„Auf die Familie setzen“

Im nachsynodalen Schreiben zur Jugendsynode unterstreicht Franziskus, dass die Kirche Christus widerspiegeln müsse. Von Guido Horst

Papst bei Bischofssynode
Selbstkritisch schaut der Heilige Vater in die Handykamera. Dass sich für die Jugend einiges in der Kirche ändern sollte, steht für ihn fest. Foto: dpa
Papst bei Bischofssynode
Selbstkritisch schaut der Heilige Vater in die Handykamera. Dass sich für die Jugend einiges in der Kirche ändern sollte... Foto: dpa

Es ist ein überaus umfangreiches Schreiben, mit dem Franziskus die Ergebnisse der Jugendsynode vom vergangenen Oktober zusammenfasst. Der Vatikan hat es am Dienstag veröffentlicht. Der Titel des sechzig Seiten langen nachsynodalen Dokuments lautet „Christus vivit – Christus lebt“, womit die Kernbotschaft schon deutlich wird: Franziskus lädt die Jugendlichen in der Kirche ein, sich vertrauensvoll in die Nachfolge des auferstandenen Herrn zu begeben. Denn „Christus lebt“, wie es zu Beginn heißt, „er ist unsere Hoffnung, und er ist die schönste Jugend dieser Welt. Alles, was er berührt, verjüngt sich, wird neu, füllt sich mit Leben. Die ersten Worte, die ich also an jeden Einzelnen von euch jungen Christen richten möchte, lauten: Er lebt und er will, dass du lebendig bist!“.

In dem aus neun Kapiteln und 299 Absätzen bestehenden Dokument weist der Papst auf zwei Gefährdungen hin, vor denen sich die Jugendlichen hüten sollen: Vor den Ewiggestrigen und vor den Verlockungen des Zeitgeistes. „Bitten wir den Herrn“, heißt es im zweiten Kapitel, „er möge die Kirche von denen befreien, die die Kirche alt machen, sie auf die Vergangenheit festnageln, bremsen und unbeweglich machen wollen“. Aber Franziskus warnt die Kirche auch vor der anderen Versuchung, nämlich „zu glauben, dass sie jung ist, wenn sie auf alles eingeht, was die Welt ihr anbietet; zu glauben, dass sie sich erneuert, wenn sie ihre Botschaft verbirgt und sich den anderen anpasst. Nein. Sie ist jung, wenn sie sie selbst ist und wenn sie die immer neue Kraft des Wortes Gottes, der Eucharistie, der Gegenwart Christi und der Kraft seines Geistes jeden Tag empfängt.“ Die Gestalt Jesu müsse daher „anziehend und wirkungsvoll präsentiert werden“ und die Kirche dürfe nicht „zu sehr auf sich selbst bezogen sein“, sondern müsse vor allem Jesus Christus widerspiegeln.

Verständnis äußert der Papst für junge Menschen, die die Präsenz der Kirche „als lästig und sogar irritierend empfinden“. Das sei eine Haltung, die oft „unter anderem auf ernsthafte, respektable Gründe zurückzuführen ist wie sexuelle und finanzielle Skandale, nicht richtig vorbereitete Priester, die junge Menschen mit ihren Befindlichkeiten nicht entsprechend abholen können“. Die jungen Menschen wollten keine schweigende und schüchterne Kirche sehen, „aber auch keine, die immer mit zwei oder drei Themen, auf die sie fixiert ist, auf Kriegsfuß steht. Um in den Augen der jungen Menschen glaubwürdig zu sein, muss sie zuweilen die Demut wieder zurückgewinnen und einfach zuhören; und in dem, was andere sagen, ein Licht erkennen, das ihr helfen kann, das Evangelium tiefer zu verstehen.“ Beispielsweise könne eine übertrieben ängstliche und starr strukturierte Kirche „ständig kritisch gegenüber allen Äußerungen zur Verteidigung der Frauenrechte eingestellt sein und dauernd die Risiken und möglichen Irrtümer solcher Forderungen aufzeigen“, wogegen eine „lebendige Kirche so reagieren kann, dass sie den berechtigten Ansprüchen von Frauen Aufmerksamkeit schenkt“, auch wenn sie „nicht mit allem einverstanden ist, was einige feministische Gruppen vorschlagen“.

