Auf den Spuren der Christen

Mit seinem autobiografisch angehauchten Bildband ist Hans Hollerweger ein zeitgeschichtliches Dokument über den Orient gelungen. Von Stephan Baier

Minarette überragen die Kuppel der chaldäischen Kathedrale in Aleppo.
Minarette überragen die Kuppel der chaldäischen Kathedrale in Aleppo. Foto: aus dem besprochenen Band

Sein eigentliches Lebenswerk begann Hans Hollerweger gegen Ende seiner akademischen Karriere: Der mittlerweile längst emeritierte Linzer Professor für Liturgiewissenschaft setzt sich seit drei Jahrzehnten für die bedrängten, vielfach verfolgten und nahezu überall notleidenden Christen im Orient ein. Sein neues Buch legt Zeugnis davon ab, in jener bescheidenen, ganz von sich selbst und eigenen Verdiensten weg- und auf die Probleme hinweisenden Art, die den oberösterreichischen Priester kennzeichnet. Mit Recht bezeichnet der syrisch-orthodoxe Erzbischof Polycarpus Augin Aydin in seinem Vorwort Hollerweger als „wahren und engen Freund des Orients und seiner schwindenden christlichen Gemeinden“.

Der Autor wollte die Christen in den Ländern der Bibel nicht nur kennenlernen und ihnen zuhören. Über Jahrzehnte bemühte er sich, jenen, die nicht den Weg der Auswanderung Richtung Westen gingen, praktische Hilfe zu leisten. So gründete er 1989 zunächst den Verein der „Freunde des Tur Abdin“ und entriss mit einem voluminösen Standardwerk die syrisch-orthodoxen Christen in dieser Region im Südosten der Türkei dem allgemeinen Vergessen. Elf Jahre später rief er die „Initiative Christlicher Orient“ (ICO) ins Leben, um den im Nahen Osten verbliebenen Christen mit praktischer Solidarität Zuwendung und Hilfe zu bieten. Hollerweger kritisiert in seinem nun vorliegenden Buch, dass viele Pilger „den steinernen Spuren“ im Heiligen Land nachgehen, aber nicht „den lebendigen Steinen“ begegnen. Obgleich selbst Kunstkenner und geschichtlich überaus versiert, hat er selbst stets die Begegnung mit den Christen – mit Patriarchen und Bischöfen ebenso wie mit den einfachen, oft armen Gläubigen – gesucht. Von dieser Spurensuche legt sein neues Buch in Bild und Text Zeugnis ab. Es nimmt den Leser mit auf eine zeitliche und geografische Reise, vom Istanbul der 1970er Jahre bis zum Irak von heute. Mahnend weist der Autor darauf hin, dass die hohe Kultur des Orients bereits jetzt vielfach nur in den Ruinen zu besichtigen sei, dass der Orient aber ohne die Christen vollends verkommen würde.

Auch wenn sich Hollerwegers Schilderungen wie themenspezifische Memoiren lesen, in denen der Autor seinen Leser bei der Hand nimmt und durch Länder und Zeiten führt, bietet das Buch doch höchst interessante zeitgeschichtliche Einblicke. Neben historischen Reflexionen enthält es aktuelle Recherchen aus mehreren Jahrzehnten und ist damit selbst ein Dokument christlicher Zeitgeschichte des Orients. Die Foto-Dokumentation christlichen Wirkens im muslimisch dominierten Nahen Osten allein gäbe dem vorliegenden Band Wert und bleibende Bedeutung.

Im Vordergrund steht für den Prälaten, der sich nichts aus Titeln und Ehrungen macht, jedoch nicht die Dokumentation, sondern die Hilfe. Um den Aramäern im Tur Abdin, den Chaldäern im Irak oder den arabischen Christen im Heiligen Land zu helfen, kooperierte Hollerweger mit vielen, zog nötigenfalls eigene Hilfsprojekte hoch, scheute weder die Konfrontation mit staatlichen Behörden und Geheimdiensten noch die Gefahren für Leib und Leben. „Ich erlebte im Tur Abdin und auch anderswo die Angst der Christen und habe sie ein wenig mitgetragen. Wie dankbar waren sie, wenn man sie trotz der Gefahren besuchte“, schreibt Hans Hollerweger am Ende seines Buches, das durchaus so etwas wie ein Vermächtnis darstellt.

Hans Hollerweger: „Bei den Christen im Orient. Begegnungen, Erfahrungen, Hilfen“. Wagner Verlag, Linz 2018, 184 Seiten, ISBN 978-3-903040-33-5, EUR 24,–