Auch heute liegt die Welt im Krieg

Franziskus feiert das Totengedenken auf einem amerikanischen Soldatenfriedhof bei Anzio. Von Guido Horst

Franziskus feiert das Totengedenken auf amerikanischen Soldatenfriedhof
Nachdenklich wirkte Papst Franziskus beim Gang durch die Gräberreihen. Foto: KNA

Rom (DT) Dass Papst Franziskus für den öffentlichen Gottesdienst am Allerseelentag den amerikanischen Soldatenfriedhof von Nettuno bei Anzio im Süden Roms ausgesucht hatte, mag auch ein Signal an die Führung der Vereinten Staaten gewesen sein, die mit dem nordkoreanischen Regime bisher nur verbale Drohungen austauscht, die aber aus dem Munde von Präsident Trump besonders drastisch klingen. Jedenfalls hingen die amerikanische und die italienische Fahne neben dem Altar auf freiem Gelände, an dem Franziskus einen starken Appell gegen alle Kriege formulierte: „Nie wieder Krieg, nie wieder dieses sinnlose Gemetzel“, zitierte der Papst die Worte seines Vorgängers Benedikt XV., die dieser angesichts der Blutbäder des Ersten Weltkrieges verwendet hatte. „Nie wieder, Herr!“, sagte Franziskus. Das müsse man heute sagen, „wenn wir für alle Verstorbenen beten, aber an diesem Ort insbesondere für diese jungen Menschen. Heute, da die Welt ein weiteres Mal im Krieg steht und sich darauf vorbereitet, noch stärker Krieg zu führen. Nie wieder, Herr. Nie wieder. Mit dem Krieg verliert man alles!”

In den vergangenen Jahren hatte Papst Franziskus zu Allerheiligen am 1. November oder zu Allerseelen die römischen Friedhöfe Campo Verano oder Prima Porta gewählt, um der Toten zu gedenken. Jetzt ging er schweigend durch die ersten Reihen der Gräber in der weiten Anlage von Nettuno, wo weiße Kreuze auf grünem Rasen die sterblichen Überreste von knapp achttausend Soldaten markieren, die bei der Landung der alliierten Truppen 1944 auf der Höhe von Anzio gefallen sind. Franziskus legte auf zehn Kreuze eine weiße Rose. Während seiner Predigt meditierte der Papst frei und ohne Manuskript über die Hoffnung, die nach den Worten des Apostels Paulus „nie enttäuscht“. „Doch die Hoffnung entsteht manches Mal und schlägt ihre Wurzeln in so viele menschliche Wunden, in so viele menschliche Schmerzen, und dieser Moment des Schmerzes, der Wunde und des Leidens lässt uns den Blick zum Himmel erheben und sagen: ,Ich glaube daran, dass mein Erlöser lebt. Doch halte ein, Herr!‘ Das ist das Gebet, das vielleicht aus uns allen kommt, wenn wir diesen Friedhof ansehen.“

Franziskus erinnerte an das Bild einer alten Frau, die angesichts der Ruinen von Hiroshima gesagt habe, dass die Menschen alles täten, um sich den Krieg zu erklären, am Ende aber nur sich selbst zerstörten. „Das ist der Krieg: die Zerstörung von uns selbst“, so der Papst. Die Menschheit habe diese Lektion wohl nicht gelernt oder wolle sie nicht lernen, doch gerade heute dürfe sie die Tränen nicht vergessen, die vor allem die Frauen vergossen hätten, wenn ihnen per Brief der Heldentod eines geliebten Mannes oder Sohnes mitgeteilt wurde.

„Oftmals in der Geschichte, wenn die Menschen daran denken, einen Krieg zu führen, dann sind sie überzeugt davon, eine neue Welt zu bringen, einen Frühling zu machen. Und es endet in einem Winter, hässlich, grausam, mit einer Herrschaft von Terror und Tod“, so die Mahnung des Papstes. „Heute beten wir für alle Verstorbenen, für alle, aber besonders für diese jungen Menschen, in einem Moment, in dem viele in den täglichen Kämpfen ums Leben kommen, in diesem Krieg in Etappen.“ Franziskus hat sich schon in mehreren Ansprachen und Äußerungen überzeugt gezeigt, dass sich heute ein Dritter Weltkrieg abspiele, der in Stücken oder in Etappen geführt werde. In diesen Kriegen des heutigen Lebens, so sagte Franziskus jetzt, kämen auch Kinder und Unschuldige ums Leben: „Das ist die Frucht des Krieges: der Tod. Der Herr möge uns die Gnade schenken, zu weinen.“

Anschließend besucht Franziskus noch eine weitere Gedenkstätte, die „Fosse Ardeatine“ am Rande Roms, flache Höhlen, in denen die deutsche Wehrmacht 335 italienische Zivilisten erschossen hatte, darunter 73 jüdische Geiseln. Nach einem langen stillen Gebet am Ort der Erschießungen legte der Papst Blumen an den Gräbern nieder, im Mausoleum sprachen dann er und der römische Oberrabbiner Riccardo Di Segni ein Gebet. Anschließend trug sich Franziskus ins Gästebuch der Gedenkstätte ein. „Das sind die Früchte des Krieges: Hass, Tod, Rache... Vergib uns, Herr“, so die Worte, die der Papst hinterließ. Im Anschluss an den Besuch der beiden Gedenkstätten verweilte er in den vatikanischen Grotten unter dem Petersdom, um für seine verstorbenen Vorgänger zu beten. Gestern feierte Franziskus dann in der Petersbasilika eine Messe im Petersdom für die vierzehn Kardinäle und 137 Bischöfe, die in den zurückliegenden zwölf Monaten verstorben sind.