„Auch die Kirche steht an der Schwelle zu einer neuen Epoche“

Bistum Essen zieht Zwischenbilanz zum Dialogprozess – Wortgottesdienste am Sonntag sollen Ausnahme bleiben. Von Anja Kordik

Bei Beerdigungen und in der Trauerarbeit setzt das Bistum Essen künftig stärker auf die Mitarbeit der Laien. Foto: KNA
Bei Beerdigungen und in der Trauerarbeit setzt das Bistum Essen künftig stärker auf die Mitarbeit der Laien. Foto: KNA

Essen (DT) „Am Ende des Tages hatten wir ein schönes Zukunftsbild: Wir blickten ins Jahr 2020 und sahen vor uns ein Bistum, in dem kein Mensch mit seinen Sorgen und Nöten allein bleibt, in dem die Kraft der Jugend wertgeschätzt und die Schwachen gestärkt werden, in dem Priester, Haupt- und Ehrenamtliche gut zusammenarbeiten und den Glauben wirklich leben, ein Bistum, das im wahrsten Sinne anziehend ist für die Menschen!“ Mit diesen Sätzen fasste eine Gemeindereferentin beim abschließenden Empfang in der Pfarrgemeinde Herz Jesu in Oberhausen zusammen, wie die Stimmung beim dritten Bistumsforum zum Dialogprozess „Zukunft auf katholisch“ erlebt wurde: hoffnungsvoll – fragend zwar, aber auf Zukunft gerichtet.

„Offenes Ohr – klares Wort – konkrete Tat“ – unter diesem Leitwort kamen die rund 300 Teilnehmer einen Tag lang in der Luise-Albertz-Halle in Oberhausen zusammen. Nach dem zweiten Forum im Mai in Gladbeck war der Wunsch entstanden, sich noch einmal über die konkreten Zielsetzungen des vom Ruhrbischof im Januar eröffneten Dialogprozesses zu vergewissern. So sollte dieses dritte Forum eine Art Zwischenbilanz darstellen.

Vor allem war der Wunsch laut geworden nach einem breiteren Dialog mit dem Ortsbischof. Und so stellten sich Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck und der neue Essener Generalvikar, Domkapitular Klaus Pfeffer, in der vollbesetzten Halle rund anderthalb Stunden lang den Fragen der Teilnehmer. Bischof Overbeck äußerte sich im Anschluss dankbar für diese Erfahrung eines intensiven Dialogs, dankbar auch dafür, dass trotz aller Unterschiede in der Diözese und einer schwierigen Wegstrecke in den letzten Jahren eine insgesamt ermutigende Grundstimmung im Ruhrbistum herrsche. „Wir müssen die Lebenswirklichkeit der Menschen stärker in den Blick nehmen“, stellte Generalvikar Pfeffer fest und forderte, sich „von der ausschließlichen kirchlichen Binnenorientierung zu verabschieden“.

„Zukunft auf katholisch“ – der Dialogprozess im Bistum Essen nimmt konkrete Themen- und Problemfelder in den Blick. Beim letzten Bistumsforum im Mai hatten sich unter anderem zwei Themenschwerpunkte: „Ehrenamt und Qualifikation“ und „Kirche und Öffentlichkeitsarbeit“ heraus- kristallisiert; zu denen inzwischen zwei Dialogwerkstätten in der Diözese gegründet wurden. Die verschiedenen Gremien im Bistum – Priesterkonferenz, Ordens- und Diözesanrat – haben sich in den vergangenen Monaten vertieft mit der Frage nach einer zukunftsfähigen Pastoral befasst. Aber auch auf örtlicher Ebene etwa in den Pfarrgemeinden wird in Dialogwerkstätten an der Zukunft des Bistums gearbeitet.

Zum Abschluss des dritten Forums feierte Bischof Overbeck in der Oberhausener Pfarrkirche Herz Jesu ein Pontifikalamt mit Teilnehmern des Forums und Gläubigen der Gemeinde. In seiner Predigt unterstrich er, dass nicht nur die Gesellschaft, sondern auch die Kirche an der Schwelle zu einer neuen Epoche stehe. „Um diesen Wandel geht es beim Dialogprozess in unserem Bistum. Denn wir sehen: Die Kirche wird neu.“ Zugleich verwies der Bischof auf den unveränderlichen Grund der Kirche: „Jesus Christus, ihr Licht!“ Die Kirche könne – auch unter den sich verändernden Bedingungen – noch immer schöpfen aus dem reichen Schatz ihrer Tradition und der „Begeisterung von Menschen, die mit Jesus leben“.

