„Als wäre Jesus Mehrheitsgesellschafter“

Mit den Zehn Geboten als Richtschnur erfolgreich Unternehmen leiten – Impressionen vom Kongress Christlicher Führungskräfte. Von Heinrich Wullhorst

Ökumene ist möglich: Christen verschiedener Konfessionen berieten in Hamburg, wie sich biblische Weisungen im Firmenalltag glaubwürdig umsetzen lassen. Foto: Wullhorst
Ökumene ist möglich: Christen verschiedener Konfessionen berieten in Hamburg, wie sich biblische Weisungen im Firmenallt... Foto: Wullhorst

Hamburg (DT) Die Debatte um die Bedeutung von Werten in unserer Gesellschaft ist im vollen Gange. Das zeigte der Kongress Christlicher Führungskräfte, zu dem sich mehr als 3 200 Teilnehmer vom 26. bis 28. Februar in Hamburg trafen. „Christen ecken zunehmend an, wenn sie sich lautstark äußern, wenn sie ihren Glauben offen bekennen. Das ist vor allem als christlicher Unternehmer im Umgang mit Kunden und Geschäftspartnern nicht immer leicht“, war eine von vielen Kongressbesuchern geäußerte Erkenntnis. Selbst öffentlich-rechtliche Medienvertreter sehen es offenbar nicht gern, wenn Christen, die möglicherweise andere Auffassungen haben als sie, sich friedlich versammeln. Und dann schlagen die Journalisten verbal selbst auf den Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg ein. Olaf Scholz wagte es nämlich, dem Christentreffen nicht nur mit einem Grußwort Aufmerksamkeit zu schenken, sondern gleich die Schirmherrschaft für den Führungskräftekongress zu übernehmen. Das war für einige NDR-Mitarbeiter dann offensichtlich zu viel des Guten: „Scholz unterstützt Kongress radikaler Christen“, warfen sie ihrem Bürgermeister vor. Der hatte bei seinem Eröffnungsstatement seine Freude darüber gezeigt, so viel geballte Wirtschafts- und Sozialkompetenz in seiner Stadt zu sehen. „Herzlich Willkommen in Hamburg“, sagte Scholz. „Ich finde, die Stadt der ehrbaren Kaufleute an der Wasserkante ist genau der richtige Ort für den diesjährigen Kongress christlicher Führungskräfte.“

Radikal hart gearbeitet haben die Kongressteilnehmer an diesen drei Tagen auf jeden Fall. In mehr als 60 Vorträgen und Seminaren beschäftigten sie sich mit Fragen von Wirtschaft und Ethik, dem Glauben am Arbeitsplatz oder der sozialen Verantwortung von Unternehmen und Unternehmern. In zwei großen Hallen präsentierten fast 200 Aussteller ihre Arbeit rund um unternehmerisches Handeln auf der Basis einer christlichen Werteordnung oder missionarischem Antrieb. Ein buntes Bild weitgefächerter Aktivitäten vor allem im evangelischen und evangelikalen Raum tat sich hier auf. Aus dem Parteienspektrum des Deutschen Bundestages präsentierte sich allein die Partei, die das „C“ im Namen trägt, gemeinsam mit dem Evangelischen Arbeitskreis (EAK) der Christdemokraten. Aber auch katholische Organisationen brachten sich als Aussteller oder Podiumsteilnehmer mit ihren Kompetenzen und Erfahrungen ein. Der Bund Katholischer Unternehmer (BKU) war ebenso vertreten wie die Katholiken in Wirtschaft und Verwaltung (KKV).

„Christliche Führungskräfte in der Wirtschaft wollen sich als Querdenker profilieren“, so definierte der Vorsitzende des Kongresses, Horst Marquardt, eines der Ziele der Veranstaltung. „Sie wollen nicht im Hauptstrom mitschwimmen, sehen ihre Verantwortung für ihre Mitarbeiter und sind überzeugt, dass die Wirtschaft christliche Werte braucht.“ Basis für ein erfolgreiches und soziales Handeln seien die Maßstäbe Gottes für die Menschen, wie sie beispielhaft in den Zehn Geboten zum Ausdruck kämen.

