„Am Anfang stand die Enttäuschung“

Ein Aufsatzband bündelt Rückfragen an das Jesus-Buch des Papstes – Nicht jedem fällt die Ermunterung zum Widerspruch leicht

Allmählich ist es um den im April 2007 erschienenen Bestseller des Papstes Benedikt XVI. „Jesus von Nazareth. Erster Teil: Von der Taufe im Jordan bis zur Verklärung“ etwas stiller geworden. Andere Themen drängten in den Vordergrund der Diskussion (außerordentlicher Messritus, Karfreitagsfürbitte). Dennoch bleibt das Interesse für die Christologie des Papstes. Man hofft auf den zweiten Teil. Konnte Benedikt XVI. in seinem Sommerurlaub daran arbeiten? Bis der zweite Teil erscheint, lohnt das Studium von Rezensionen und Sammelpublikationen zum ersten Teil.

Die folgenden Zeilen erläutern vierzehn recht unterschiedliche Beiträge, die vom Verleger des Lit-Verlags Wilhelm Hopf und dem Cheflektor Michael J. Rainer zusammengestellt wurden. Die argumentativ und qualitativ sehr heterogenen Beiträge konvergieren in dem einem Punkt: Das Jesus-Buch des Papstes provoziert; es erzwingt Stellungnahmen selbst „Jenseits der Theologie“ – so lautet die letzte Kapitelüberschrift, unter der zu finden sind: die atheistischen Anmerkungen vom Altmeister des Kritischen Rationalismus Hans Albert, der bei Ratzinger keine Ausweitung der Vernunft (vgl. die Regensburger Rede), sondern deren Einschränkung durch einen das Jesus-Buch tragenden „Glaubensentscheid“ konstatiert, was einen gewissen „Hochmut“ im andererseits angemahnten Dialog befördere.

Zu finden sind dort auch die Überlegungen des Münchener Soziologen Horst Jürgen Helle zu Jesus als „Medium“, doch „ohne Abitur“. Die mangelnde Hochschulreife führte offenbar dazu, dass man Jesus im Blick auf seine eigene Person keine, der Urgemeinde aber eine sehr weitreichende theologische Interpretationskompetenz zutraute, was Ratzinger in Frage stellt. Nicht besonders glücklich vom Verlag gewählt ist die kabarettistisch-bittere Einlage des Berner Alttestamentlers Ernst Axel Knauf, der Jean Pauls „Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei“ verwandelt in die „Rede des auferstandenen Jesus vom Weltgebäude herab, dass alles ganz anderes sei“, jedenfalls nicht so, wie es Joseph Ratzinger nachzuweisen versucht. Ähnlich wie im Koran zu lesen wird Christus in einem imaginären Dialog mit Gott dem Vater zum Zeugen herangezogen, um das christliche Ansinnen zu bestreiten, ihm Gottesprädikate zuzulegen; der „Sohne-matz“ (sic!) war nur Gottes Gesandter. Würde ein jüdischer oder muslimischer Theologe in dieser Weise von Mose oder Mohammed sprechen?

Das christologische Dogma – ein Riesen-Fehlgriff

Vom Jenseits der Theologie am Buchende zum Diesseits des Anfangs: Die Beitragssammlung hebt mit Wortmeldungen „Zur Einführung“ an, die zum Publikationstermin das Buch des Papstes der Öffentlichkeit vorstellten: Zuerst liest man die das Papst-Buch in das theologische Schaffen Joseph Ratzingers treffsicher einordnende Stellungnahme von Karl Kardinal Lehmann (Pressekonferenz in Mainz, 4. April 2007), sodann rekapituliert man Christoph Kardinal Schönborns ausführliche Vorstellung des Buches bei einer Pressekonferenz im Vatikan am 13. April 2007, die um die alles entscheidende Frage kreist „Warum oder warum nicht war und ist das christologische Dogma ein oder gerade kein ,Riesen-Fehlgriff‘ der Christenheit gewesen?“

Als eine fast negative Bestätigung der Fehlgriff-Frage ertönt der schrille alpenländische Zwischenruf des Theologen und Talk-Show-Moderators beim ORF Adolf Holl, der mit seinem Buch „Jesus in schlechter Gesellschaft“ (1971) seine Konfliktgeschichte mit dem Lehramt zu schreiben begann und seine Buchvorstellung in „Die Presse“ in den Satz münden lässt: „Unser Mann im Vatikan hat ein sehr langweiliges Buch geschrieben“. Begründung: Der Papst würde 800mal die Bibel zitieren (Holl hat nachgezählt) – das sei einfach Zuviel des Guten. Schriftdurchsetzte Dogmatik – ansonsten immer wieder eingefordert (vom Exegeten Thomas Söding im Blick auf das Buch des Papstes positiv herausgestellt) – ist offenbar seine Sache nicht.

