Auf dem Königsweg der Versöhnung

In Villavicencio sprach der Papst zwei Märtyer selig und ermutigte die Kolumbianer zum Frieden. Von Josef Bordat

Papstbesuch in Kolumbien
Papst Franziskus steht am 08.09.2017 vor einer Christusstatue ohne Arme und Beine während eines Versöhnungstreffens in Villavicencio (Kolumbien). Mit rund 6000 Opfern des blutigen Konflikts zwischen Guerilla, rechten Paramilitärs und Streitkräften in der Konfliktregion Villavice... Foto: Andrew Medichini (AP)

Der zweite Tag seiner Kolumbienreise führte Papst Franziskus nach Villavicencio, das etwa 80 Kilometer südöstlich von Bogotá liegt. Unter dem Motto „Versöhnen wir uns mit Gott, mit dem Nächsten und mit der Natur“ greift der Heilige Vater die Situation Kolumbiens nach dem Friedensschluss zwischen der Regierung und den Rebellen der Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia (FARC) auf. Vor etwa einem Jahr hatten beide Seiten damit ihren Willen bekundet, einen Krieg zu beenden, der 1964 begann und etwa eine Viertelmillion Menschen das Leben kostete, die meisten davon Zivilisten. Kolumbien war über Jahrzehnte ein besonders für Ausländer – Geschäftsleute, Touristen, Entwicklungshelfer, Missionare, Studenten – hochgefährliches Land, da sich die FARC nicht nur aus dem Drogenhandel, sondern auch aus Lösegelderpressung nach Entführungen finanzierte. International bekannt wurde der Fall der Politikerin Ingrid Betancourt.

Seit 1984 kamen in dem südamerikanischen Land durch den Krieg der linksextremistischen Terrorgruppen auch mehr als 80 Geistliche ums Leben, darunter zwei Bischöfe. Einen von ihnen hat der Papst am Freitag im Rahmen einer Heiligen Messe auf dem Catama-Gelände in Villavicencio seliggesprochen: Bischof Jesús Emilio Jaramillo Monsalve. Ferner erhob der Pontifex den Priester Pedro María Ramírez Ramos zur Ehre der Altäre. Er wurde Opfer gewaltsamer Auseinandersetzungen im Unruhestaat Kolumbien im Zuge der Staatskrise des Jahres 1948, nachdem er eine Fluchtmöglichkeit ausgeschlagen hatte, um bei seiner Pfarrgemeinde zu bleiben.

Jesús Emilio Jaramillo Monsalve, ein Missionar der Gemeinschaft „Javerianos de Yarumal“, empfing 1940 die Priesterweihe. Es folgen vertiefende akademische Studien und pastorale Aufgaben, unter anderem in der Gefängnisseelsorge. Sein Wirken als Geistlicher umfasst vor allem die Priesterausbildung und die Organisation kirchlicher Initiativen. Die Gründung zahlreicher karitativer und sozialer Einrichtungen in Kolumbien geht auf ihn zurück. 1971 wird Jaramillo Monsalve zum Bischof geweiht. 1984 wird er der erste Diözesanbischof des neu begründeten Bistums Arauca. Dort sorgen die Linksterroristen des Ejército de Liberación Nacional (ELN) für Angst und Schrecken. Nachdem sich der Bischof wiederholt gegen die Terroraktionen des ELN ausgesprochen hatte, wurde er von diesem am 2. Oktober 1989 entführt, gefoltert und in der Nähe von Fortul ermordet.

Der 1899 geborene Pedro María Ramírez Ramos hatte zunächst einen inneren Konflikt auszutragen: das Ringen um seine Berufung. Ihn ereilt bereits im Seminar eine Berufungskrise, aufgrund derer er acht Jahre lang pausiert, nachdem er die niederen Weihen erhalten hat. Dann wird Ramírez Ramos 1931 aber doch noch zum Priester geweiht. Er durchläuft als Pfarrer vier Stationen: Chaparral, Cunday, Fresno und Armero. Als am 9. April 1948 der Präsidentschaftskandidat Jorge Eliecer Gaitán aus nach wie vor ungeklärten Gründen ermordet wird, kommt es zu Unruhen im ganzen Land – auch in Amero. Am Tag des Attentats kehrt Ramírez Ramos von einem Krankenbesuch in seine Pfarrei zurück. Er wird von einer aufgebrachten Menge verfolgt, kann sich aber in die Kirche flüchten. Die Schwestern des angrenzenden Klosters bieten ihm Fluchthilfe an, doch der Pfarrer lehnt ab – er will die Menschen seiner Gemeinde gerade jetzt nicht allein lassen. Am Tag darauf dringt ein Mob gewaltsam in die Kirche ein und fordert den Pfarrer zur Herausgabe von Waffen auf, die sie (fälschlicherweise) in der Pfarrei vermuten. Als Pfarrer Ramírez Ramos mit Unverständnis reagiert, ergreifen sie ihn, schleifen ihn auf die Straße und lynchen ihn mit Macheten. Im Sterben vergibt er den Tätern.

