Aufarbeitung angekündigt

Weitere Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche

Bonn (DT/KNA) Im Missbrauchsskandal der katholischen Kirche sind weitere Fälle bekannt geworden. In Regensburg äußerte sich am Freitag der Sprecher des Bistums, Clemens Neck, zur Aufarbeitung von Fällen bei den Regensburger Domspatzen. Neck sagte vor Journalisten, es gebe bisher keinen aktuellen Fall. Allerdings meldeten sich mutmaßliche Opfer früherer Übergriffe derzeit bei der diözesanen Missbrauchsbeauftragten, Birgit Böhm. Dabei gehe es um Vorfälle aus den frühen 1960er Jahren. Hinweise, die sich auf die Amtszeit von Domkapellmeister Georg Ratzinger, den Bruder von Papst Benedikt XVI. beziehen, lägen nicht vor, erläuterte der Sprecher. Ratzinger (86) war von 1964 bis 1994 Chef des weltberühmten Knabenchors. Er sagte dem Bayerischen Rundfunk, er wisse nichts von Missbrauch bei den Domspatzen. Nach Recherchen des Bistums Regensburg wurde 1958 der stellvertretende Institutsleiter der Domspatzen, Friedrich Z., mit zwei Schützlingen bei unsittlichen Handlungen ertappt und daraufhin von seinem Chef Theobald Schrems aus dem Haus entfernt. Nach damaligen Presseberichten wurde er für das Vergehen zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Bis kurz vor seinem Tod 1984 habe er anschließend in einem Schwesternkonvent mit Mädchenschule in der Schweizer Diözese Chur gearbeitet. Wen der Religionslehrer und Musikpräfekt damals missbraucht habe, welcher Art die Tat gewesen sei und ob es nach der Verurteilung noch weitere Opfer gegeben habe, sei nicht bekannt. Ein weiterer Geistlicher sei Mitte 1971 zu elf Monaten Haft verurteilt worden, so das Bistum. Dessen Übergriffe seien vermutlich vor Juni 1969 erfolgt. Der Priester habe 1959 acht Monate das Internat der Domspatzen geleitet und sei von 1964 bis 1969 Diözesanmusikdirektor gewesen. Von September 1972 bis 1973 sei er Musikpräfekt im Studienseminar in Weiden gewesen, wo er als 57-Jähriger in den Ruhestand versetzt worden sei. Der Priester sei 1984 in Eslarn gestorben. Auch bei diesem Täter sei nichts über Opfer und nähere Tatumstände bekannt. Die heute Verantwortlichen der Domspatzen äußerten ihre Bestürzung und Bedauern über das geschehene Unrecht und machten ihr Interesse an einer vollständigen Aufklärung deutlich, auch wenn die bekannten Fälle Jahrzehnte zurücklägen. In einem auf ihrer Internetseite veröffentlichten Brief an die Domspatzen, ihre Eltern und Mitarbeiter der Einrichtung baten sie um Unterstützung ihrer Bemühungen. Wer möglicherweise Opfer geworden sei oder etwas wisse, solle sich melden. Bistumssprecher Neck kündigte eine systematische Aufarbeitung aller Missbrauchsvorkommnisse in kirchlichen Einrichtungen der Diözese Regensburg an. Dazu soll neben eines aus fünf Personen bestehenden Arbeitsstabes auch ein Rechtsanwalt hinzugezogen werden. „Er hat den Auftrag, Vorfälle der Vergangenheit zu durchleuchten, mögliche Opfer und Täter zu identifizieren und straf- beziehungsweise kirchenrechtliche Maßregeln zu empfehlen“, erklärte Neck. Ein erster Zwischenbericht werde in 14 Tagen vorgelegt.

Das Bistum Fulda berichtet über drei neue Verdachtsfälle des sexuellen Missbrauchs. Nach Angaben der Diözese vom Freitag berichtete am Donnerstag ein mutmaßliches Opfer, im Jahre 1976 im damaligen Schülerheim der Stiftsschule Amöneburg von einem pädagogischen Laienmitarbeiter sexuell missbraucht worden zu sein. Das Opfer habe mitgeteilt, dass auch weitere Schüler betroffen seien. Es habe das Bistum gebeten, „mit den bisher unbekannten Schülern Kontakt aufzunehmen und sie zu motivieren, das Gespräch mit dem Bistum zu suchen, um die Vorfälle aufzuarbeiten“. In einem weiteren Fall wurde laut Bistum ein Priester in einem anonymen Brief beschuldigt „wegen Taten, die schon einige Jahre zurückliegen“. Dieser Verdachtsfall sei an die zuständige Staatsanwaltschaft weitergeleitet worden. Zum dritten Fall erläuterte das Bistum, ein ehemaliger ehrenamtlicher Mitarbeiter eines Jugendverbandes habe vor seiner Tätigkeit in dem Verband auf einer Internetseite sexuelle Kontakte zu Minderjährigen gesucht. Dieser Verdachtsfall sei ebenfalls an die zuständige Staatsanwaltschaft weitergeleitet worden.

Unterdessen haben die Kapuziner Konsequenzen aus der verzögerten Aufklärung von Fällen sexuellen Kindesmissbrauchs in ihren Reihen gezogen. Am Freitag trat der Altöttinger Wallfahrtskustos Pater Felix Kraus (65) zurück. Er übernahm damit die moralische Verantwortung dafür, dass ein Missbrauchsfall am früheren Studienseminar seines Ordens in Burghausen wegen Verjährung nicht mehr strafrechtlich geahndet werden konnte. Kraus war Nachfolger des Seminarleiters in Burghausen, der 1984 Jugendliche seiner Einrichtung missbraucht hatte und vom Orden nach Bekanntwerden der Übergriffe 1985 versetzt wurde. „Zwar wurden damals Gespräche geführt mit betroffenen Schülern, Eltern und dem damaligen, inzwischen verstorbenen Provinzial, aber ich ging nicht zur Polizei“, erklärte Kraus. Als der Fall 1991 zur Anzeige kam, waren die Vergehen allerdings verjährt.