Auch heute dem Stern folgen

Im Wortlaut die Ansprache des Heiligen Vaters beim Angelus am 6. Januar

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Der Bericht über die Sterndeuter im heutigen Evangelium, die aus dem Osten nach Betlehem kamen, um dem Messias zu huldigen, verleiht dem Hochfest der Erscheinung des Herrn einen universalen Charakter. Und das ist der Charakter der Kirche, die sich wünscht, dass alle Völker der Erde Jesus begegnen können und seine barmherzige Liebe erfahren mögen. Das ist der Wunsch der Kirche: dass sie die Barmherzigkeit Jesu finden, seine Liebe.

Christus ist gerade erst geboren, er kann noch nicht sprechen, und alle Völker – die durch die Sterndeuter repräsentiert werden – können ihm bereits begegnen, ihn erkennen, ihn anbeten. Die Sterndeuter sagen: „Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, um ihm zu huldigen“ (Mt 2,2). Herodes hörte das sofort, nachdem die Sterndeuter in Jerusalem angekommen waren. Diese Sterndeuter waren bedeutende Männer, aus fernen Regionen und anderen Kulturen, und sie hatten sich in das Land Israel aufgemacht, um dem König zu huldigen, der geboren worden war. Die Kirche hat in ihnen immer das Bild der ganzen Menschheit gesehen, und mit der heutigen Feier, dem Hochfest der Epiphanie, will sie gewissermaßen jeden Mann und jede Frau dieser Welt respektvoll auf das Kind hinweisen, das zum Heil aller Menschen geboren wurde.

In der Weihnachtsnacht hat sich Jesus den Hirten gezeigt, einfachen und wenig geachteten Männern – einige sagen Räubern – sie waren die Ersten, die ein bisschen Wärme in jene kalte Grotte in Bethlehem brachten. Jetzt kommen die Sterndeuter aus den fernen Ländern, die ebenfalls auf geheimnisvolle Weise von jenem Kind angezogen werden. Die Hirten und die Sterndeuter unterscheiden sich sehr voneinander; eines jedoch verbindet sie: der Himmel. Die Hirten von Betlehem eilten nicht deswegen sofort herbei, um Jesus zu sehen, weil sie besonders gut gewesen wären, sondern weil sie nachts wachten und als sie die Augen zum Himmel hoben, ein Zeichen sahen, seine Botschaft hörten und ihm folgten. So auch die Sterndeuter: Sie erforschten den Himmel, sahen einen neuen Stern, deuteten das Zeichen und machten sich aus der Ferne auf den Weg. Die Hirten und die Sterndeuter lehren uns, dass es notwendig ist, den Blick zum Himmel zu erheben, um Jesus zu begegnen, nicht auf sich selbst bezogen zu sein, auf den eigenen Egoismus, sondern das Herz und den Verstand offen zu haben für den Horizont Gottes, der uns immer überrascht, seine Botschaft anzunehmen wissen und mit Bereitwilligkeit und Großherzigkeit zu antworten.

Über die Sterndeuter heißt es im Evangelium: „Als sie den Stern sahen, wurden sie von sehr großer Freude erfüllt“ (Mt 2,10). Auch für uns liegt großer Trost darin, den Stern zu sehen, beziehungsweise darin, dass wir uns geführt und nicht unserem Schicksal überlassen fühlen. Und der Stern ist das Evangelium, das Wort des Herrn, wie der Psalm besagt: „Dein Wort ist meinem Fuß eine Leuchte, ein Licht für meine Pfade“ (119,105). Dieses Licht führt uns zu Christus. Ohne das Hören des Evangeliums ist es nicht möglich, Ihm zu begegnen! Die Sterndeuter gelangten, indem sie dem Stern folgten, bis zu dem Ort, an dem sich Jesus befand. Und hier sahen sie „das Kind und Maria, seine Mutter; da fielen sie nieder und huldigten ihm“ (Mt 2,11). Die Erfahrung der Sterndeuter fordert uns auf, uns nicht mit der Mittelmäßigkeit zufrieden zu geben, nicht nur „so vor uns hin zu leben“, sondern nach dem Sinn der Dinge zu suchen, mit Leidenschaft das große Geheimnis des Lebens zu erforschen. Und sie lehrt uns, uns nicht über die Kleinheit und die Armut zu empören, sondern die Erhabenheit in der Demut wahrzunehmen und vor ihr niederknien zu können.

Die Jungfrau Maria, die die Sterndeuter in Bethlehem empfangen hat, helfe uns, den Blick von uns selbst weg nach oben zu richten, uns vom Stern des Evangeliums leiten zu lassen, um Jesus zu begegnen, und uns klein machen zu können, um Ihm zu huldigen. So werden wir den anderen Menschen einen Strahl seines Lichts bringen und die Freude des Weges mit ihnen teilen können.

Vor den Grüßen an einzelne Gruppen auf dem Petersplatz sagte der Papst:

Liebe Brüder und Schwestern!

Heute bringen wir den katholischen und orthodoxen Brüdern und Schwestern des christlichen Ostens, von denen viele morgen die Geburt des Herrn feiern, unsere geistliche Nähe zum Ausdruck. Möge unser Wunsch für Frieden und Wohlergehen zu ihnen gelangen. Und auch ein schöner Applaus als Gruß!

Wir möchten ebenfalls in Erinnerung rufen, dass das Hochfest der Erscheinung des Herrn der Kindermissionstag ist. Es ist das Fest der Kinder, die mit ihren Gebeten und ihren Opfern bedürftigeren Altersgenossen helfen und sich zu Missionaren und Zeugen der Brüderlichkeit und des Teilens machen.

Übersetzung aus dem Italienischen von Claudia Reimüller