Wie es schon die Synode getan hatte, beschreibt Franziskus die Lebenswelt der Jugendlichen, er erinnert an Jugendliche, die in Kriegsgebieten leben und zahllose Formen der Gewalt wie Entführung, Erpressung, organisiertes Verbrechen, Menschenhandel, Sklaverei und sexuelle Ausbeutung, Kriegsvergewaltigung und so weiter erleiden. Es gebe jedoch noch wesentlich mehr junge Menschen in der Welt, die unter sozialer Ausgrenzung in unterschiedlichster Form und Marginalisierung aus religiösen, ethnischen oder wirtschaftlichen Gründen litten. Hier führt Franziskus schwangere Mädchen und junge Frauen an sowie „die Geißel der Abtreibung und die Ausbreitung von HIV, unterschiedlichste Formen von Sucht (Drogen, Glücksspiel, Pornografie und so weiter)“. Es sei wahr, unterstreicht der Papst, „dass die Mächtigen einiges an Hilfe leisten, oft aber zu einem hohen Preis. In vielen armen Ländern ist die wirtschaftliche Unterstützung einiger reicherer Länder oder internationaler Organisationen mit der Annahme westlicher Vorstellungen bezüglich Sexualität, Ehe, Leben oder sozialer Gerechtigkeit verbunden. Diese ideologische Kolonisation schadet vor allem jungen Menschen.“

Zum Thema Missbrauch von Minderjährigen betont der Papst, dass die Synode bekräftigt habe, dass sie sich entschlossen für die Umsetzung rigoroser Präventionsmaßnahmen einsetzt. Der Papst dankt allen, die „den Mut haben, das Schlimme, das sie erlitten haben, öffentlich anzuklagen“, und erinnert daran, dass die Priester, die „in diese schrecklichen Verbrechen verstrickt sind, Gott sei Dank nicht die Mehrheit sind. Die meisten leisten einen treuen und großherzigen Dienst“.

Zur Jugendpastoral erklärt Franziskus, diese müsse flexibler sein und „die jungen Menschen zu Events und Veranstaltungen einladen, wo sie dann nicht nur eine Unterweisung erhalten, sondern ihnen ebenso die Gelegenheit gegeben wird, sich über das Leben auszutauschen, zu feiern, zu singen, konkrete Zeugnisse zu hören und als Gemeinschaft die Begegnung mit dem lebendigen Gott zu erfahren“. Im achten Kapitel über die „Berufung“ heißt es, diese sei ein Ruf zum missionarischen Dienst an den anderen, „denn unser Leben auf Erden erreicht seine Fülle, wenn es zu einer Gabe wird“.

Und im Leben eines jungen Menschen sei „dieses „Für-die-anderen-da-Sein“ normalerweise mit zwei Grundfragen verbunden: der Gründung einer neuen Familie und der Arbeit. Gott selbst habe die Geschlechtlichkeit erschaffen, die ein wunderbares Geschenk für seine Geschöpfe sei, also „kein Tabu“. Trotz aller Schwierigkeiten, so der Papst, „möchte ich euch sagen, dass es sich sicher lohnt, auf die Familie zu setzen. In ihr werdet ihr die besten Anreize finden, um zu reifen, und die schönsten Freuden, um sie zu teilen. Lasst nicht zu, dass euch die große Liebe geraubt wird.“ Zu meinen, „dass nichts endgültig sein kann, ist ein Betrug und eine Lüge... Ich hingegen bitte euch, Revolutionäre zu sein; ich bitte euch, gegen den Strom zu schwimmen.“

Franziskus schließt dieses Kapitel mit einer Reflexion über die „Berufungen zu einer besonderen Weihe“ ab. „Wenn man sich für eine Berufung entscheiden muss, dann darf man nicht die Möglichkeit ausschließen, sich Gott... zu weihen... Warum es ausschließen? Sei gewiss, wenn du einen Ruf Gottes erkennst und ihm folgst, dann wird es das sein, was dein Leben erfüllt macht.“

Im neunten und abschließenden Kapitel über „die geistliche Unterscheidung“ setzt für den Papst die Aufgabe, junge Menschen bei ihrer Berufungsfindung zu begleiten, ein dreifaches Einfühlungsvermögen voraus. Die erste Aufmerksamkeit gelte der Person: „Es geht darum, dem anderen zuzuhören, der sich uns selbst in seinen Worten schenkt.“ Die zweite Aufmerksamkeit bestehe im Unterscheiden, um, „die richtige Stelle zu finden, an der man die Gnade von der Versuchung unterscheidet“. Die dritte bestehe „im Hören auf die Anregungen, die der andere im Voraus verspürt. Es ist das tiefe Zuhören, wohin der andere wirklich gehen möchte.“ Man müsse „Prozesse in Gang bringen und begleiten, nicht Wege vorschreiben. Und es geht um Prozesse in Personen, die immer einzigartig und frei sind. Daher ist es schwierig, Rezeptsammlungen zu erstellen.“

Das Schreiben endet mit einem Wunsch von Franziskus: „Liebe junge Menschen, ich werde glücklich sein, wenn ich euch schneller laufen sehe, als jene, die langsamer und ängstlich sind. Lauft angezogen von jenem so sehr geliebten Antlitz, das wir in der heiligsten Eucharistie anbeten und im Fleisch der leidenden Geschwister erkennen... Die Kirche bedarf eures Schwungs, eurer Intuitionen, eures Glaubens. Wir brauchen das! Und wenn ihr dort ankommt, wo wir noch nicht angekommen sind, habt bitte die Geduld, auf uns zu warten.“