Schon zu Beginn des Kongresses setzte der katholische Theologe, Psychiater und Bestsellerautor Manfred Lütz ein erstes Highlight. „Viele Christen können heute nicht mehr verständlich von ihrem Glauben sprechen“, kritisierte er. „Meine muslimische Nachbarin kennt ihren Glauben genau. Deshalb sollten auch wir Christen in der Lage sein, unsere Überzeugungen zu erklären.“ Der Verlust des Glaubens an Gott sei die Ursache der zunehmenden Kirchenaustritte, „nicht der Umstand, dass Bischöfinnen betrunken Auto fahren, oder Bischöfe zu groß planen“. Es sei wichtig, das Fachchinesisch von den Kanzeln zu verbannen.

Eine der meistbeachteten Reden des Kongresses hielt Bundesinnenminister Thomas de Maiziere. „Nur wer Profil zeigt, wird sichtbar, weckt Interesse und vielleicht auch den Wunsch, dazuzugehören“, ermutigte er seine Zuhörer. Der evangelische Minister beklagte die mangelnde Leidenschaft vieler Christen für ihren Glauben. Sie sei neben der weit fortgeschrittenen Säkularisierung viel entscheidender als die Diskussion um eine Islamisierung der Gesellschaft. De Maiziere verdeutlichte noch einmal den massiven Rückgang des Anteils der Kirchenmitglieder in der deutschen Bevölkerung. Sie sank vom 95 Prozent im Jahr 1950 bis heute auf 59 Prozent. Nur ein Drittel des Rückgangs sei der Wiedervereinigung geschuldet. Die Zahl der Protestanten habe sich in 65 Jahren beinahe halbiert. Nachdenklich stimmt es den Minister, dass deutsche Unternehmen aus Rücksichtnahme auf religiöse Neutralität keine Weihnachtskarten mehr verschicken. Wenn man aus dem ständigen Blick auf Toleranz und Respekt nur noch „Glückliche Festtage“ wünsche, könne dies zur Beliebigkeit und „einer totalen Verleugnung unserer eigenen Traditionen führen“. De Maiziere appellierte an die christlichen Führungskräfte, das Gespräch mit muslimischen Unternehmern zu suchen.

Der Fraktionsvorsitzende von CDU/CSU im Deutschen Bundestag, Volker Kauder, warnte vor einer pauschalen Verurteilung des Islams: „Längst nicht alle Muslime sind Islamisten.“ Falsch sei allerdings auch die These, islamistische Terroristen hätten mit dem Islam überhaupt nichts zu tun. Kauder setzte sich vor den Kongressteilnehmern für sein großes Thema der Religionsfreiheit ein. Diese sei vor allem in solchen Ländern eingeschränkt, in denen der Islam Staatsreligion sei oder Muslime die Bevölkerungsmehrheit stellten. „In Afrika und im Orient spielt sich gegenwärtig eine Verfolgung ab, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat.“ Kauder verurteilte die Verbrechen der Terrororganisation IS in Syrien und im Nordirak als „verabscheuungswürdig“. Für in Deutschland lebende Muslime müsse klar sein, dass sie das Grundgesetz zu akzeptieren hätten. Seine Vorschriften könnten nicht durch ein Kirchengesetz oder die Scharia außer Kraft gesetzt werden. „In unserem Land schreibt nicht der Prophet die Gesetze, sondern der Deutsche Bundestag“, machte Kauder deutlich.

„Werteorientiertes Management und wirtschaftlicher Erfolg schließen sich nicht aus“, betonte der langjährige Vorstand des Sportartikelunternehmens Intersport, Klaus Jost. Die Bibel mit ihren Zehn Geboten biete einen Leitfaden dafür, was Führungskräfte im Alltag benötigen. Allerdings sei es nicht immer leicht, die Forderungen im Wirtschaftsleben einzuhalten. Im Wettstreit zwischen Umsatz, Profit und Macht bleibe ethisches Handeln oft auf der Strecke. „Doch wenn ich mein Unternehmen so führe, als wäre Jesus der Mehrheitsgesellschafter der Firma, dann habe ich die beste Orientierung“, bekannte Jost. Das Prinzip „What would Jesus do“ (was würde Jesus tun) sei für ihn sehr nützlich. „Führungskräfte müssten Werte vorleben und nicht nur an die Wand schreiben.“

