ist, sondern die Handlung vielmehr auf Dauer und im Ganzen, also in universaler Betrachtung, den Schaden vergrößert, anstatt ihn zu minimieren.“ Ein „entsprechender Grund“ ist für Knauer das Gegenteil davon, „dass die Handlung ihren eigenen Grund auf die Dauer und im Ganzen untergräbt, ihm also widerspricht.“ Die Tötung der Flugzeuginsassen ist also nicht gewollter Gegenstand der Handlung, sondern nur ein „höchst unerwünschter Nebeneffekt“. Dieser könne „dann aber, durchaus mit Bedauern, in Kauf genommen werden, wenn der Abschuss des Flugzeugs die einzige Weise ist, einen noch (in diesem Fall sogar viel) größeren Schaden zu verhindern“.

Das Menschheitsethos verbietet aber die Tötung eines Unschuldigen generell. Diese Unterlassungspflicht bedeutet eben gerade nicht, dass nur das verhältnismäßig Bestmögliche das Gute sei. Dadurch wird ja gerade jede sittliche Einzelnorm von der Nichtminimierungs- oder Optimierungsstrategie aufgehoben. Konsequentialismus verpflichtet jeden Menschen dazu, mit jeder Handlung oder Unterlassung den Gesamtzustand der Welt zu verbessern oder zumindest nicht zu verschlechtern. Das Menschheitsethos lehrt demgegenüber: Immer und überall soll und kann der Mensch Handlungen gegen die Personenwürde unterlassen. Dies gilt für den Flugzeugentführer in Bezug auf seine Geiseln genauso wie für den Bundeswehrpiloten, der dabei ist, unschuldige Passagiere zu töten, weil ihm konsequentialistische Experten eingeredet haben, dass er für die vorhersehbaren Folgen seiner Unterlassung die gleiche Verantwortung trage wie für die beabsichtigten Folgen. Robert Spaemann hat wiederholt an den römischen Rechtsgrundsatz erinnert: „Für die Unterlassung dessen, was wir nicht dürfen, trifft uns so wenig die Verantwortung wie für Unterlassungen dessen, was wir physisch nicht können.“

Mit keinem Wort geht der katholische Seelsorger Knauer auf die Folgen der Handlung für den Handelnden selbst ein. Wir haben aber eine Verantwortung für uns selbst, die jeder Verantwortung Grenzen setzt. Für Spaemann führt die Leugnung unbedingt geltender Handlungsverbote dazu, dass Handlungen begangen werden, die denjenigen mehr entwürdigen, der das Unrecht tut, als denjenigen, der es erleidet. Knauer fordert die Aufhebung der verfassungsrechtlichen Schutzpflicht vor unzumutbaren Befehlen, deren Ausführung Unschuldige an ein Optimierungskalkül ausliefert, infolgedessen ihr Tod als „Nebeneffekt“ in Kauf genommen wird. Dies kann sich, wie wir heute in aller Welt sehen, nur verhängnisvoll auf das Lebensrecht ungeborener, alter und kranker Menschen auswirken. Knauer sagt: „Ein uneingeschränkter Horizont lässt sich nicht durch Einordnung in einen angeblich noch umfassenderen Horizont relativieren.“

Konsequentialismus bedeutet konsequente moralische Überforderung. Kein Mensch kann die Gesamtfolgen aller Handlungen und Unterlassungen überblicken. Sittliche Verantwortung ist immer begrenzte Verantwortung. Den umfassenden Horizont hat Gott allein. Für Spaemann neigen besonders Atheisten zum Konsequentialismus, „weil dort, wo Gott nicht als Herr der Geschichte verstanden wird, Menschen versucht sind, die Totalverantwortung für das, was geschieht, zu übernehmen“. Konsequentialismus hebt die Unterscheidung von Moral und Geschichtsphilosophie auf. Spaemann unterscheidet den Gebotswillen Gottes, das Sittengesetz, das wir kennen und befolgen sollen, vom Geschichtswillen Gottes, den wir nicht kennen und den wir nur hinnehmen können. Diese Unterscheidung bewahrt den Menschen vor der völligen moralischen Überforderung, die nur in Resignation oder moralischen Rigorismus umschlagen kann.

Weil Knauer erkannt hat, dass der Konsequentialismus oftmals seine eigenen Konsequenzen nicht verantworten kann, leitet er im Fall von Folter und Erpressung aus der Betrachtung der Umstände die Unerlaubtheit ab. Genau besehen hat Knauer aber damit keineswegs in sich schlechte Handlungen definiert, die stets zu unterlassen sind, weil sie die Menschenwürde verletzen würden. Für ihn gibt es keine Erpressung zu in sich schlechten Handlungen, die darum stets zu unterlassen sind, weil für ihn eine Handlung nur dadurch „in sich schlecht sein kann“, wenn sie „gegenüber dem in ihr angestrebten Wert letzten Endes und universal betrachtet die Struktur des Raubbaus, der Kontraproduktivität hat“.

Grundprinzip bleibt auch hier eine Optimierungsstrategie, der keine moralischen Grenzen gesetzt werden können, „da das Moralische durch die Strategie selbst erst definiert wird“ (R. Spaemann). Sittlichkeit wird in die Absicht des Handelnden verlegt, seiner universalen Weltverbesserungspflicht nachzukommen. Auch im Fall von Folter und Erpressung zu unmoralischen Handlungen bedarf es erst der Kenntnis der Umstände und der Absicht der Handelnden. Um Handlungen zu erkennen, die grundsätzlich und jederzeit zu unterlassen sind, bedarf man aber weder der Kenntnis der Umstände noch der Absichten der Handelnden. Konsequentialismus schwächt das Unrechtsbewusstsein und läuft immer auf die Entmündigung des Gewissens hinaus, das gegenüber dem Experten und seinem angemaßten universalen Verantwortungsbewusstsein keinerlei Einspruchsrecht mehr hat. Michael Karger