Ansturm und Andacht

Christen aus Ost und West feiern die Auferstehung des Herrn in Jerusalem. Von Oliver Maksan

Armenisch-orthodoxe Geistliche ziehen in Prozession durch die Rotunde in der Grabeskirche zu Jerusalem. Foto: dpa
Armenisch-orthodoxe Geistliche ziehen in Prozession durch die Rotunde in der Grabeskirche zu Jerusalem. Foto: dpa

Jerusalem (DT) Es kommt bekanntlich nicht alle Jahre vor, dass Christen aus Ost und West am selben Tag Ostern feiern. Gleichzeitig begingen Juden aus aller Welt das Pessachfest. Dementsprechend bunt war die Menge der Gläubigen, die sich über die Feiertage in der Heiligen Stadt aufhielt. Ägyptische Christen waren zu tausenden gekommen, ebenso Äthiopier und Eritreer, die in Israel seit Jahren auf ihre Anerkennung als Flüchtlinge warten. Unübersehbar waren auch tausende russische Pilger. Popen mit langen Bärten und grimmigen Mienen führten Frauen mit bedeckten Häuptern und roten Wangen an – Szenen wie aus einer Tolstoierzählung. Amerikanische Pilger in Turnschuhen ihrerseits wappneten sich mit Baseballkappen gegen die heiße Nahostsonne. Ihrer aller Wege kreuzten sich mit denen zehntausender frommer Juden, die mit Festtagshut und Schläfenlocken der Klagemauer zuströmten. Sie alle schoben sich durch das Straßengewirr der Altstadt, deren Erbauer sicher nicht daran gedacht hatten, dass Billigflüge dereinst mehr und mehr Besucher in ihre engen Mauern befördern würden.

Am wenigsten für derartigen Andrang ist die Grabeskirche konzipiert, dieser verwinkelte und düstere Bau aus der Kreuzfahrerzeit. Er vermochte die Massen kaum zu fassen, die sich ihn zum Ziel erkoren hatten. Entsprechend ramponiert sah die alte Dame während der hohen Tage aus: Plastikflaschen und achtlos fallengelassene Papiertaschentücher lagen auf dem Steinboden, den die Pilgerströme der Jahrhunderte glattpoliert haben. Grabesruhe des Herrn? Fehlanzeige. Gedränge, unablässiges Blitzlichtgewitter und vielsprachiges Geschnatter ließen bis tief in die Nacht keine Stille aufkommen. Dennoch war die Anastasis oder Auferstehungskirche, wie sie der christliche Osten nennt, Schauplatz ergreifender Liturgien der Lateiner, Griechen, Armenier und Kopten. Sogar noch auf dem Dach wurde der Kreuzigung und Auferstehung gedacht: Hier feierten die Äthiopier. Einem Zahnrad gleich griffen die Liturgien der gespaltenen Christenheit ineinander, zogen die einen aus, die anderen ein, oder feierten gleich zur selben Zeit.

Begonnen hatte das lateinische Triduum Sacrum bereits am Donnerstagmorgen mit der Feier des Letzten Abendmahls Christi und der Fußwaschung. Weil in der heiligsten Kirche der Christenheit der vom Sultan erlassene Status quo aus dem Jahre 1852 gilt, der Änderungen im Ablauf quasi unmöglich macht, greifen die liturgischen Reformen der Kar- und Ostertage nicht, die Papst Pius XII. verfügt hat. Dementsprechend fanden sowohl das Abendmahlsamt, als auch Karfreitagsliturgie und Osternachtsfeier wie vor 1955 stets am Morgen statt. Dazwischen sangen die Franziskaner die Trauermetten und entzündeten alter Tradition folgend den Tenebrae-Leuchter, einen vielarmigen Kerzenständer, neben dem Grab Christi. Besonders ergreifend war dabei die Zeremonie der Kreuzabnahme Christi, die die Franziskaner jeden Karfreitagabend auf Golgota vollziehen. In bewegender Dramaturgie wurden die Nägel gelöst, die den toten Erlöser am Kreuz hielten. Anschließend salbte Kustos Pizzaballa den Leichnam des Herrn symbolisch auf dem Salbungsstein, der auf halber Strecke zum Grabmal Christi liegt. Aus fein ziselierten silbernen Gefäßen, Geschenken der Habsburger im 17. Jahrhundert, träufelte er Balsam und andere Spezereien über die Christusfigur. Eingewickelt in weißes Linnen wurde sie dann weiter zur Grabädikula getragen. Westlicher Kreuzesfrömmigkeit folgte anderntags östlicher Auferstehungsjubel. Denn wie jedes Jahr fand am Nachmittag des Karsamstag die traditionelle Feuerzeremonie statt. Während ihr, so glaubt die Orthodoxie, entzündet sich über der Stelle, wo der Leichnam Christi gelegen hatte, nach Gebeten des griechischen Patriarchen wundersam ein Feuer. Dieses wird anschließend erst an die Gläubigen in der Kirche, von hier dann über die ganze Stadt ausgeteilt. Dort warteten Zehntausende orthodoxe Pilger aus aller Welt seit Stunden geduldig mit Laternen und Kerzen darauf, das heilige Feuer in Empfang nehmen zu können. Ein Sonderflug trug das Licht noch am selben Tag nach Athen. Im christlichen Viertel der Jerusalemer Altstadt gingen die ausgelassenen Feiern nach der Feuerzeremonie stundenlang weiter, sangen und trommelten christliche Araber. Aufgrund der Sicherheitsvorkehrungen der israelischen Polizei war es dabei nicht jedem gelungen, zum Ort des Geschehens vorzudringen. Selbst ein diplomatischer Zwischenfall ereignete sich, als Robert Serry, der Nahostgesandte der Vereinten Nationen, trotz Voranmeldung nicht zur Grabeskirche vorgelassen wurde. Von einem ernsten Vorfall sprach der Chefdiplomat später. Israel hingegen zog das Urteilsvermögen des Holländers in Zweifel. Die Polizei habe angesichts der Menschenmassen nur ihre Arbeit gemacht.

Der größte Ansturm lag am Sonntagmorgen hinter der Grabeskirche, als Fuad Twal, der Lateinische Patriarch von Jerusalem, vor dem Grabmal des Herrn das feierliche Osterhochamt feierte. In seiner Predigt meditierte er die Nähe des Auferstandenen in seiner Kirche, durch deren Sakramente er wirke. „Möge die Freude über die Auferstehung auf unseren Gesichtern und in unserem Leben aufleuchten, damit die Welt ihren einzigen Erlöser erkennt, glaubt und von Traurigkeit, Hoffnungslosigkeit, Hass und Spaltung befreit wird. Resurrexit sicut dixit: Alleluia, Alleluia!“