Auf der Suche nach dem sagenhaften Goldschatz

Eine neue Studie über die Johannesapokalypse enthüllt den wahren Charakter der in der Lebenswelt der Adressaten wirksamen Mächte. Von Klaus Berger

Von der Öffentlichkeit fast unbemerkt hat sich die christliche Bibelauslegung der vergangenen zwanzig Jahre weitgehend auf die „Offenbarung des Johannes“ konzentriert, in Mitteleuropa vor allem in Tübingen, München und Bern. In einem vorher nie gekannten Ausmaß sind zahlreiche hochkarätige Monografien zu diesem letzten Buch der Bibel erschienen. Erst in zweiter Linie war in der sogenannten wissenschaftlichen Exegese das Thema „Jesus“ interessant, und Paulus entfiel fast ganz. Der Apokalypse-Boom war sicher auch durch die Jahrtausendwende bedingt. Doch das Interesse an dem zuvor arg vernachlässigten letzten Buch der Bibel hält an. Die Früchte dieser Begeisterung sind in der Regel monumental, und die hier präsentierte Anhäufung von Fachwissen ist nur dank elektronischer Mittel möglich.

Es ist ähnlich wie bei den Medizinern mit der Knie-Chirurgie: Um sich einzuarbeiten benötigt man oft die Zeit, die früher ein Menschenleben genannt wurde. Schon die Arbeit des Frankfurter Jesuiten Gerhard Podskalsky zur byzantinischen Reichseschatologie (1972) setzte ein ganzes Forscherleben inklusive Kenntnis rarer osteuropäischer Sprachen voraus, die kürzlich vorgelegte Arbeit von Julian Petkov über die altkirchenslavischen Apokalypsen entstand auf dem Boden einer Forschung von 15 Jahren Dauer.

Und ähnlich gelehrt und anspruchsvoll geht es zu in dem jetzt vorgelegten Sammelband von Jörg Frey und anderen. Vieles kommt hier vor, was man erwartet hat, manche Themengebiete sind neu. Das Entstehungsdatum der Geheimen Offenbarung ist noch immer umstritten, die Mehrheit der 22 Verfasser der Beiträge neigt nach wie vor zu einer Spätdatierung (Kaiser Domitian und später), die handschriftliche Situation wird breit diskutiert, und dabei wird der Arbeit des 1975 verstorbenen Münchener Textforschers Josef Schmid, der seine eigenen Studien „mein apokalyptisches Ungeheuer“ nannte, voller Respekt gezollt.

In bester Erinnerung bleiben die Beiträge von Martin Karrer zum griechischen Text der Apokalypse und der von Jörg Frey „Was erwartet die Johannesapokalypse?“. Neu erschlossen wurden ansatzweise die lateinische Wirkungsgeschichte durch den katalanischen Jesuiten V. Fabrega, die Nachwirkungen der Hymnen dieses Buches in der Liturgie der Ostkirche, ein paar griechische Texte (Himmelfahrt des Jesaja, Kommentare von Oecumenius und Andreas von Cäsarea).

Mit Recht wird der Blick gelenkt auf die englische Auslegung, zum Beispiel bei Joseph Mede (+1639) und Isaak Newton (+1727), oft liest man den Namen des Poeten und Apokalyptikers William Blake (+ 1827). Im Ganzen bleiben jedoch für das Buch der Offenbarung beträchtliche weiße Flecken auf der Landkarte: das Verhältnis zu den sibyllinischen Büchern, die Rolle in der byzantinischen Liturgie (trotz des Aufsatzes von Nikolakopoulos) und in anderen ostkirchlichen Liturgien, der Ursprung der Antichrist-Vorstellung. Vor allem fehlt die Darstellung des Geflechts der apokalyptischen Literatur, deren politisch-kritische Bedeutung, ganz abgesehen von der Wirkung in so unterschiedlichen Bereichen wie im äthiopischen Christentum, in Holland und in Arabien (islamische Apokalyptik). Und mit Lactantius war doch die Wirkung im lateinischen Westen nicht schon erschöpft. Um das Jahr 1000 und dann mit Joachim von Fiore beginnt noch einmal etwas ganz Neues und extrem Folgenreiches.

Kurzum: Man kann nur ahnen, dass ein so poetisches Buch wie die Offenbarung auch für Künstler und Politiker wie ein Pulverfass gewirkt hat.

Und weil Apokalypsen stets bis zum definitiven Ende denken, entsteht die schwierige, aber auch hier ganz unbeantwortete Frage: Wie sähe eine Theologie aus, die sich nicht kleinkariert fundamentalistisch, sondern trinitätstheologisch und christozentrisch, sakramentstheologisch und ekklesiologisch denkend ernsthaft auf dieses Buch einließe? Der Sammelband erweckt den Eindruck, als sei dergleichen nur eben im Sinne apokalyptischer Spielereien und in Absurdistan möglich. Kein einziger „Praktischer Theologe“ oder Systematiker wird mit der Materie befasst. Sollte die Antwort sein, dergleichen sei eben nicht möglich oder vielleicht auch gar nicht sinnvoll, dann kann man derart teure und aufwändige Spielchen auch lassen. Und doch bleibt die in den letzten zwanzig Jahren unausgelebte Hoffnung, dass hier irgend etwas zu finden sein muss.

