Altlasten der Aufklärung

Marius Reiser beleuchtet die Letzten Dinge im Licht des Neuen Testaments. Von Hinrich E. Bues

„Wie kam es zu dem langweiligen und gelangweilten Christentum, das wir in der Neuzeit beobachten und aus eigener Erfahrung kennen“, so fragte mit scharfem analytischem Sinn kein Geringerer als Joseph Ratzinger schon 1977 in seinem Buch über die Eschatologie. Zur Einleitung seines Buches über „Die Letzten Dinge im Licht des Neuen Testaments“ zitiert Marius Reiser diese Analyse der kirchlichen Situation in der westlichen Welt. Er kritisiert, dass bei uns „Kühnheit, Schwung, Esprit, Humor, Aufbruchswille, Experimentierfreude, Opferbereitschaft und Angriffslust in geistigen Auseinandersetzungen“ fehlen würden. Einen Hauptgrund für diese Situation vermutet Reiser in der Verdrängung genau jener Themen, um die es in seinem Buch gehen soll: Himmel und Hölle, den Untergang dieser Welt, das Jüngste Gericht, den Tod und die apokalyptischen Visionen. Schuld an dieser Situation habe in erster Linie, so der Autor, die im 18. Jahrhundert begonnene Aufklärung, die Gläubige dazu verführt habe, „Gott nicht mehr ernst zu nehmen“.

Wer nun darauf hofft, in diesem Buch eine grundlegende Kritik der Irrwege der biblischen Theologie der letzten 250 Jahre oder zumindest einen selbstkritisch gehaltenen Rückblick zu finden, wird leider nicht fündig. Denn schon im zweiten Absatz seiner Einleitung verkündet Reiser, dass dieser Aspekt leider nicht das Thema seines Buches sein könne.

So wandelt Reiser größtenteils weiterhin auf den ausgetretenen Pfaden, einer historisierenden und aufklärerisch daherkommenden biblischen Theologie. Teilweise wirken seine Ausführungen ironischerweise geradezu wie ein Paradebeispiel dafür, warum die biblischen Wissenschaften heute oftmals so langweilig daherkommen. Reiser, einst Assistent bei dem Neutestamentler Gerhard Lohfink, wirkte bis 2008 als Professor für Neutestamentliche Theologie an der katholischen Fakultät der Universität Mainz, arbeitet heute als Privatgelehrter und bleibt so im Grunde der aufklärerischen Universitätstheologie treu.

So meint der Autor beispielsweise zwischen den im Neuen Testament bezeugten „authentischen Jesus-Worten“ und solchen Worten Christi unterscheiden zu können, die Jesus wohl so nicht gesagt hat. Den berühmten Satz aus der ersten Predigt Jesu nach dem Markusevangelium: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium“ (Mk 1, 15) hält Reiser für „eine glänzende Zusammenfassung der Predigt Jesu durch den Evangelisten Markus“. Sollte Markus, dieser enge Mitarbeiter des Apostels Petrus und spätere Mitgründer der Kirche in Ägypten, nicht in der Lage gewesen sein, diese Originalworte Jesu wortgetreu überliefert zu haben?

Unbekannter Ghostwriter und namenlose Gemeinde?

Die Niederschrift des Matthäus-Evangeliums datiert Reiser, ungeachtet der wissenschaftlichen Erkenntnisse der letzten Jahrzehnte, auf das Jahr 90 nach Christus. Damit hätte also nicht einer zwölf Apostel, der ehemalige Zöllner Matthäus (Levi) dieses Evangelium verfasst, sondern ein unbekannter Ghostwriter oder eine namenlose „Gemeindebildung“. Denn der Apostel Matthäus, der bis heute von der äthiopisch-koptischen Kirche als Apostel am oberen Nil-Lauf hoch verehrt wird, starb bereits 69 n. Chr. ebendort als Märtyrer. Im Jahr 90 n. Chr. hätte dieser Augenzeuge des Geschehens um Jesus Christus daher wohl schwerlich etwas niederschreiben können. Diese späte Datierung widerspricht auch der gut bezeugten frühen altkirchlichen Tradition. Schon im 130 n. Chr. schrieb Bischof Papias von Hierapolis (heute: bei Pamukkale, Türkei), dass „Matthäus in hebräischer Sprache die Reden Jesu zusammengefasst“ habe. Auch der Kirchenhistoriker Eusebius bestätigt noch im vierten Jahrhundert im dritten Band seiner berühmten Kirchengeschichte, dass Matthäus persönlich der Verfasser seines Evangeliums in hebräischer Sprache gewesen sei.

