Als friedliche Mission Menschenrecht wurde

Wie der Dominikaner Bartolomé de las Casas das Spannungsfeld von Religion und Gewaltbereitschaft auslotete, hat nichts an Aktualität verloren. Von Josef Bordat

Das Kreuz als Friedenssymbol: Las Casas bekehrt eine aztekische Familie (Plastik von Miguel Morena, 1865). Foto: IN

Das ausklingende Jahr 2016 war für die Dominikaner voller Glanzlichter, feierten sie doch das 800-jährige Bestehen des Predigerordens, in dem so unterschiedliche Menschen wie Thomas von Aquin und Meister Eckhart, Santa Rosa de Lima und San Martín de Porres, Tomás de Torquemada und Giordano Bruno wirkten. Eines berühmten Dominikaners wurde 2016 besonders gedacht: Bartolomé de Las Casas. Er starb vor 450 Jahren nach einem langen Leben als Missionar und Bischof. Für die Ideengeschichte ist er zudem einer der Impulsgeber in der Iberischen Spätscholastik, aus der das moderne Völkerrecht hervorging, auch wenn sonst in diesem Zusammenhang ein anderer Dominikaner die Lorbeeren erntet: Francisco de Vitoria.

Das doppelte Gedenkjahr gab nun den Dominikanern Gelegenheit, auf Las Casas, der im deutschen Sprachraum vor allem durch Reinhold Schneiders „Las Casas vor Karl V.“ aus dem Jahr 1938 bekannt ist, aufmerksam zu machen. Das tat der Predigerorden in akademischer Form, also so, wie man es von ihm erwarten darf. Neben zahlreichen Tagesseminaren und Abendvorträgen ist vor allem eine internationale Konferenz erwähnenswert, die britische Dominikaner in Rhode Island (USA) ausrichteten: „Bartolomé de Las Casas, O.P. History, Philosophy, and Theology in the Age of European Expansion“.

Die Dominikaner sind

die ersten, die

die Misshandlungen der Indios anprangern“

Die „Philosophy and Theology“ des Las Casas stand zur „European Expansion“ in einem äußerst spannungsreichen Verhältnis. Es ist der historischen Redlichkeit geschuldet, auch in Sachen „European Expansion“ staatliches und kirchliches Handeln zu unterscheiden, militärische Eroberung und christliche Mission nicht einfach in einen Topf zu werfen. Zwar ist die militärische Flankierung von Missionstätigkeit – zum Schutz der Missionare – im 16. Jahrhundert diskutiert und im Ergebnis befürwortet worden, aber dennoch nicht in der Weise, dass man nun Militärs und Missionare in eins setzen könnte.

Umso erfreulicher, dass nicht nur die zur genauen Unterscheidung genötigten Wissenschaftler ihre differenzierten Positionen veröffentlichten, sondern auch manchem Presse-Kommentar im Las Casas-Gedenkjahr die Differenzierung gut gelang. So etwa dem Deutschlandfunk, der in seinem Kommentar zu Las Casas unter anderem Ricardo Piqueras von der Universität Barcelona mit den Worten zitierte: „Die Dominikaner sind die ersten, die die Misshandlungen der Indios anprangern – und das hinterlässt bei Bartolomé de Las Casas einen tiefen Eindruck. Er selbst steht ganz in der Tradition der ersten Missionare, die ihrer Bekehrungsaufgabe nachkommen möchten, von den Eroberern und Landherren aber daran gehindert werden.“ Also: Trennung von Kirche und Staat in der historischen Bewertung der Conquista, wie die „European Expansion“ nach Amerika auch genannt wird. In dieser Deutlichkeit selten, doch wie wichtig diese ist, zeigt besonders ein Blick auf Bartolomé de Las Casas.

Las Casas wurde 1484 in Sevilla geboren. Man nimmt an, dass er 1497 als Soldat nach Granada ging, um im Jahr 1500 auf Seiten des spanischen Heeres gegen die Morisken zu kämpfen. Später begann er ein Lateinstudium in Sevilla und ein kurzes Jura- und Theologiestudium an der Universität von Salamanca. Las Casas wird 1506 in Rom zum Priester geweiht und geht dann nach Espanola (heute: Dominikanische Republik und Haiti), wo 1510 der erste Dominikanerkonvent in Übersee gegründet wird.

Die missionarische Tätigkeit der Prediger findet im Rahmen der unmenschlichen Bedingungen des Encomienda-Systems statt und führt schnell zur Auseinandersetzung mit der Ausbeutungspraxis gegenüber den indianischen Einwohnern, deren grausame Folgen sich nicht verbergen lassen. So ist aufgrund von Militäraktionen, harter Arbeit, Unterernährung und Krankheiten in den Jahren 1492 bis 1508 die Bevölkerung Espanolas von 300 000 auf 60 000 Menschen geschrumpft.

