Alternativer Lebensstil um des Himmelreiches willen

Gegen den Mainstream: Münsteraner Weihbischof Zekorn stellt ein Buch zu den evangelischen Räten vor. Von Heinrich Wullhorst

Der Münsteraner Weihbischof Stefan Zekorn präsentiert sein neues Buch „anders leben - mehr leben“. Foto: privat
Der Münsteraner Weihbischof Stefan Zekorn präsentiert sein neues Buch „anders leben - mehr leben“. Foto: privat

Der Münsteraner Weihbischof Stefan Zekorn hat sich in einem soeben erschienenen Buch mit den „evangelischen Räten“ des neuen Testaments befasst. Sie handeln von Armut, Gehorsam und Ehelosigkeit. „Deshalb führt die Auseinandersetzung mit ihnen“, wie Weihbischof Stefan Zekorn im Gespräch mit der „Tagespost“ beschreibt, „in die Mitte des Christseins“. Die verschiedenen Ausprägungen des besonderen Lebens nach den evangelischen Räten beeinflussten die Kirche. „Menschen haben konkrete Anfragen an diese Lebensformen. Sie wollen zum Beispiel wissen, warum Ordenschristen oder Priester eine Lebensweise pflegen, die vielen als Überbleibsel aus dem Mittelalter erscheint.“

„Der alternative Lebensstil, zu dem Jesus einlädt, eröffnet eine größere Perspektive, als die, die man durch das eigene Nachdenken oder durch die Gesellschaft mitbekommt“, erklärt Zekorn. Als Kind lerne man, dass man sich durchsetzen müsse und dass es gut sei, über einen gewissen Wohlstand zu verfügen. „Aber man erfährt dabei nicht, dass viele dieser Elemente nicht das Leben erfüllen.“ Eine zu starke Bindung an solche Dinge führe dazu, dass man „nahezu leer durchs Leben läuft“. Diese Leere würden viele Menschen im Alltag an sich erleben. „Demgegenüber erschließt die Botschaft Jesu einen Horizont, der viel größer ist. Die Ausrichtung auf Gott hin hilft, mit Themen wie Wohlstand oder Selbstbehauptung anders umzugehen“, ergänzt der Weihbischof.

Die evangelischen Räte waren nie unumstritten, räumt Zekorn ein. „Sie sind ein Entwurf, der oft quer zur aktuellen Realität vieler Menschen steht.“ Als Beispiel führt er das Leben des heiligen Franziskus an, dessen Lebensweise bei seinen Zeitgenossen zunächst auf viel Unverständnis gestoßen sei. Später sei dies dann in Bewunderung umgeschlagen. „Nicht alles, was aktuell gegen den Mainstream läuft, wird auf Dauer negativ gesehen“, weiß der Weihbischof. Wichtig sei, die Erkenntnis aus den evangelischen Räten zu gewinnen, dass die Öffnung auf Gott hin ein anderes Leben ermögliche.

Auf den ersten Blick wird nicht immer deutlich, warum ein Leben nach diesen Räten diese Dimension erschließt. Deshalb hat Stefan Zekorn das Buch geschrieben. Menschen sollen es lesen, die unterschiedliche Anfragen an die evangelischen Räte haben: „Gerade in meiner Anfangszeit als Weihbischof habe ich in vielen Gesprächen gemerkt, dass es im Hinblick auf Themen wie Gehorsam oder Zölibat viel Ablehnung gibt.“ Das habe auch damit zu tun, dass es der Kirche nicht immer gelinge, die Hintergründe hierfür verständlich zu erklären. Helfen soll das Buch aber auch denen, die nach einem Weg suchen, die Räte konkret in ihrem eigenen Leben umzusetzen. „Will man den Rat der Armut verstehen, ist es wichtig, auf das Kind in der weihnachtlichen Krippe zu schauen“, weiß Weihbischof Zekorn. „Gott selbst hat sich so klein gemacht, dass er Mensch geworden ist.“ Dadurch ermutige er die Menschen, zu ihren eigenen Einschränkungen zu stehen. Insoweit sei die Botschaft Jesu befreiend. Stefan Zekorn macht sich durchaus Gedanken darüber, ob der Rat der Armut sich mit einem Dienstwagen mit Fahrer für ihn als Bischof verträgt, oder ob man darauf verzichten könne. Bei seinen Amtsbrüdern in Frankreich werde das anders gehandhabt. Ein solches Zeugnis einfacheren Lebens gehe aber zu Lasten der Mobilität. „Die Art und Weise, wie wir unseren Dienst hier verrichten, würde dann nicht mehr funktionieren.“

