Am Abgrund der Jesusforschung

Marius Reiser befasst sich mit dem Autoritätsverlust der Heiligen Schrift und den Prinzipien christlicher Schriftinterpretation. Von Clemens Schlip

Wenn man heute in Deutschland von einer Glaubenskrise sprechen muss, entspricht dem auch eine Krise der theologischen Fakultäten. Dabei ist nicht zuletzt an den dort vielerorts eingeübten Umgang mit der Heiligen Schrift zu denken. Zum einen werden biblische Texte von katholischen Theologen in widersinniger Weise gegen das kirchliche Lehramt ausgespielt oder ihre traditionelle Auslegung bestritten. Zum anderen wird im Zuge einer falsch verstandenen historisch-kritischen Exegese die Heilige Schrift nicht anders behandelt als irgendein beliebiger klassischer Text. Das heißt: Man bestreitet nicht, dass wertvolle Dinge darin enthalten sind, aber absolute Geltung für das eigene Leben räumt man einem solchen Text natürlich nicht ein. Unbequeme Aussagen und Erzählungen der Bibel können so leicht als „zeitbedingt“ beiseitegeschoben werden. Es ist eine eigenartige, aber mittlerweile schon zur Gewohnheit gewordene Situation.

Wie konnte es so weit kommen? Und wie kommt man aus ihr vielleicht wieder heraus? Mit diesen Fragen beschäftigt sich der frühere Mainzer Neutestamentler Marius Reiser in seinem neuen Buch „Die Autorität der Schrift im Wandel der Zeiten. Studien zur Geschichte der biblischen Exegese und Hermeneutik“. Darin geht er in vierzehn Kapiteln dem schleichenden Autoritätsverlust der Heiligen Schrift in der Neuzeit – und eben gerade auch in der modernen Theologie – nach. In ihrer für die Buchpublikation überarbeiteten Fassung ergeben diese zuerst als Vorträge getrennt konzipierten Beiträge einen Band von bemerkenswerter innerer Geschlossenheit.

Reiser stellt gleich zu Beginn gute Fragen an seine Fachkollegen: „Warum sind viele Exegeten so stolz, wenn sie zu Ergebnissen gelangen, die der Tradition und der herkömmlichen Dogmatik widersprechen oder zu widersprechen scheinen? [...] Wem will diese Exegese überhaupt noch dienen?“. Zumal man ergänzen darf, dass diese vermeintlichen „Ergebnisse“ ihre Wirkung auch in anderen Disziplinen und über Religionsunterricht und Verkündigung auch in der Öffentlichkeit entfalten.

Die Antwort auf die von Reiser festgestellte Krise kann nun freilich nicht darin bestehen, auf jede philologisch-historische Auseinandersetzung mit der Bibel zu verzichten. Reiser zeigt klar auf, dass eine kritische Auseinandersetzung mit dem biblischen Text durchaus ihre Berechtigung hat. Man kann aber nicht bei ihr stehenbleiben, da sie nicht erklären kann, weshalb der untersuchte Text noch heute Bedeutung für uns haben soll. Das Themenspektrum des Bandes ist reich. In einem Kapitel bricht Reiser eine Lanze für die allegorische Schriftdeutung, ein anderes widmet er „Prophezeiungen und ihre Erfüllung durch Christus“, und legt in beiden Fällen überzeugend dar, dass diese uralten Prinzipien christlicher Schriftinterpretation auch heute noch ihre Berechtigung haben.

Mit dem französischen Priester Richard Simon (1638–1712) wird in einem anderen Kapitel ein positives Beispiel dargestellt, wie eine philologisch und historisch exakte Exegese aussehen kann, die hohen wissenschaftlichen Anspruch ohne inneren Widerspruch mit echter Glaubenstreue vereinbart. Reiser macht plausibel, dass viel Unheil hätte vermieden werden können, wenn man auf katholischer Seite den Anregungen Simons gefolgt wäre. Stattdessen hatte Simon mit ungerechten Verdächtigungen und Publikationsverboten zu kämpfen.