Diesen Einführungen folgen „Theologische Rückfragen“, acht an der Zahl: Klaus Berger meldet sich kritisch zu Wort: Der Autor des Jesus-Buches sitze exegetischen Uraltthesen des liberalen Protestantismus auf, denn Joseph Ratzinger suche nach historisch belegbaren Jesus-Worten im Meer exegetischer Ungewissheiten wie weiland Bultmanns Gegenspieler Joachim Jeremias und Ernst Käsemann, und er lasse sich bei seinem Bemühen um eine Harmonie von Glaube und Vernunft von Immanuel Kant leiten: Joseph Ratzinger erwecke nämlich den Eindruck, die Wahrheit der Bergpredigt hänge von ihrer Transformierbarkeit in Aussagen der Vernunft ab, so dass Jesu Predigt als universale Menschheitsmoral gelten könne und sich das Christentum als staatstragende Religion empfehle. Bei der Bergpredigt gehe es aber nicht um eine allgemeine Vernunftmoral, sondern um die Gottähnlichkeit des Menschen. Sympathien hegt Berger deshalb auch nicht mit dem Versuch, die Rationalität des Christentums an seiner antike Dämonenangst überwindenden Macht festzumachen.

Nach Berger müsste der Papst die Dämonen geradezu als seine Alliierten begreifen, denn bei der Frage, ob Jesus Gottes Sohn sei oder nicht, gehe es darum, ob Jesus im Heiligen Geist agiere oder mit dem Anführer der Dämonen im Bunde stehe; die Dämonen hätten jedoch klar erkannt: Jesus ist der Sohn Gottes kraft des Gottesgeistes und darum ihr schlimmster Feind. „Fazit: J. Ratzinger hätte gut daran getan, sein Manuskript einem Exegeten seiner Couleur vorher zur kritischen Durchsicht zu geben. Offenbar gibt es so jemanden in Rom nicht.“ Was kann man da nur machen?

Der Saarbrücker Religionswissenschaftler Karl-Heinz Ohlig unterstellt Joseph Ratzinger eine dogmatische, hellenistisch-platonisierende Jesus-Deutung, die mit dem Zimmermann aus Nazareth nicht in Einklang zu bringen sei.

Der in Dresden die Systematische Theologie vertretende Albert Franz weiß die exegetischen Stärken des Papst-Buches zu schätzen: Ausgehend von der unstrittigen Reich-Gottes-Verkündigung Jesu gelinge der Nachweis, Jesus agiere aus einer unmittelbaren Gottesbeziehung heraus und bringe den Menschen Gott, was ohne Jesu Einheit mit Gott undenkbar sei. Kritische Bemerkungen richten sich an Ratzingers Kritik der Befreiungstheologie, da Joseph Ratzinger an sich doch die inkarnatorische, realistische Präsenz des Heils in der Geschichte betone und anderenorts die politische Relevanz des Christentums als Wertegemeinschaft herausstelle, also müsste er für Thesen, die die weltverwandelnde Kraft des Glaubens unterstreichen, mehr Verständnis aufbringen.

Eine ähnliche Kritik äußert der Karmelit, Professor und Leiter des Instituts für Theologie der Spiritualität an der Philosophisch-Theologischen Hochschule in Münster, Michael Plattig: Natürlich könne man das Reich Gottes nicht auf ein politisches Programm verkürzen, aber die sozialpolitischen Dimensionen der Reich-Gottes-Zentriertheit Jesu seien als gesellschaftskritische Implikationen des Christentums ernst zu nehmen – an sich ganz im Sinne von Ratzinger. Hauptsächlich bietet der Artikel Plattigs wertvolle Anmerkungen über das positive Verhältnis von Spiritualität und Reflexion im Jesus-Buch des Papstes.