„Gehorsam im Sinne der evangelischen Räte beschreibt eine Haltung des Hörens“ erklärt Zekorn weiter. Und eben nicht den militärischen Kadavergehorsam, der mit diesem Begriff oft in Verbindung gebracht werde. Der Mensch neige dazu, oft nicht in der Tiefe, sondern eher an der Oberfläche hinzuhören. So laufe er Gefahr, das Wichtige im Leben nicht zu erkennen, sondern Trends hinterherzulaufen, die andere vorgeben. Der heilige Paulus weise darauf hin, dass wenn wir nicht aufpassen, wir faktisch ständig irgendwo gehorchen. Und der Weihbischof nennt ein Beispiel mitten aus dem Leben: „Nehmen wir das Thema Mode: Warum kleiden sich viele Menschen im Laufe von Monaten oft relativ ähnlich? Denkt jemand darüber nach, warum die Modefarbe in diesem Winter zum Beispiel Himbeere ist?“ Es sei zumeist kein Ausdruck persönlicher Freiheit, zu entscheiden, was man anziehe, man folge einem Trend.

Gehorsam heiße für den Christen übrigens nicht, dass er alles, auch das, was die Kirche sage, kritiklos hinnehmen müsse. Er habe allerdings festgestellt, dass die meisten an der Kirche keine fundamentale Kritik übten, berichtet Zekorn. „Wenn man mit Menschen ins Gespräch oder in die Diskussion kommt, stellt man zumeist fest, dass dort noch sehr vieles ist, was man im Glauben teilt.“ Oft helfe es, sich zu fragen: „An welchem Punkt kann ich der Kirche trauen, weil ich ihr eine größere Einsicht und Weisheit zugestehe, als ich sie selber haben kann?“ Es dürfe aber auch Punkte geben, an denen man zu der Erkenntnis komme: „Dem kann ich so nicht folgen.“ Für den Umgang damit gebe es hilfreiche Kriterien.

Auch beim Thema Ehelosigkeit fehle es den Menschen oft an Verständnis. Dabei gehe es im Kern darum so zu leben, „wie Jesus selbst gelebt hat“. Der Gedanke, dass seine zölibatäre Lebensweise gegenüber anderen Formen überlegen sei, sei ihm nie gekommen. In Beratungsgesprächen mit Eheleuten helfe die Perspektive der Ehelosigkeit oft zu einer professionellen Distanz. Der zölibatär lebende Seelsorger müsse allerdings seine Grenzen im Erleben kennen.

Der Weihbischof sieht für die Zukunft einen Verlust für Kirche und Gesellschaft darin, wenn Menschen, die zeichenhaft aus den evangelischen Räten leben, wie Priester und Ordensleute, wegen des Rückgangs an geistlichen Berufungen künftig weniger präsent sind. Der entscheidende Impuls der evangelischen Räte liege jedoch auch heute darin, nach der Botschaft des Evangeliums zu leben, aus einer Geöffnetheit für Gott. Und aus dieser Perspektive heraus müsse sich die Kirche den Fragen der Zeit stellen. Junge Menschen seien wieder viel stärker an theologischen oder spirituellen Inhalten interessiert als in der Vergangenheit. Sie wollen vor allem wissen: Kann mir der Glaube konkret in meinem Leben helfen? „Aufgabe der Kirche ist es, ihnen aufzuzeigen, dass die Beziehung zu Gott ihnen eine Freiheit schenken kann, die sie von dem Druck, den sie in Ausbildung und Gesellschaft erfahren, entlasten kann. Genau an dieser Stelle muss die Pastoral ansetzen.“

Stefan Zekorn: anders leben – mehr leben. Die evangelischen Räte. Verlag Butzon & Bercker, Kevelaer 2017, 192 Seiten, ISBN 978-3766624079, EUR 18,–