Auf der Suche nach dem geistlichen Navigationssystem

„Du aber wähle die Zukunft“: Bei der „Nacht des Heiligtums“ erneuern in Schönstatt Hunderte das Liebesbündnis für die Jugend der Welt Von Johannes Reimann

Vallendar/Schönstatt (DT) „Ich will, dass meine Zukunft rockt!“, titelt die Festival-Zeitung zum Abschluss des Wochenendes und bringt damit ganz gut die Stimmung beim Jugendfest in Schönstatt auf den Punkt. Mehr als vierhundert Jugendliche aus ganz Deutschland sind am Wochenende an den Marienwallfahrtsort gekommen, um bei der „Nacht des Heiligtums“ ihren Glauben an Gott zu feiern. Martin Scheider aus der Schönstattjugend der Diözese Augsburg ist gemeinsam mit anderen als Reporter unterwegs und sammelt Eindrücke. „Ich habe mich schon darauf gefreut, diese Zeitung wieder zu gestalten“, sagt der Student und fügt an: „Das ist eine tolle Aufgabe, wo ich meine Fähigkeiten gut einbringen kann.“ Nach dem Schlussgottesdienst am Sonntag möchte er jedem Teilnehmer ein druckfrisches Exemplar in die Hand drücken können.

Die Nacht des Heiligtums gibt es seit 2005. Damals hatte die Schönstattjugend vor dem Weltjugendtag in Köln ein internationales Festival auf die Beine gestellt. Fünf Jahre später herrscht beinahe wieder Weltjugendtagsstimmung, als am Freitagabend Gruppen aus vielen deutschen Diözesen in Schönstatt eintreffen und an der Registrierung Schlange stehen, um ihre Teilnehmerpässe und Programmhefte abzuholen. Das Leitmotto „Du aber wähle die Zukunft“ – ein Satz angelehnt an Deuteronomium 30,19 –, möchte die Jugendlichen einladen, Gottes Hand als Stütze und Halt für ihren Lebensweg zu ergreifen. Denn, so heißt es später im eröffnenden Abendgebet: „Es ist gut, jemanden an der Seite zu haben“.

Dass Gott auch da ist, wenn alles verloren scheint, bezeugt am Samstagmorgen Thorsten Hartung. Der Berliner, der 20 Jahre im Gefängnis verbrachte, steht allein auf der Bühne – im großen Festzelt ist es mucksmäuschenstill, wenn er von seinem Weg mit Gott erzählt. Als er sieben Jahre alt war, sagt der heute 49-Jährige, habe seine Mutter einen Selbstmord vorgetäuscht, vor seinen Augen – nur um anschließend ihre ganze seelische Not auf ihn abzuladen: „Du bist an allem schuld!“ Der Vater habe ihn geschlagen und brutal misshandelt. Der Hass staute sich auf, Hartung wurde vom Opfer zum Täter. Eine Karriere als stadtbekannter Schläger und schließlich das organisierte Verbrechen waren die nächsten Schritte. „Vor euch steht ein verurteilter Mörder.“ Bei diesem Satz hält das Publikum den Atem an. Doch seine Geschichte habe noch einen zweiten Teil, so Hartung „sonst würde ich heute ja nicht hier oben stehen.“ Gott ist in sein Leben getreten. Er habe sich danach gesehnt, wirklich glücklich zu sein, trotz des scheinbaren Reichtums, dem ihm kriminelle Machenschaften wie die Autoschieberei geben konnten. Im Gefängnis hatte Hartung Zeit zur Einkehr und Reflexion – und für seinen bemerkenswerten Weg vom Atheisten zum Glauben. „Gott lässt sich nicht lumpen“, ist eine der Kernerfahrungen, die Hartung den Jugendlichen mitgeben möchte. „Wenn Ihr mehr Zeit für Gott finden möchtet, dann bittet ihn darum. Er wird sie euch schenken.“ Die jugendlichen Teilnehmer zeigen sich hinterher tief beeindruckt von dem Zeugnis, eine Teilnehmer sagt: „Das war das beste Podium, das ich bisher miterlebt habe.“

Können wir noch vernünftig an Gott glauben?

Der Gedanke, Gott ins eigene Leben zu lassen, kommt auch in den Angeboten am Nachmittag zur Geltung. Joachim Söder etwa, Professor für Philosophie an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen in Aachen, beschäftigt sich in seinem Workshop „Der Gotteswahn – Können wir noch vernünftig an Gott glauben?“ mit der atheistischen Religionskritik und bringt die Sicht von Pater Josef Kentenich, dem Gründer der Schönstattbewegung, ins Spiel. In der heutigen säkularen Welt könne Gott nur zum Zug kommen, wenn es gelinge, ihn durch das persönliche Zeugnis als reale Wirkgröße, als Gott des Lebens, begreifbar zu machen. „Dorthin gehen, wo das Leben tobt und so mit Gott leben, dass die Menschen merken, aus welchen Quellen man schöpft“, ist Söders Tipp an die gut 25 Gesprächsteilnehmer. Auch andere Workshops sind gut besucht, sie befassen sich mit Themen wie fairer Handel, Kirche in der heutigen Zeit oder Persönlichkeitsbildung.

Der Samstagabend ist der Höhepunkt der Veranstaltung: Eine Vigilnacht mit einer Prozession sowie einer Liebesbündnisfeier vor der dem Urheiligtum, wie die Schönstätter die Gnadenkapelle nennen. Das Bild eines Navigationsgeräts leitet durch die Liturgie, es greift die Aussagen des Vormittags auf: „Gott ist da, er kennt meinen Weg und geht ihn mit, auch wenn ich mal die Auffahrt verpasst habe.“ Taizé-Gesänge erklingen vor dem Allerheiligsten, das am Urheiligtum ausgesetzt ist. Um Mitternacht erneuert die Menge das „Liebesbündnis für die Jugend der Welt“, das beim Treffen im Jahr 2005 erstmals geschlossen wurde. Dieser Weg, ein Bündnis mit Gott und besonders mit der Gottesmutter als Mittlerin zu schließen, ist das Kerncharisma, die Grundidee Schönstatts. Viele sind ergriffen: „Ein sehr tiefer Moment“, erzählt eine Teilnehmerin, „mir standen die Tränen in den Augen.“

Kaplan Norbert Becker aus dem Bistum Würzburg begeistert in der Predigt beim Schlussgottesdienst am Sonntag noch einmal die Jugendlichen. Gott möchte herausgefordert werden, aber nicht im Sinne einer Wunschbox. Sich auf ihn einlassen, ganz auf ihn vertrauen, das sei das Erfolgsrezept für eine gelingende Zukunft – nicht für perfekte Harmonie und Glückseligkeit. Schmerz und Verzweiflung gehörten ebenso zum Leben dazu wie alle Momente des Glücks. „Habt ihr Gott heute schon herausgefordert?“, spricht er die Jugendlichen an. Martin Scheider vom Zeitungsteam hat es getan. Bis zum Schluss, kurz vor sechs Uhr morgens, sei nicht klar gewesen, ob die Zeitung wirklich fertig werden würde. Jetzt ist er müde, aber froh: „Es war eine tolle Sache. Da haben wir wieder was Gutes geschafft.“ Für die Zukunft wünscht er sich, dass die Nacht des Heiligtums noch größer wird. „Wir möchten noch viel mehr Jugendliche erreichen.“ Die Teilnehmer indes brechen Richtung Heimat auf, im Herzen vielleicht mit dem Gefühl, dass ihre Zukunft rocken wird – auf jeden Fall mit einem druckfrischen Exemplar der Festival-Zeitung.