In diesem Kontext macht Reiser deutlich, dass nicht nur die modernen Feinde der Bibel, sondern auch ungeschickte Verteidiger ihrer Autorität negativ gewirkt haben, wenn sie sich gegenüber kritischen Anfragen auf methodisch ungeschickte Apologetik zurückzogen. Sehr klar wird dies etwa an der lange hartnäckig betriebenen Verteidigung des „Comma Johanneum“, eines textlichen Zusatzes im ersten Johannesbrief, der aufgrund seines Fehlens in den alten griechischen Handschriften mit Sicherheit nicht zum originalen Textbestand gehört, aber als wichtiger biblischer Beleg für das Dogma der Dreifaltigkeit angesehen wurde. Reiser legt dar, dass man hier die verschiedenen Ebenen getrennt halten muss.

Eine textkritische Entscheidung gegen das „Comma Johanneum“ stellt noch keine Leugnung des trinitarischen Dogmas dar, das eines solchen ausdrücklichen biblischen Belegs zudem gar nicht bedarf, da es alleine durch die kirchliche Tradition schon genug gestützt wird. Reiser vertritt den Grundsatz, dass man Fragen der Textkritik und Fragen der Theologie getrennt halten sollte.

Neuzeitliche Kritiker der Bibel kommen mit Goethe und der Voltaire-Freundin Madame du Chatelet zu Wort. Dabei arbeitet Reiser deutlich heraus, welche Bedeutung hermeneutischen Vorentscheidungen zukommt. Wer von einem Weltbild ausgeht, in dem Wunder unmöglich sind, wird auch die biblischen Erzählungen nach diesem Maßstab beurteilen. Folgerichtig wäre von katholischen Exegeten zu fordern, dass sie die biblischen Texte im Lichte der authentischen christlichen Tradition interpretieren, und nicht von Prämissen ausgehen, die anderen Weltanschauungen entstammen. In einem Kapitel zur Jesusforschung im 19. Jahrhundert zeigt Reiser in diesem Sinne, wie die damals begonnene Suche nach dem „historischen Jesus“ die Leugnung bestimmter Glaubenswahrheiten – insbesondere des Gottmenschentums Christi – im Grunde schon impliziert.

Weitere Höhepunkte des Bandes stellen Kapitel über die spirituelle Tradition der Leben-Jesu-Betrachtung und über das Hörspiel „The Man Born to Be King“ der in Deutschland eher als Kriminalautorin bekannten Dorothy Sayers dar. An Sayers demonstriert Reiser, wie eine an der christlichen Tradition orientierte Aktualisierung der Jesus-Gestalt aussehen kann. Ihr Jesus-Bild sei „überzeugender als das sämtlicher Jesusbücher der historisch-kritischen Schule.“

Die Studie bereitet ein hohes intellektuelles Lesevergnügen und veranschaulicht den breiten kulturellen Horizont ihres Autors. Neben den schon angesprochenen Themen finden sich etwa noch Interpretationen zu Gedichten der Annette von Droste-Hülshoff und eine Würdigung Romano Guardinis. Es handelt sich um ein ungemein ausgewogenes und kluges Buch, verfasst in einer wundervoll klaren und einfachen Sprache, wie sie in wissenschaftlichen Texten selten ist. Man kann darin auch Anregungen für den privaten Umgang mit der Heiligen Schrift finden.

Dass das Buch in der deutschen Universitätstheologie die breite Rezeption findet, die es eigentlich verdiente, ist leider kaum zu hoffen. Das würde einen guten Willen voraussetzen, der dort weitgehend nicht vorhanden sein dürfte. Aber es sollte in die Hände möglichst vieler Studierender und anderer interessierter Christen gelangen. Denn hier wird mustergültig deutlich, wie eine wirklich wissenschaftliche Theologie nur aus dem Glauben heraus und im Dienst am Glauben betrieben werden kann. Sonst ist sie „bestenfalls Religionswissenschaft“, wie Reiser es im Vorwort hinsichtlich der Exegese formuliert.

Marius Reiser: Die Autorität der Schrift im Wandel der Zeiten. Studien zur Geschichte der biblischen Exegese und Hermeneutik, Carthusianus Verlag, Fohren-Linden 2016, Paperback, 252 Seiten, ISBN 978-3-941862-21-0, EUR 19,80