Warum sind diese Datierungsfragen so wichtig? Letztlich hängt daran die Glaubwürdigkeit und Authentizität der Bibel, der Worte Jesu, um die es in diesem Buch um die Letzten Dinge ja gerade gehen soll. Wenn erst grundlegende Zweifel an der Glaubwürdigkeit der biblischen Überlieferung gesät werden, wie sollen dann die prophetischen Worte Jesu angemessen gewürdigt werden? Was bleibt übrig von den vielen Worte Jesu über den Untergang der Welt, das Jüngste Gericht, über Tod und Leben, ganz zu schweigen von den Worten der Apostel bis hin zu dem heiligen Johannes als Verfasser der Apokalypse? Diese prophetischen Worte des Herrn gehen ja noch weiter über diejenigen hinaus, die etwa von der Zerstörung des Jerusalemer Tempels handeln, die aufklärerische Theologen für eine spätere Einfügung in den biblischen Text halten, weil Jesu vermeintlich die Zerstörung des Tempels (70 n. Chr.) nicht hätte vorhersehen können. In den prophetischen Worten Jesu geht es um viel größere, furchterregende, harte, über unseren Verstand hinausgehende, die Gemüter bis heute erregende oder erschreckende Dinge. Wenn diese Szenen nur die Rückstände eines antiquierten, mythischen, heute aber überwundenen Weltbildes sein sollen, wie dann etwa der evangelische Theologe Martin Bultmann im 20. Jahrhundert behauptet hat, dann kommt kein Feuer in die Sache.

Das geschieht, kurz gesagt, in weiten Passagen der dreizehn von insgesamt fünfzehn Kapitel dieses Buches, die aus Aufsätzen, Vorträgen und Essays des Autors hervorgegangen sind. Spannend liest sich der Beitrag über die „Poetik und Theologie im Traum des Gerontius von John Henry Newman“. Der 1845 zum katholischen Glauben konvertierte und selige John Henry Kardinal Newman schrieb dieses Gedicht 1865 „in einem Rutsch“, wie er vermerkte, in rund 850 Versen herunter. Hier findet der Leser konkrete Hilfen für die eigenen, ganz persönlichen Letzten Dinge.

Spaßkultur lässt den Leser schaudern

Newman thematisiert in seinem „Dream“ mithilfe der kirchlichen Sterbegebete den unausweichlichen Weg jedes Menschen. Wie viel Trost der Sterbende dabei mithilfe der traditionellen Gebete empfangen kann, unterstreicht Reiser dabei mit großer Kenntnis und Empathie. Interessante Parallelen aus dem jüdischen, römischen, antiken oder auch gegenwärtigen Umfeld beleuchten hoffnungsvoll dabei den unausweichlichen Weg jedes Menschen.

Auch der Abschnitt „Spaßkultur und Todeskultur“ liest sich spannend und mit einem gewissen Schauder. Das liegt nicht nur am zugrunde gelegten Gleichnis vom reichen Narren (Lk 12, 13–34), sondern auch an Reisers gut belegten Beispielen aus der antiken Welt, die so erschreckend und genau den Mainstream unserer Zeit widerspiegeln: „Lasst uns essen und trinken und Sex haben, denn morgen sind wir tot!“, so lasse sich das typische Motto ägyptischer, griechischer oder römischer Hedonisten zusammenfassen. Das, was heute „Lustprinzip“ oder Hedonismus genannt wird, leitet sich vom griechischen „hedoné“ (= Lust) ab. Offenbar ist dieses Lebensmodell ziemlich zeitlos und steht seit der Antike in scharfer Konkurrenz zum christlichen Glauben. Dass die heutige Spaßkultur dabei mit einer gewissen Todeskultur eng zusammenhängt, ist dabei deren Protagonisten von heute oftmals wenig bewusst.

Marius Reiser: Die Letzten Dinge im Licht des Neuen Testaments. Patrimonium Verlag, Mainz, 228 Seiten,

ISBN: 978-3864170188, EUR 24,80