Paul Weß, Dozent am Institut für Praktische Theologie in Innsbruck, bewegt sich gedanklich in nicht allzu großer Ferne von Ohlig. Er setzt Ratzingers Apologie des altkirchlichen Glaubens an Jesus Christus, wahrer Mensch und wahrer Gott, eine funktionale Sendungs- und Erwählungs-Christologie entgegen, die Jesus als wahren Menschen vom wahren Gott begreift. Dem Papst erteilter Nachhilfeunterricht bei der Übersetzung des Philipperhymnus dient der Legitimation dieser Christologie: Die Gottgestaltigkeit des sich Entäußernden beziehe sich auf die Gottebenbildlichkeit Jesu, der als der zweite Adam nicht das Gottsein als Raub an sich reißt, nicht Gott werden will wie der erste Adam, sondern diese Versuchung überwindet und sein Menschsein annimmt. Philologische Analysen, die die fragliche Formulierung als Redewendung bestimmen, disqualifizieren jedoch „die hochgeschraubten Versuchungshypothesen“, so Joachim Gnilka in seinem Kommentar des Philipperbriefs; die Vorstellung von der Präexistenz des „Gottgestaltigen“ könne man nicht ernsthaft in Frage stellen.

„Am Anfang stand die Enttäuschung“, mit diesem Satz leitet der Eichstätter Dogmatiker Manfred Gerwing seine Rezension ein: Denn er habe sich vom päpstlichen Dogmatiker-Kollegen ein strikt theologisches Buch erhofft. Nach überwundenem Schock lernte er aber nach eigenem Bekunden das Jesus-Buch als geistliches Erneuerungsbuch von meditativer Dichte zu schätzen, das zu einer lebendigen Christusbegegnung anleite. Hermann Häring, emeritierter Professor für Wissenschaftstheorie und Theologie im niederländischen Nijmegen, stellt die Wissenschaftlichkeit des Buches wegen der päpstlichen Exegetenschelte in Frage, obgleich sich sein Autor vieler exegetischer Einsichten bediene. „Nebelwände“ der Irritationen durchwaberten daher Ratzingers Gedankengänge.

Schon aus verkaufsstrategischen Gründen konnte offenbar einer nicht fehlen: Hans Küng. Schade nur, dass der abgedruckte Beitrag einer Konserve des Jahrgangs 2000 entnommen wurde und naturgemäß nichts mit dem Papst-Buch zu tun hat, zu tun haben kann. Aber das macht offenbar nichts, Küng passt immer. Und in der Tat, um etwas Positives herauszugreifen: „Die Geschichte auch des Christentums darf man nicht einfach als eine Geschichte von Schurken und Verbrechern, als eine ,Kriminalgeschichte‘ erzählen, wie dies in unseren Tagen in einer zunehmend langweiligeren Fortsetzungsserie geschah.“

Abenteuerliche Tatortstudien zum Christentum

Küngs kritische Anspielung auf Karlheinz Deschners Tatortstudien zum Christentum steht damit in einer für den Leser interessanten Spannung zu Hans Alberts expliziter Bezugnahme auf Deschner, mit der der Hinweis des Papstes auf den exorzistischen Charakter des Christentums zugunsten einer rationalen Weltsicht entkräftet werden soll: Christliche Vernunftbeschränkung durch den Glauben und Irrationalität haben vielmehr eine dämonische Kriminalgeschichte der Kirche verschuldet. Küngs Relativierung der Deschner-Kritik liest sich in diesem Kontext wie eine Mahnung zu historischer Sachlichkeit – eine reizvolle Pointe.