Beim Empfang am späten Abend im Oberhausener Pfarrzentrum „Adolph-Kolping-Haus“ war noch einmal Zeit, Bilanz zu ziehen und Themen anzusprechen. Bischof Overbeck brachte die Rede auf die großen Herausforderungen gerade für die ehrenamtliche Caritas in den Pfarrgemeinden durch die zunehmenden und vielfältigen sozialen Nöte, „denken wir an die vielen ,Bildungsverlierer‘ unter Jugendlichen, an alte und kranke Menschen, an Rentner, die nicht genügend zum Leben haben“.

Eine wichtige Frage so der Bischof, betreffe auch die Feier des Gottesdienstes. „Es gilt noch einmal neu zu fragen: Wie können wir die Liturgie so gestalten, dass die Menschen erstens gerne kommen, zweitens gerne bleiben und drittens andere Menschen, die auf der Suche sind, zum Gottesdienst mitbringen?“ Und weiter, erklärte Bischof Overbeck, gehe es nicht zuletzt darum, im Rahmen der Verkündigung, die Erwachsenenkatechese zu stärken – „besonders im Hinblick auf diejenigen, die zwar oft schon vor langer Zeit das Sakrament der Taufe und der Firmung empfangen, die aber die existenzielle Dimension des Christ-Seins bisher nicht erkannt und in ihrem eigenen Leben umgesetzt haben“.

Im Rahmen der Erwachsenenkatechese geht es künftig auch verstärkt um die Ausbildung für Leiter und Leiterinnen von „Wort-Gottes-Feiern“. Es ist die Frage, wie Laien darauf vorbereitet werden, etwa bei Beerdigungsgottesdiensten oder in der Trauerbegleitung mitzuwirken. „Wir brauchen in unseren Gemeinden Menschen, die fähig sind, andere Menschen zu sammeln und mit ihnen im Alltag zu beten“, so der Bischof. „Wir brauchen Menschen, die gleichsam lebendige Steine sind und zeigen: Gott ist gegenwärtig in uns und mit uns.“ Die heilige Messe am Sonntag bleibe aber „natürlich der innere Kernpunkt unseres kirchlichen Lebens, der unsere Identität als Katholiken ausmacht und über den ich als Bischof nicht diskutiere.“ Wortgottesdienste am Sonntag sollten im Bistum Essen daher auch künftig die Ausnahme bleiben. „Aber dessen ungeachtet muss es Frauen und Männer geben, die wir ermutigen und befähigen und denen wir als Schwestern und Brüder im Glauben die Kompetenz zusprechen, auch zusätzliche Wege zu gehen.“

Eine weiteres Stichwort im Dialogprozess ist die City-Pastoral. „Das ist ein durchaus schillernder Begriff“, erklärte Bischof Overbeck. „Ich möchte ihn deshalb übersetzen und sage: Es geht darum, die Wirklichkeit der Kirche in der Großstadt tatsächlich als Stadt wahrzunehmen, die ein plurales Gebilde ist mit unendlich vielen Menschen, mit denen, die im Glauben stehen und mit der Kirche leben, ebenso mit denen, die ich die ,abständigen Sympathisanten‘ nenne.“ Damit, so der Bischof, meine er die Menschen, die zwar die Kirchensteuer zahlen, die auch gern an einigen kirchlichen Riten teilnehmen, die aber eigentlich neu ins Gemeindeleben integriert werden müssten. „Und dann gibt es die ganz vielen, die suchen, die ganz vielen, die eine religiöse Sehnsucht in sich tragen. Wenn wir von daher die ganze Kirche in ihrer vielfältigen Wirklichkeit als eine Stadt begreifen, haben wir, glaube ich, eine große Chance. Ich würde mir wünschen, dass wir da noch einmal den Begriff der City-Pastoral sowohl theologisch und pastoral als auch geistlich neu durchdringen, weil das gerade in unserer heutigen Zeit nötig ist.“

Der Dialogprozess im Bistum Essen wird innerhalb eines konkreten Zeitfensters weitergeführt: Beim nächsten Forum in Duisburg am 26. Januar 2013 steht mit dem Thema „Sorge um den Nächsten“ die kirchliche Caritas im Vordergrund, am 13. April 2013 beim Forum in Hattingen die Frage nach der Liturgie: „Wie feiern wir Gott?“, und am 1. Juni 2013 geht es in Lüdenscheid um „Glaubensweitergabe in der Welt“. Der Dialogprozess mündet dann am 13. Juli 2013 in ein großes Abschlussforum in Essen, bei dem alle Ergebnisse, auch aus den Gemeinden, gebündelt werden.