Auf Anweisung „von oben“

Der Fall Fisichella wirft in Rom die Frage auf, ob im „Osservatore Romano“ jeder alles schreiben darf

Rom (DT) In schnellem Takt verstreichen die von Sozialenzyklika, Staatsbesuchen und letzten Ernennungen geprägten Tage im Vatikan, bis Benedikt XVI. am kommenden Montag seinen Urlaub im Aosta-Tal beginnt. Dann ist erst einmal Ruhe hinter den kurialen Mauern. Man wartet noch auf ein Schreiben des Papstes zur Umgestaltung der für die Traditionalisten zuständigen Kommission „Ecclesia Dei“. Nach den Aufregungen der vergangenen Wochen und Monate möchte man vor allem wissen, wie es mit den Piusbrüdern und ihren Gesprächen mit Rom weitergeht. Aber auch der Streit, den der Präsident der Päpstlichen Akademie für das Leben, Erzbischof Rino Fisichella, mit seinem Artikel im „Osservatore Romano“ vom 15. März über die Doppel-Abtreibung in Brasilien, vorgenommen bei einem neunjährigen Mädchen, ausgelöst hatte, harrt noch der Klärung. Der damals kritisierte und inzwischen emeritierte Erzbischof von Olinda und Recife, José Cardoso Sobrinho, erwartet vom Vatikan eine Rücknahme der schweren Anschuldigungen Fisichellas. Andernfalls werde man einen kirchlichen Prozess gegen den Präsidenten der Päpstlichen Akademie für das Leben anstrengen. Zudem hatten 27 der 46 Mitglieder dieser Akademie bereits am 4. April in einem gemeinsamen Schreiben ihren Präsidenten gebeten, seine irrigen Äußerungen zurückzunehmen.

Aber der Vatikan schweigt. Ob da jemand hofft, den peinlichen Vorfall in die Ferienzeit zu retten und dort sang- und klanglos untergehen zu lassen – zumal Erzbischof Cardoso Sobrinho inzwischen in den Ruhestand getreten ist?

Leitende Prälaten der römischen Kurie zu korrigieren, ist inzwischen keine Seltenheit mehr im Vatikan. Meist hat dies Papstsprecher Federico Lombardi SJ zu erledigen, wie jüngst nach der harten Kritik aus dem Päpstlichen Migrantenrat an dem von der italienischen Regierung erlassenen Sicherheitsgesetz. Die Äußerungen des Sekretärs dieses Rats, Erzbischof Agostino Marchetto, der vor allem die neuen Bestimmungen zu illegalen Einwanderern angegriffen hatte, seien rein privater Natur und dürften nicht als Stimme des Vatikans gewertet werden, ließ Lombardi verlauten. Rom lehnt es ab, wenn Vertreter auswärtiger Regierungen öffentlich den Papst kritisieren – wie es Bundeskanzlerin Merkel nach dem Fall Williamson getan hat. Umgekehrt geht aber ebenso der Vatikan nicht öffentlich mit anderen Regierungen ins Gericht, auch nicht mit der italienischen. Da gibt es andere Mittel und diplomatische Kanäle.

Manchmal sind Entgleisungen von Vatikanprälaten so peinlich, dass auch kein Dementi mehr hilft. Vergangene Woche hatte der Präfekt des Vatikanischen Geheimarchivs, Erzbischof Sergio Pagano, bei der Vorstellung einer neuen Edition der Akten des Prozesses gegen Galileo Galilei davor gewarnt, in Fragen der Stammzellenforschung und der Eugenik dürfe die Kirche nicht an alten Vorurteilen festhalten, wie sie das schon einmal vor der kopernikanischen Wende getan habe. Da half dann auch keine Richtigstellung mehr. Das war einfach völlig daneben.

Im Falle Fisichellas liegen die Dinge jedoch anders. Den Artikel für den „Osservatore Romano“, in dem der Präsident der Päpstlichen Akademie für das Leben die angebliche Herzenshärte des Erzbischofs von Olinda und Recife geißelte, der nach der Doppelabtreibung die Exkommunikation der „behandelnden“ Ärzte festgestellt hatte, soll Fisichella auf Anweisung „von oben“ geschrieben haben. Nachdem dieser das brieflich vorgetragene Ansinnen der 27 Mitglieder seines Rats abgelehnt hatte, sollen sich diese wiederum schriftlich am 1. Mai an die Glaubenskongregation gewandt haben, wie der Vatikanberichterstatter Sandro Magister erfahren haben will. Eine schriftliche Antwort hätten sie nicht erhalten, dafür aber die mündliche Auskunft, man habe ihr Schreiben an das vatikanische Staatssekretariat weitergeleitet, denn von dort sei die Bitte an Fisichella herangetragen worden, den Beitrag für die Zeitung des Papstes zu schreiben. Wie Magister weiter berichtet, habe Benedikt XVI. am 8. Juni mit Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone den Fall diskutiert und angeordnet, eine Erklärung zu veröffentlichen, in der die Haltung der Kirche zur Abtreibung nochmals klargestellt werde. Seither, so Magister, sei nichts mehr erfolgt.

Der Vorgang wirft – abgesehen von der Hauptfrage, ob und wie der Streit zwischen Fisichella und seinen Kritikern beigelegt wird – drei weitere Fragen auf: Was eigentlich ist der „Osservatore Romano“? Die Zeitung, die der Papst herausgibt, wie man weiß. Aber ist die Tageszeitung des Vatikans, deren verkaufte Auflage zusammengebrochen ist, nachdem der neue Chefredakteur Giovanni Maria Vian aus der italienischen Ausgabe des „Osservatore Romano“ ein „Blatt der Ideen“ gemacht hat, damit nur eine „inoffizielle“ Stimme des Vatikans?

Zweitens: Kann im „Osservatore Romano“ jeder alles schreiben, auch wenn es ein Erzbischof ist, der sich vielleicht über die Hintergründe eines komplizierten Zusammenhangs auf einem anderen Kontinent nicht genügend kundig gemacht hat? Genügt man in der Redaktion der Papst-Zeitung der Sorgfaltspflicht, wie dies eigentlich bei allen Zeitungen üblich sein sollte?

Drittens, so weiß man, arbeiten Chefredakteur Vian und Kardinalstaatssekretär Bertone eng zusammen. Sollte es etwa sein, dass das Staatssekretariat in der Zeitung des Papstes ein Medium sieht, über das man – an allen Strukturen vorbei, zum Beispiel den päpstlichen Nuntiaturen – Noten für Bischöfe verteilt und Äußerungen in fremden Ortskirchen kritisiert? Im Fall Fisichella geht es nicht darum, dass der „Osservatore Romano“ das beliebte Musikfestival in San Remo kritisiert hat – in den italienischen Zeitungen hieß es dann: „Der Vatikan attackiert San Remo“ – oder zum wiederholten Mal Barack Obama über den grünen Klee lobt – und damit die Bischöfe der Vereinigten Staaten vergrätzt –, sondern hier handelt es sich um eine Frage der Kirchenführung. Darum warten nicht nur die 27 von ihrem Präsidenten enttäuschten Mitglieder des Päpstlichen Rats für das Leben auf eine Antwort – und zwar „von oben“.