Alte Bewegung mit moderner Kraft

Der Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem steht für Tradition und Zukunft. Von Martin Lohmann

Den Christen im Heiligen Land beizustehen ist ihr Auftrag: Die Ritter des Ordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem. Foto: KNA
Den Christen im Heiligen Land beizustehen ist ihr Auftrag: Die Ritter des Ordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem. Foto: KNA

Gelegentlich hört man von ihnen, zu besonderen Anlässen kann man sie auch in der Öffentlichkeit sehen. Wenn etwa bei einer feierlichen Fronleichnamsprozession durch Köln – und nicht nur dort – die ins Auge fallenden weißen Ordensgewänder mit rotem Fünffachkreuz zu sehen sind, dann weiß der eine oder andere: Das sind die Ritter. Die Grabesritter. Aber wer oder was sind diese eigentlich? Was tun sie? Sind sie ein Geheimbund? Und überhaupt: Heute gibt es noch Ritter?

Ja, es gibt sie auch heute noch: Echte Ritter. Der Berliner Historiker Michael F. Feldkamp, selbst Mitglied des Ritterordens, hat jetzt ein ebenso verständlich geschriebenes wie informationsdichtes Buch vorgelegt, das die spannende Geschichte des Ordens vom Jerusalempilger zum Grabesritter nachzeichnet. Auf 160 Seiten Text und einem 40-seitigen Anhang kann man regelrecht eintauchen in eine lebendige Geschichte, die über mehrere Jahrhunderte bis heute in Bewegung war und ist. So ganz nebenbei erfährt man viele historische Umstände aus längst vergangenen Zeiten, die teilweise zugleich ihren aktuellen Bezug zum Heute haben.

Feldkamp beschreibt die Bedeutung Jerusalems und besonders der Grabeskirche aus einer faszinierenden distanzierten Nähe ebenso wie den Wert der Pilgerschaft. Mit erfrischender Unerschrockenheit, die sich für einen Historiker geziemt, leuchtet er fromme Legenden und Widersprüchlichkeiten aus, lässt teilhaben an den nicht wirklich immer christlich wirkenden Besitz- und Nutzungsverhältnissen in und um die Grabeskirche, zeichnet die Vielfalt der Verfolgungen und Zerstörungen durch den aggressiven Islam nach und beleuchtet die Kreuzzüge, die nicht zum Ritterorden vom heiligen Grab gehörten, fair und fernab geschichtsvergessener Klischeevorstellungen. Dabei berücksichtigt er neueste Forschungsergebnisse. Auch wenn manche den alten Erzählungen liebevoll nachhängen, als sei der Orden gar schon von Karl dem Großen, Gottfried von Bouillon oder Bernhard von Clairvaux gewissermaßen ins Leben gerufen worden: Eine Gründungsurkunde oder ein genaues Geburtsdatum gibt es nicht. Vielmehr hat sich hier über lange Zeit etwas mehr oder weniger organisch entwickelt und ist durch die Höhen und Tiefen jeweiliger historischer Verläufe gegangen.

Wie ein roter Faden zieht sich aber der entscheidende Gedanke durch die im 14. Jahrhundert beginnende Rittergeschichte dieses Ordens: der Schutz und die Hilfe für die Christen im heiligen Land, der seinen Ausgangspunkt nahm in dem ehrlichen Bestreben, das Grab und somit den Ort der Auferstehung Jesu Christi zu schützen als der wohl für Christen kostbarsten heiligen Stätte. Mit geradezu bestechender Konsequenz entfaltete sich aus einer von kriegerischem Denken nicht ganz freien Pilgerverpflichtung eine geistliche Gemeinschaft, die mit Brutalität und Rücksichtslosigkeit nichts gemein hat. Im Gegenteil.

In der Entstehungsgeschichte taucht auch der Begriff der Militia Christi auf. Im Mittelalter galten die Ritterorden als die reinste Form dieser „militia“, in der sich Gefolgschaft (Christi), Hofdienst, Amt und erst in zweiter Hinsicht klassischer Militärdienst verbanden. Schon bald gab es eine Mischung aus Gefolgschaft beziehungsweis Nachfolge und Nachahmung Christi, also imitatio. Die nichtmilitärischen ritterlichen Ideale wurden prägend: Maß und Zucht, Mut, innere Stabilität (discretio) und Gelassenheit.

