Auf Umwegen zum klösterlichen Ziel

Eine nicht alltägliche Berufungsgeschichte: Pater Wolfgang Buchmüller OCist schildert das Leben des Zisterziensers Alban Bunse. Von Ludwig Gschwind

Vor hundert Jahren verlief der Weg zum Priestertum in der Regel sehr geradlinig. Die meisten besuchten ein Knabenseminar, traten nach dem Abitur in ein Priesterseminar ein und studierten an einer Hochschule oder Universität. Mit 24 Jahren traten sie an den Weihealtar, manche schon mit 23. Der Erste Weltkrieg brachte kurzzeitig eine Veränderung. Die Kriegsteilnehmer waren bei ihrer Weihe schon einige Jahre älter. Damals entdeckten die Orden die Spätberufenen und ermöglichten jungen Männern, die den Priesterberuf anstrebten, eine humanistische Ausbildung im Schnellverfahren und die Ablegung des Abiturs. Das Abitur stellte für manchen Spätberufenen eine hohe Hürde dar, die manche nicht bewältigten. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben auch die Diözesen Seminare für Spätberufene gegründet. Darüber hinaus gibt es inzwischen noch weitere Möglichkeiten, um Priester zu werden.

Zahlreiche Weihekandidaten sind heute nahe 30 oder darüber, weil sie häufig bereits in anderen Berufen tätig waren und sich erst später für den Priesterberuf entschieden. Wenn allerdings jemand sich erst mit 70 Jahren für einen Ordenseintritt entscheidet und mit 75 zum Priester geweiht wird, dann ist das schon etwas besonderes. Wie es dazu kam, schildert Pater Wolfgang Buchmüller O.Cist. in dem Buch „Pater Alban Bunse – Ein Zeuge für die Freiheit des Gewissens“.

Eigentlich wäre der Weg für den 1919 geborenen Schüler Ernst Bunse der Kollegschule der Franziskaner im Rheinland ganz geradlinig in den Orden des heiligen Franziskus gegangen, wenn da nicht 1933 Adolf Hitler in Deutschland die Macht ergriffen hätte. Schon bald wurden die Ordensschulen, trotz Konkordat, aufgehoben. Die Franziskaner wichen mit ihrer Schule nach Holland aus, aber dortige Schulabschlüsse wurden im Deutschen Reich nicht anerkannt. Ernst Bunse musste das Abitur an einem deutschen Gymnasium nachholen. Kaum hatte er das Abitur bestanden, inzwischen war der Zweite Weltkrieg ausgebrochen, wurde Ernst Bunse eingezogen. Zunächst in Polen eingesetzt, wurde er nach Russland verlegt und dort verwundet. Während eines Genesungsaufenthaltes in Ostpreußen schrieb der junge Soldat einen sehr mutigen Brief an Adolf Hitler, in dem er den Führer aufforderte, den Kampf gegen die Kirche einzustellen. Bunse hatte Glück. Ein hoher Offizier aus der Umgebung Hitlers las den Brief und verfügte die Einweisung Bunses in die Psychiatrie. Damit war er gerettet. Als Geisteskranker konnte er nicht mehr an die Front geschickt werden. Der Mutter gelang es, ihn aus dem Lazarett zu befreien. Zum Dank für die Rettung aus Todesgefahr wollte Ernst Bunse in ein Schweizer Kloster eintreten. Beim unerlaubten Grenzübertritt wurde er verhaftet und in Freiburg eingesperrt. Wieder war es die Mutter, die den „geisteskranken“ Sohn herausholte, um ihn in einer Anstalt bei Münster unterzubringen. Hier hat er den Krieg überlebt.

Kaum war der Krieg vorüber, wollte Ernst Bunse nun möglichst rasch Priester werden. Die Diözese Münster hatte kein Interesse an einem jungen Mann, der eben erst aus der Psychiatrie kam, ebenso wenig wie sämtliche Orden, bei denen er anfragte. Um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, ging er in den gut bezahlten Bergbau. 27 Jahre arbeitete er Unter Tage, zuletzt als „Fahrsteiger“. Er führte ein religiöses Leben, engagierte sich in der Pfarrei und unterstützte Missionare. Gerne unternahm er Wallfahrten. Als die Zisterzienser die Niederlassung Bochum-Stiepel gründeten, kam Ernst Bunse öfter zum Chorgebet und zu den Gottesdiensten. Der Prior fragte ihn eines Tages, ob er den Gesang der wenigen Mönche nicht verstärken wolle. Mit Freuden stimmte der Rentner zu. Bei einem Besuch im Mutterkloster Heiligenkreuz bei Wien sprach ihn der Abt an, ob er sich nicht vorstellen könne, Zisterzienser zu werden. Damit hatte er in seinem Alter nicht mehr gerechnet. Er gab einiges zu bedenken, aber der Abt machte ihm Mut, den Schritt zu wagen und seiner innersten Berufung zu folgen. Aus Ernst Bunse wurde Frater Alban. Schließlich nahm der Abiturient von 1940 das Studium der Theologie auf und konnte mit 75 Jahren zum Priester geweiht werden.

Als Beichtvater und Seelenführer wirkte Pater Alban viele Jahre. Mit Hingabe kümmerte er sich um den Klostergarten. Dort fand er auch im Alter von 83 Jahren den Tod. Er war ein Spätberufener. Er könnte manch anderem, der als junger Mensch gerne Priester geworden wäre, aber dann durch Lebensumstände einen anderen Weg eingeschlagen hat, Mut machen zu überlegen, ob der Herr nicht auch ihm sagt: „Komm in meinen Weinberg!“ Auch wenn er nur noch eine Stunde dort arbeiten kann, wird er ebenso reich belohnt wie jene, die schon seit dem frühen Morgen im Weinberg gearbeitet haben.

Wolfgang Buchmüller, Pater Alban Bunse. Be&Be Verlag Heiligenkreuz, 99 Seiten, ISBN 978-3-902694-69-0, EUR 9,-