In seiner Predigt bei der heiligen Messe zur Seligsprechung der beiden Märtyrer vor hunderttausenden Gläubigen schlägt der Papst eine Brücke zwischen dem Fest der Geburt Marias und der Lage in Kolumbien. Dabei erwähnt er eine alltägliche Form der Gewalt jenseits von Krieg und Terror: die Gewalt gegen Frauen. Der Heilige Vater stellt Josef in den Vordergrund, der trotz seiner Zweifel und fehlender Informationen „respektvoll und feinfühlig“ die Würde und das Leben Marias zu schützen und zu bewahren bereit gewesen ist. Maria habe Ja zum Licht gesagt, das durch sie in die Welt kam, ein Licht, das auch auf Kolumbien falle und Kraft gebe, heute ein deutliches Ja „zur Wahrheit, zur Güte und zur Versöhnung“ zu sprechen. Das schwere historische Schicksal des Landes lasse sich nur im Bund mit Gott ertragen und überwinden, nur dann, wenn es mit dem Licht des Evangeliums erfüllt werde. Der Schlüssel dafür liege in der Versöhnung. Versöhnung sei dabei nichts Abstraktes, so der Papst, sondern das „Öffnen von Türen“. Die Rachsucht aufzugeben sei notwendig, um glaubwürdig am Aufbau des Friedens mitwirken zu können. Ein Friede ohne Versöhnung werde scheitern, so der heilige Vater, auch mit Blick auf die im Kontext des Abkommens zwischen Regierung und FARC tief gespaltene Gesellschaft Kolumbiens. Der Wille zur Versöhnung dürfe jedoch niemals dazu führen, sich Ungerechtigkeiten zu fügen. Es gehe vielmehr um das Aufeinanderzugehen zur Überwindung von „Pseudogerechtigkeit“. Die beiden Märtyrer seien ein mahnendes Beispiel dafür, wie wichtig es sei, dem „Morast der Gewalt und des Grolls“ zu entkommen.

Versöhnung ist das Grundthema der Kolumbienreise des Papstes und insbesondere des zweiten Tages: Am Nachmittag nahm der Heilige Vater am großen nationalen Versöhnungstreffen im Park Las Malocas teil und hörte sichtlich bewegt das „Zeugnis derer, die Schmerz zugefügt haben und um Verzeihung bitten“, und „derer, die ungerechterweise leiden mussten und verzeihen“. Damit aus der Begegnung von Gegnern eine „Übereinkunft zwischen Brüdern“ werden kann, wie Franziskus das Wesen der Versöhnung mit dem Heiligen Johannes Paul II. beschreibt, muss sich der Blick auf Christus richten. Der „zerbrochene und amputierte Christus“ zeige uns, dass „der Hass nicht das letzte Wort hat, dass die Liebe stärker ist als Tod und Gewalt“. Er lehre uns zudem, „den Schmerz in einen Quell des Lebens und der Auferstehung zu verwandeln, damit wir mit ihm und von ihm die Kraft der Vergebung und die Größe der Liebe erlernen“. Die anwesenden ehemaligen Guerrilleros ermutigte Franziskus, ihre Umkehr konsequent fortzusetzen: „Es gibt Hoffnung auch für die, die Böses getan haben.“

Die kolumbianische Gesellschaft bat er um das für den Neuanfang nötige Vertrauen. Es sei zwar „schwer, den Wandel derer zu akzeptieren, die grausame Gewalt angewendet haben, um ihre eigenen Ziele voranzutreiben“, doch die Heilung des Schmerzes hänge auch von der Annahme dessen ab, „der Straftaten begangen hat, sie bekennt, bereut und sich zur Wiedergutmachung verpflichtet, indem er zum Aufbau der neuen Ordnung beiträgt, in dem Gerechtigkeit und Friede aufleuchten mögen“. Es bleibt in der Tat zu hoffen, dass das geschundene Kolumbien die „Morgenröte der Erlösung“ sieht, die der Welt in Maria zuteil wurde.