Eine Gründungsurkunde oder einen Gründungsakt für den Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem gibt es nicht. Aber es kann nachgewiesen werden, dass es die ersten Ritterpromotionen am Grab und Auferstehungsort Christi in der Mitte des 14. Jahrhunderts gab. Zunächst wurden nur Adelige am Grab zu Rittern geschlagen. Allmählich entwickelte sich das sogenannte fünffache Krückenkreuz zum Ordenssymbol, nachdem es zunächst einfach ein Pilgersymbol war. Michael F. Feldkamp führt in seinem Buch im Rahmen der geradezu organischen Entstehungsgeschichte des Ordens etliche interessante Selbstzeugnisse von Grabesrittern aus dem 15. Jahrhundert an. Er beschreibt die mit dem Ritterschlag damals verbundene Standeserhöhung und beleuchtet, wie auch andere Orden für Heilig-Land-Pilger entstanden. Übrig geblieben ist letztlich aber nur der Ritterorden vom Heiligen Grab.

Dieser wurde mehr und mehr zu einem kirchlichen Orden, dessen A und O buchstäblich das Almosen und der Obolus waren, der seit dem 16. Jahrhundert als Mindestbetrag zur Aufnahme durch den Ritterschlag gezahlt wurde. Mit Papst Benedikt XIV. begann im 18. Jahrhundert die Entwicklung zum Päpstlichen Orden. Erstmals werden die Grabesritter 1746 in einem päpstlichen Dokument erwähnt. 1847 werden dann mit der Errichtung des Lateinischen Patriarchats durch Pius IX. die Strukturen zum Päpstlichen Orden gelegt, und 1907 wird Papst Pius X. selbst Großmeister des Ordens. Seit 1931 heißt der Orden offiziell „Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem“. 1933 wird in Köln die Deutsche Statthalterei ins Leben gerufen.

Wer das Buch von Feldkamp liest, entdeckt und begleitet einen besonders interessanten Teil von Kirchengeschichte. Und am Ende kann man nur durch zahlreiche Belege des Autors nachvollziehbar bestätigen, was dieser in seiner Einleitung so ausdrückt: „Hinter dem antiquierten und überkommenen Begriff „Ritter“ aus dem zu Unrecht viel geschmähten ,finsteren‘ Mittelalter verbirgt sich eine hocheffiziente und meistens im Verborgenen wirkende Gemeinschaft von Katholiken, die sich in besonderer Weise der Nachfolge Christi verschrieben haben. Es sind überwiegend Laien, für die Christsein mehr bedeutet als nur der sonntägliche Gottesdienstbesuch, und für die die finanzielle Hilfe der Christen im Heiligen Land nur der äußere Ausdruck ihrer inneren Haltung ist.“

Allein in Deutschland gehören heute rund 1400 Männer und Frauen dem Orden an. 38 Komtureien gibt es in den insgesamt fünf deutschen Ordensprovinzen. Es gibt im Orden seit 1994 ein eigenes Marienfest, das am 25. Oktober als „Fest der Allerseligsten Jungfrau und Königin von Palästina“ begangen wird. Ordenskirche für die Deutsche Statthalterei ist die Kirche St. Andreas unweit des Kölner Domes, wo sich unter anderem das Grab des Heiligen Albertus Magnus befindet. Insgesamt gibt es weltweit im Ritterorden in 30 Staaten annähernd 30 000 Mitglieder. Auch Priester und Bischöfe gehören dazu.

Michael F. Feldkamp hat im Patrimonium-Verlag als Band 1 der Propyläen des christlichen Abendlandes ein ebenso geist- wie faktenreiches Buch vorgelegt. Es ist zugleich eine Sympathieerklärung für ein Rittertum, das wegen seiner Herzens- und Geisteshaltung heutzutage geradezu zwingend aktuell zu sein scheint.

Michael F. Feldkamp: Vom Jerusalempilger zum Grabesritter. Patrimonium Verlag, Aachen 2016, 230 Seiten, ISBN 978-3-86417055-3, EUR 14,80