Die besondere Bedeutung des Beitrags christlicher Führungskräfte für die Gesellschaft beschrieben die Vorsitzende des Bundes Katholischer Unternehmer (BKU), Marie-Luise Dött, MdB und ihr evangelisches Pendent vom Arbeitskreis Evangelischer Unternehmer (AEU), Peter Barrenstein. „Es lebt sich auch als Unternehmer einfacher, wenn man ehrlich ist, denkt und handelt“, verdeutlichte die Bundestagsabgeordnete. Das ständige Hinterherlaufen nach neuen Trends und tagesaktuellen Hypes bringe keinen nachhaltigen Erfolg. Auch Barrenstein sieht die christlichen Werte als einen Kompass, der Unternehmen den Weg weist. „Unsere christlichen Wurzeln führen dazu, dass wir eine Prägung zu einer Werteordnung erhalten haben, die im globalen Vergleich einzigartig ist. Werte wie die Einhaltung von Compliance-Regeln und Nachhaltigkeit sind bei den Menschen angekommen. Sie sind auch bei denen verankert, die keinen Glauben bekennen.“ Marie-Luise Dött betonte das vielfältige Engagement christlicher Unternehmer, das weit über ihren Betrieb hinausgehe: „Ich kenne keinen Unternehmer, der nicht auch in verschiedensten Bereichen ehrenamtlich tätig ist.“ Klugheit und Mut nannte sie als wichtige Wertequellen. Diese Begriffe ergänzte der AEU-Vorsitzende um den Wert der Integrität. Die Pflicht des Unternehmers sei es, „seinem Umfeld die christlichen Wurzeln unseres Gesellschafts- und Wirtschaftssystems nahezubringen und ein beispielhaftes Leben zu führen“.

Der britische Mathematikprofessor und Wissenschaftsphilosoph John Lennox regte Christen dazu an, im Dialog mit Nicht-Christen nicht gleich immer mit der Tür ins Haus zu fallen, sondern auf eine sympathische Art über den Glauben ins Gespräch zu kommen. Christen hätten es nämlich schwerer als Atheisten, sich öffentlich zu ihrem Glauben zu bekennen. Auch den Atheismus sieht Lennox als ein Glaubenssystem. „Wer nicht an Gott glaubt, sucht sich einen anderen absoluten Wert, etwa den Staat oder das Geld.“ Lennox bezog sich auf ein Zitat des Physikers Stephen Hawking, der einmal gesagt habe „Religion ist ein Märchen für diejenigen, die Angst vor der Dunkelheit haben.“ Lennox hielt dem entgegen: „Atheismus ist ein Märchen für diejenigen, die Angst vor dem Licht haben.“

Harte Worte zum Umgang der Medien mit christlichem Engagement fand der Publizist Matthias Matussek. Er kritisierte, dass Christen in vielen Talkshows oft negativ dargestellt würden. Menschen, die sich aus christlichen Motiven dem Lebensschutz verschrieben, „drängen die Medien gleich in die rechte Ecke“. „Der Schutz von Leben hat doch nichts mit links oder rechts zu tun?“ Eine Gefahr für die Meinungsfreiheit drohe in Deutschland nicht vom Islamismus oder Terrorismus, sondern „aus der Mitte der Redaktionen“.

Im Rahmen der Veranstaltung wurde der „Preis für christliche Führungskräfte“ vergeben. Der Unternehmer Martin Dürrstein und der Geschäftsführer des Eisenacher Vereins Diakonia, Frithjof Karsten, erhielten die undotierte Auszeichnung. Vergeben wird sie an Persönlichkeiten, die auf vorbildliche Weise christliche Werte in Wirtschaft, Gesellschaft, Verwaltung oder Wissenschaft vermitteln.

Der 9. Kongress christlicher Führungskräfte endete am Samstag mit einer Selbstverpflichtung zu einem Handeln in Verantwortung vor Gott und den Menschen. Im Jahr 2017 wird es die 10. Veranstaltung dieser Art im fränkischen Nürnberg geben.