Also: ein Haufen historisch-kritischer Gelehrsamkeit auf der Suche nach dem sagenhaften Goldschatz. Der Schatz wird zwar nicht gefunden, doch die Richtung ist schon in Ordnung. Eigentlich eine Skurrilität, aber doch ein sehr spannendes Gebiet ist die in den vergangenen zehn Jahren geschehene Wiederentdeckung der Wirkungsgeschichte der Offenbarung des Johannes bei den Montanisten in Kleinasien. Die Montanisten, im Vergleich zu dem blühenden Wahnsinn, den sie vertreten, eine recht zählebige und mit prophetischen Frauen begabte Endzeitsekte, die sich streng an die Apokalypse hält, behauptet, das Flugfeld genau zu kennen, auf dem das himmlische Jerusalem bald landen wird. Und diesen Landeplatz nebst dazu gehörigen Spuren wie Inschriften, Kirchen, Gemeinschaftsräume hat man wiederentdeckt. Die Forscher haben es gemacht wie einst Heinrich Schliemann auf der Suche nach Troja. So haben sie nach den Angaben der Offenbarung das Territorium gefunden, auf dem die Montanisten glaubten, das himmlische Jerusalem erwarten zu können. Man liest die entsprechenden Artikel in diesem Buch und schließt: So spannend kann Verbohrtheit sein. Gerade heutzutage, da man entdecken kann, dass weibliche Prophetie in der Kirche stets willkommen war und nach wie vor eine der großen Chancen für Frauen in der Kirche ist, gewinnen diese Funde aus dem zweiten Jahrhundert auch systematische Bedeutung. Wenn die Erwartung des himmlischen Jerusalem auf dem Boden der Türkei ein Irrweg war, wird die Frage umso brisanter, was die Apokalypse denn konkret und wirklich erwartet hat. Dabei ist vorrangig auch das Thema „Tausendjähriges Reich“ – ist es in der Geschichte zu denken oder gehört es in den kommenden Äon? Oder ist das Reich einfach auf ein tausend Jahre verlängerter Sabbat? Wer bei der Auslegung der Offenbarung die Nähe zum Judentum betonte, hat stets den irdischen Charakter der Erwartungen behauptet, so besonders in der ältesten Kirchengeschichte.

Und der Antichrist von Apokalypse 13 war stets der konfessionelle Gegner, also der Papst für die Protestanten und die Lutheraner für die Katholiken. Das Ergebnis dieser Pseudo-Auslegungen war die bis heute andauernde Geringschätzung dieses Buches der Bibel. Und wie ist es mit dem Zeithorizont: was heißt „bald“ und „nahe“? Konnte das Reich schon 1836 beginnen, wie der Schwabe J.A. Bengel annahm und besteht es dann aus zwei aufeinander folgenden Perioden von je tausend Jahren? Auch früher schon stand neben der Wiederbelebung der Naherwartung eine Dämpfung der Naherwartung. Manche Württemberger zogen dann in Richtung Palästina, andere suchten am Ararat im Kaukasus einen endzeitlichen Bergungsort.

Immer wieder las man die Offenbarung als Abbildung eines geschlossenen Handlungsablaufs, also als Weissagung über einen Fahrplan. Da es diese Lesart auch heute noch gibt – besonders wegen der US-Christen, von denen die „Zeugen Jehovas“ nur ein bescheidener Ableger sind – ist die Frage nach einem verantwortbaren Schlüssel zur Deutung dieses Buches schon längst überfällig.

In seinem Beitrag „Was erwartet die Johannesapokalypse?“ rechnet J. Fey zu den ungeklärten Grundfragen das Verhältnis von die Zukunft betreffender und schon in der Gegenwart virulenter Endzeiterwartung. Ist ein im Grunde linearer Prozess immer wieder von Katastrophen unterbrochen? Und wenn es keine lineare Zeit- und Ereignisfolge gibt, ist eine Auslegung auf konkrete Situationen hin unmöglich? Auch der Verfasser dieses Buches selbst könnte es so gesehen haben. Deshalb gibt es nur selten Erklärungen der Bilder durch einen Deuteengel. Schließlich ist die Offenbarung ein literarisch – vor allem mit Hilfe des Alten Testaments – konstruiertes Werk und nicht Niederschrift von wirren Träumen.

Zwar sieht sich die Offenbarung bereits als Teil der Endzeit, beschreibt aber zumindest in Teilen auch ein zukünftiges Geschehen. Die deutlichsten Hinweise auf die Zeit der Gegenwart finden sich dort, wo die Macht des römischen Imperiums zum Thema wird.

Vor allem aber zielt die Geheime Offenbarung auf eine Enthüllung des wahren Charakters der in der Lebenswelt der Adressaten wirksamen Mächte. Darin sehe ich selbst auch die wichtigste aktuelle prophetische Aufgabe dieses Buches und seiner Auslegung.

J. Frey, J. A. Kelhoffer, F. Töth (Hg.): Die Johannesapokalypse, Kontexte, Konzepte, Rezeption, Mohr Siebeck, Tübingen 2012, 865 Seiten, EUR 159,–