Unabhängig von ihrem Gesamturteil diskutiert eine Reihe der Rezensenten die Frage, wer eigentlich der Autor des Jesus-Buches sei: der Theologe Joseph Ratzinger oder Papst Benedikt XVI.? Auch wenn das päpstliche Vorwort den eindeutigen Verweis auf den Theologen gibt und wenn deshalb zur Debatte eingeladen wird, traut mancher der Ermunterung zum Widerspruch nicht über den Weg. Ohlig verweist auf die jüngste lehramtliche Maßregelung des Jesuiten Jon Sobrino wegen seiner Christologie. Darf man wirklich offen reden? Das Problem ist offen gesagt: Wenn man wie Ohlig das christologische und trinitarische Dogma vollständig abräumt (was Sobrino nicht tut, nach Einschätzung des Lehramtes entferne er es allerdings zu sehr vom Neuen Testament), wenn man die Entwicklung des Dogmas ganz dem historischen Zufall, nämlich dem hellenistischen Bedürfnis nach Vergöttlichung von Helden der Geschichte anheimgibt, und wenn man Jesus von Nazareth lediglich als einen Mann des Frühjudentums zu begrüßen weiß, der wie viele andere zur Hoffnung auf Gott motivierte und wenn man deshalb diese Hoffnung zum alleinigen Kern des Christentums erklärt – dann muss man wohl mit Widerspruch rechnen, und zwar von beiden: sowohl vom Theologen Ratzinger als auch von Papst Benedikt, vor allem dann, wenn diese Thesen als wasserdichte historische Wahrheit behauptet werden. Freileich – man wird deshalb auch historisch argumentieren müssen; das kann Ohlig zu Recht erwarten. Dafür steht aber schon das Buch des Papstes, gleichwenn es eine narrative Christologie bietet. Aber das ist kein Nachteil, sie scheut nicht das rationale Argument: Wie in christologischen Handbüchern nachzustudieren, setzt Joseph Ratzinger/Papst Benedikt XVI. ganz dem theologischen Standard gemäß mit der Reich-Gottes-Predigt Jesu ein und expliziert deren implizierte Christologie, die zuerst ihren Niederschlag im Neuen Testament findet.

Daran knüpft die Dogmenentwicklung an – aber nicht irgendwie, was jedoch Ohlig behauptet, sondern konsequent. Zum Nachweis konsequenter Glaubensentwicklung beruft sich Ratzinger/Benedikt unter anderem auf entsprechende Studien von Alois Grillmeier: Danach haben schon palästinensische, nicht erst hellenistische Judenchristen Jesus als Herrn verehrt (vgl. den aramäischen Gebetsruf bei Paulus 1 Kor 16, 22: Marána tha – Unser Herr, komm!) und ihn damit auf eine Stufe mit Gott dem Herrn gestellt. Sind diese Studien des Frankfurter Jesuiten alle Makulatur oder nur Produkte romergebener Ideologie, mit deren Verbreitung ein Jesuit nach dem Kardinalshut griff? Wäre die nachbiblische Dogmenentwicklung ohne jede innere Konsequenz verlaufen, dann wäre das Christentum ein Irrläufer und keine Offenbarungsreligion. In seinen Bonaventura- und anderen Studien hat Joseph Ratzinger wie viele andere Fundamentaltheologen herausgearbeitet, dass Gottes Offenbarung ohne ihr Angenommen- und authentisches Verstandenwerden im Glauben der Kirche überhaupt nicht existiert. Wenn Gott spricht und ihn keiner versteht oder alles Mögliche verstanden wird – hat Gott dann überhaupt gesprochen? Ohne Offenbarungsinitiative Gottes, zu der konstitutiv die verstehende Annahme im Glauben gehört, zerbröselt übrigens auch das Fundament für ein Christentum als Hoffnungsreligion, denn hoffen kann man nur auf einen Gott, der sich den Menschen wirklich und verständlich zuwendet. Diese innere Verbindung zwischen Ratzingers/Benedikts Offenbarungstheologie und Christologie wird von den Rezensenten leider kaum erfasst (vgl. jedoch Helle).

