Auf den Spuren Umberto Ecos

Wie ein Studienprojekt jungen Menschen Einblicke in die Klosterkultur verschaffte. Von Maria Palmer

Mit der klösterlichen Armut ist es so eine Sache. Der Blick in die Geschichte zeigt nämlich, dass, egal wie bescheiden die Mönche und Nonnen ihr Leben begannen, sie oft innerhalb weniger Jahrzehnte so erfolgreich wirtschafteten, dass sie zu einer echten Konkurrenz für weltliche Unternehmen wurden. Und das lag keineswegs nur daran, dass sie ihre Produkte, wie die Regel Benedikts es vorsieht, immer etwas preisgünstiger anboten als die Handwerkerinnen und Handwerker auf dem nächstgelegenen Markt. Was aber ist das Geheimnis der Klosterkultur, wes Geistes Kind sind die Bewohner der Konvente und was macht ihre Produkte so besonders?

Genau diese Frage interessierte die Studierenden der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim/Holzminden/Göttingen und so kreierten sie gemeinsam mit Klosterland e.V. und dem Unternehmen Manufactum ein Semesterprojekt. Unter dem Motto „Klosterkultur im Designkontext“ begaben die jungen Männer und Frauen sich auf Spurensuche. Sie besuchten verschiedene Klöster, sahen den Mönchen und Nonnen bei der Entstehung ihrer Produkte über die Schulter und entwickelten aus den Erfahrungen und Eindrücken, die sie auf dieser Entdeckungsreise gewonnen hatten, eigene Produkte und Informationsangebote.

Bevor die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Masterstudienganges den Sprung von Umberto Ecos immer noch inspirierendem Roman – für viele von ihnen bis dahin die einzige Klostererfahrung – in die reale Klosterlandschaft wagten und jeweils einige Tage in verschiedenen Klöstern mitlebten, näherten sie sich dem Themenfeld in Lehrveranstaltungen, Vorträgen und durch Textstudium theoretisch an. Sie informierten sich über die Regel Benedikts und die historische Entwicklung des Ordens.

Die Berichte über den Aufenthalt in den Klöstern bilden den inhaltlich bemerkenswerten ersten Teil des Büchleins. Die meisten Studierenden hatten zuvor noch nie mit Mönchen und Nonnen Kontakt, viele von ihnen bezeichnen sich als nicht religiös. Alle aber waren beeindruckt von der Lebensweise, die sie in den Klöstern Königsmünster in Meschede, Heiligen Kreuz in Herstelle, St. Scholastika in Dinklage oder Marienrode bei Hildesheim vorfanden. Die Tage im Kloster wurden, das spürt man deutlich am Ton der Berichte und der immer wieder geäußerten Absicht, diese Besuche zu wiederholen, als mehr empfunden, als ein reiner Studienaufenthalt zum Recherchieren eines Kontextes.

Die konkrete Vorbereitung auf den künstlerisch praktischen Teil des Projektes begannen die Studierenden mit einer Ideensammlung, in der sie ausgewählte Werkzeuge der geistlichen Kunst pantomimisch durch Studierende und Professoren darstellen ließen und diese zu einer Fotocollage zusammenfügten, die die unterschiedlichen Verkörperungen der einzelnen Werkzeuge der Regula zeigte.

Von der App zum Klosterzelt

Die daraus gewonnene Inspiration führte dann zur Entwicklung unterschiedlicher Produkte und Konzepte, die im zweiten großen Teil des Bandes vorgestellt werden. Deren erstes ist eine App für Klosterland e.V., die die im Verbund zusammengeschlossenen Klöster, ihre Lebensweise und die Produkte, die man dort erwerben kann, vorstellt. Die App spiegelt in ihrer detaillierten und liebevollen Gestaltung deutlich die Auseinandersetzung mit der klösterlichen Lebensform, die sich beispielsweise auch in der Wahl handschriftenähnlicher historischer Schriftarten zeigt. Gemeinsam mit dem Projekt Klosterreisen, das, basierend auf der eigenen Erfahrung der Studierenden die Klöster als lohnende Reiseziele empfiehlt und dem für Kinder gedachten Projekt „Die Suche nach dem Klosterschatz“ gehört die App zum Aktionsteil des Projektes. Um Ästhetik ging es im zweiten Teil, in dem die Studierenden Lichtinstallationen und temporäre Architekturprojekte rund um das Thema Kloster realisierten. Im Themenfeld Material ging es dagegen um den Umgang mit Stoffen, Farben und Mustern, die zur Kreation fantasievoller Klosterzelte führte, um die Arbeit mit Ton und Holz, das Kreieren von Gefäßen für die Tischkultur und einen Klosterbausatz für Kinder. Der Themenbereich Artists in Residenz hingegen vernetzt Künstler und Klöster in einer Weise, in der beide voneinander profitieren können. Die Künstler gewinnen so interessante und geschichtsträchtige Ausstellungsräume und können sich mit einer ihnen oft fremden, aber zugleich sehr anziehenden Lebensform auseinandersetzen, und die Mönche und Nonnen erhalten die Chance, ihre Lebensweise im Spiegel der in ihrer Mitte entstandenen und ausgestellten Kunstobjekte neu zu reflektieren.

Das Fazit, das die Studierenden in diesem Band ziehen, ist eindeutig: Die Begegnung zwischen ihnen und den Mönchen und Nonnen war für beide Seiten ein Gewinn. Dass man in Klausur inspiriert werden kann, leuchtete jedem der Teilnehmer ein und viele von ihnen haben in den neu entdeckten Lebenswelten auch Nahrung für ihr geistliches Leben gefunden. Interessant ist, dass die Studierenden in ihrer Summa, die ihre gründliche Auseinandersetzung mit der Regel Benedikts zeigt, ganz bewusst darauf hinweisen, dass die Erfahrung, die sie selbst machen duften, keineswegs neu, sondern vielmehr in der Lebensweise der Mönche und Nonnen selbst angelegt ist und über die Jahrhunderte immer wieder gemacht wurde. Die wohl wichtigste Lehre, die sie aus ihrem Projektseminar zogen ist die, dass es beim schöpferischen Tun weniger darum geht, etwas zu produzieren, als vielmehr darum, sich selbst wandeln zu lassen und die so entstandene Form sprechen oder die so empfangene Fülle überfließen zu lassen. In der Rückschau erweist das Projekt sich als geradezu idealtypische Annäherung zwischen monastischen und weltlichen Lebensformen im Jahr der Orden.

Lara Buschmann, Martin Erdmann, Sabine Foraita (Hg.): In Klausur inspiriert. Von der Erfahrung zum Produkt. Eos Verlag, St. Ottilien, 2016, 136 Seiten, ISBN 978-3-8306-7744-4, EUR 19,95