„Anfeindung von Andersgläubigen ist Sünde“

Ultra-orthodoxe Rabbiner gegen Übergriffe auf Jerusalemer Christen

Vor einigen Wochen malte eine unbekannte Hand im Schutz der Nacht eine beunruhigende Drohschrift auf die Kirche der Jerusalemer Dormitio-Abtei: „Tod den Christen“ stand da in fettem Schwarz auf Hebräisch. Und auf dem Tor der Franziskaner nebenan fanden sich englische Schmähworte im Stil von „Wir haben Jesus getötet“ und „Haut ab“. Der Spuk dauerte nur kurz: Schon in den frühen Morgenstunden ließ die alarmierte Stadtverwaltung die unliebsamen Schmierereien entfernen. Die christlichen Ordensleute in der Heiligen Stadt sind Beleidigungen und Drohungen schon fast gewohnt. Vor allem in der Nachbarschaft von radikalen jüdischen Gruppierungen sowie nahe sozialen Brennpunkten mit mehrheitlich muslimischer Bevölkerung kommt es immer wieder vor, dass ihre Klostereingänge mit Urin oder Müll verunreinigt, tote Katzen in ihre Höfe geworfen, Glasflaschen an ihren Wänden zerschmettert, Ordensmänner bespuckt und Ordensschwestern verflucht werden.

In der Stadtverwaltung und bei der Regierung häufen sich seit Monaten die Beschwerden: Nach Ansicht von Beobachtern ein Zeichen für wachsende Intoleranz in den zahlreichen Parallelgesellschaften Jerusalems. „Die Polizei vermutet, dass die Schmierereien von übermütigen Jugendlichen stammen“, erklärt Benediktinerabt Benedikt Lindemann von der Dormitio. Das Gelände des Deutschen Vereins vom Heiligen Land liegt auf dem Zionsberg in unmittelbarer Nachbarschaft des Gebäudes, wo Christen den Abendmahlssaal und Juden das Grab Davids verehren. Eine Ausbildungsstätte für ausländische junge Juden, die „Diaspora-Jeschiwa“, hat dort ebenfalls ihre Zentrale. Ob die Täter von dort stammen, weiß man nicht. Doch die Bestrafung der Schuldigen ist für den Abt ohnehin nicht das eigentliche Anliegen: „Wir stellen uns vielmehr die Frage, woher diese Jugendlichen solche Gedanken haben.“

Um an die Ideengeber orthodoxer Juden heranzukommen, hat die Stadtverwaltung Jerusalems sich nun auf Anregung eines polnischen Diplomaten an die Leitung einer haredischen Gemeinschaft aus dem ultra-orthodoxen Mea Schearim gewandt. Denn auch in der Umgebung des historischen, streng religiösen Stadtviertels war es zuletzt vermehrt zu Ausschreitungen gegen christliche Einrichtungen und deren Personal gekommen. In einer ungewöhnlichen Sitzung unter dem Vorsitz von Bürgermeister Nir Barkat legte Rabbi Schlomo Papenheim von der aschkenasischen „Eda Haredit“ einen Brief des religiösen Tribunals seiner Gemeinschaft vor, in dem Übergriffe gegen Andersgläubige scharf verurteilt werden. Ungewöhnlich war das Treffen auch, weil die „Eda Haredit“ – im Gegensatz zu dem laizistischen Juden Barkat – streng antizionistisch und damit gegen einen Staat Israel ist, den sie als Hindernis für das Kommen des Messias ansieht. Nichtjuden zu belästigen sei nach Lehre der jüdischen Weisen streng verboten, heißt es in dem Brief der haredischen Rabbiner. Die „beschämenden Untaten leichtsinniger Jugendlicher“ drohten zudem aufgrund ihrer Sündhaftigkeit, himmlische Strafen auf das eigene Volk herabzubeschwören.

Jedes Mitglied der Gemeinschaft habe sich dafür einzusetzen, dem Unwesen ein Ende zu machen. In der Stadtverwaltung hofft man nun, dass die klaren Worte zumindest im ultra-orthodoxen Milieu Widerhall finden. Dass der Brief der haredischen Rabbiner allerdings auch unter den rechts-nationalen jüdischen Gruppierungen in der Altstadt Aufmerksamkeit findet, gilt als eher unwahrscheinlich.