Hier liegt aber der Schlüssel zum Verständnis des Buches. Zu der im Glauben ankommenden und sich vergegenwärtigenden Offenbarung ist folglich die Vorstellung zu rechnen, dass Jesus von Nazareth hinsichtlich seiner offenbarungs- und heilsrelevanten Worte und Taten authentisch verstanden und überliefert wurde, wenngleich das im einzelnen nicht immer historisch exakt zu rekonstruieren sein mag. Aber der Glaube basiert nicht auf menschlichen Rekonstruktionen und Hypothesen. Es verriete außerdem eine erkenntnistheoretische Naivität, zu meinen, man könne aus dem Überlieferungsstrom aussteigen und sozusagen von außen oder von oben herab dabei zusehen, wie nun genau der Übergang vom verkündigenden Jesus von Nazareth vor Ostern zum verkündigten Christus des nachösterlichen Glaubens erfolgt ist. Zum Glauben gehört der Glaube, dass nicht menschliche Intelligenz oder Forschung, sondern Gott die Richtigkeit der Synthese von Jesus und Gottessohn verbürgt (vgl. Mt 16, 17). Der Glaube gründet eben in Gott, nicht in menschlicher Aktivität oder Leistung (vgl. Thomas Marschler, in: Jesus und der Papst, Freiburg 2007, 98–100). Schriftgemäße christliche Theologie setzt diese biblisch bezeugte Synthese von Jesus und „Gottessohn“ beziehungsweise „dem Sohn“ voraus und entwickelt ihre innere Logik, deren Voraussetzungen und Implikationen. Exakt diesem Anliegen dient das Jesus-Buch des Papstes; darum setzt es eine „Glaubensentscheidung“ voraus.

Die guten Engel lügen natürlich nicht

Im Meinungsstreit um das Papstbuch ergeben sich auch Überlegungen aufgrund Klaus Bergers Kritik an der liberalen Exegese. Während diese zum Beispiel den Dämonenglauben mit dem altorientalischen Weltbild aus dem christlichen Selbstverständnis gänzlich herauskürzt, Besessenheit ausschließlich auf psychische Erkrankungen reduziert und nach authentischen Jesusworten Ausschau hält, die ein päpstliches Lehramt ersetzen sollen, provoziert Berger mit dem Gegenteil nicht ohne polemische Überzeichnungen. Die lukanische Verkündigungsszene, in der der Erzengel Gabriel vor Maria Jesus als Sohn Gottes bezeichnet, wird unmittelbar als Antwort auf die Frage geboten, ob Jesus vorösterlich Sohn Gottes genannt wurde oder nicht – schon vorgeburtlich geschah es allem Anschein nach. Gilt man bereits als liberaler Exeget oder Dogmatiker, wenn man mit Ratzinger dennoch diese Frage stellt und nicht sofort das Engelwort als hinreichende Antwort betrachtet? Können denn Engel lügen, mag Berger einwenden? Die guten natürlich nicht! Aber wie auch im Fall der Auferstehung Jesu bleibt man trotzdem nicht exegetisch und dogmatisch bei der Verkündigung der Gottessohnschaft Jesu durch einen Engel stehen, sondern fahndet nach weiteren Indizien im Leben Jesu.

Im Blick auf die Auferstehung zeigt sich, dass am Ursprung der Überlieferung kurze Glaubensbekenntnisse stehen, die die Auferstehung bezeugen und damit die Gottessohnschaft Jesu bestätigen, und dass nach neutestamentlichem Verständnis der Glaube an die Auferstehung in Gott gründet und nicht in der menschlichen Erkenntniskraft der Jünger. Gott zeigt den Jüngern den Auferstandenen beziehungsweise dieser offenbart sich ihnen. Dann sind die Jünger nicht mehr von Blindheit geschlagen, sie erkennen ihn und wissen nun, warum das Grab leer ist. Die Engel können bei diesem Erkenntnisvorgang assistieren, aber sie ersetzen weder Gott als Glaubensgrund noch das frühe Bekenntnis der Kirche. So ist es auch mit der Erkenntnis, dass Jesus der Sohn beziehungsweise Gottes Sohn ist. Was Gabriel sagt, muss mit dem historischen Jesus kompatibel sein. Das fordert der Glaube an die Offenbarung. Und das können Exegeten gut belegen, ohne deshalb den Glauben auf ihren Hypothesen aufzubauen. Aber sie erhellen die innere Logik und Konsequenz des Glaubens in Entsprechung zum geschichtlichen Ursprung des Christentums und der menschlichen Mitwirkung bei dem in Gott gründenden Glauben.

Kurzum, dem Jesus-Buch des Papstes sei Dank, denn es belebt die Diskussion über die Grundlagen des Glaubens gewaltig und führt die Theologie zu ihrer Sache zurück. Diesem Anliegen hätte eine bessere Auswahl der Beiträge gedient, die in dem vorliegenden Diskussionsband des Lit-Verlags zusammengestellt sind.