Die erste theologische Antwort der Dominikaner war am vierten Adventssonntag 1511 zu hören, an dem Antón Montesino in einer Predigt zum Johannesevangelium ein Verbot der Indianersklaverei und die Aufhebung des Encomienda-Systems forderte, einer Predigt, die zur Philippika gegen die Kolonisten geriet. Diese Predigt hat Bartolomé de Las Casas sehr beeindruckt, so wie andere Zuhörer auch, deren Reaktion Las Casas notiert: „Viele waren sprachlos, einige wie von Sinnen, die anderen verstockt, manche sogar zerknirscht, aber keiner bekehrt.“

Auch Las Casas zieht zunächst keine praktischen Konsequenzen aus den eindrucksvollen Worten Montesinos und nahm in den Jahren 1512 und 1513 als Feldkaplan an der blutigen Eroberung Kubas unter Diego de Velazquez teil. Dabei wurde Las Casas Zeuge einiger Massaker spanischer Conquistadores. Als Belohnung für seine Dienste als Feldseelsorger erhielt Las Casas ein großes Dorf mit Goldminen und einer großen Anzahl an Indios, mit deren Hilfe er eine einträgliche Gruben- und Plantagenwirtschaft betrieb.

Doch sein Verhältnis zum Vorgehen der Conquistadores wird unter dem Eindruck von Gräueltaten zunehmend kritisch. Exemplarisch sei hier ein Vorfall in Caonao genannt, bei dem etwa 2 500 Menschen brutal niedergemetzelt wurden, ohne dass es zuvor Widerstand gegen die Eroberer gegeben hätte. Dies mit ansehen zu müssen, erfüllte Las Casas „mit Grauen und Schauder“.

1514 wird Las Casas gebeten, die Pfingstpredigt zu halten, die anlässlich der Gründung der Stadt Sancti Spíritus im Zentrum Kubas zu einer feierlichen Würdigung der Kolonialadministration geraten sollte, war doch Sancti Spíritus zur Sicherung des spanischen Machtanspruchs geplant worden. Bei der Vorbereitung der Predigt stößt Las Casas auf eine Stelle aus dem alttestamentlichen Buch Jesus Sirach (Jesus Sirach 34, 21 ff.), die von heuchlerischen Opfergaben, dem schweren Los der Armen und deren ungerechte Behandlung durch ausbeuterische „Blutsauger“ spricht.

Las Casas erkennt: Die ausgeraubten Armen, von denen in der Heiligen Schrift die Rede ist, sind die Indios, die als Zwangsarbeiter in seinen Minen und auf seinem Landgut schuften. Und der Mörder seines Nächsten ist niemand anderes als er selbst, der Priester Las Casas. Die eucharistischen Opfer in den zahlreichen Gottesdiensten, die er feierte, werden von Gott nicht anerkannt. Las Casas zieht die Konsequenzen aus dieser für seinen weiteren Werdegang wegweisenden Erkenntnis und verzichtet auf seinen ertragreichen Grundbesitz.

Nach diesem Bekehrungserlebnis verweigert sich Las Casas allen militärischen Maßnahmen und kämpft bis an sein Lebensende gegen den Krieg und für die Menschenrechte der Indios, als Missionar, später als Bischof, vor allem aber als juristisch und theologisch gebildeter Verfasser zahlreicher Eingaben an den spanischen Hof. Nicht zuletzt auch als empathischer Seelsorger, der Beispiel gab für friedliche Überzeugungsarbeit im Geiste christlicher Mission und der damit zahlreichen Ordensbrüdern Vorbild war.

In der Praxis ist die gewaltfreie Mission durchaus erfolgreich. Las Casas schreibt in den 1530er Jahren mehrmals an den Indienrat und berichtet über die Erfolge seines pazifistischen Vorgehens. Als es in einer Gegend Mexikos Aufstände gibt und die Region daraufhin den aztekischen Namen Tezulutlán (Kriegsland) bekommt, ist das für Las Casas eine gute Gelegenheit, die Wirksamkeit seiner Methode unter Beweis zu stellen. In einem Vertrag mit dem indiophilen guatemaltekischen Gouverneur Alonso Maldonado vom Mai 1537 bittet er sich eine fünfjährige Frist aus, die kriegerische Bevölkerung mit seinen Mitteln zu befrieden und zur Anerkennung der spanischen Herrschaft und damit zu Tributzahlungen zu bewegen. Zusammen mit seinem Weggefährten Rodrigo de Andrada beginnt Las Casas zur Bevölkerung ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, was rasch gelingt.

Mehrere Pfarrkirchen werden errichtet und die Indios zur Katechese in christliche Indianersiedlungen, sogenannte Reduktionen gebracht. Die Reduktionen waren Dörfer, in denen die sonst sehr vereinzelt lebenden Indianer gemeinsam angesiedelt wurden, um gesellschaftliches Leben in interfamiliären Strukturen und eine bessere theologische Unterrichtung zu ermöglichen. Besonders bekannt wurde in diesem Zusammenhang der Anfang des 17. Jahrhunderts in Paraguay errichtete Jesuitenstaat. Große Gebiete standen unter der Verwaltung von Missionaren, die das Alltagsleben wie in einer klösterlichen Gemeinschaft organisierten. Gemeinsame Bewirtschaftung der Felder, ergänzt um behutsame Glaubensunterweisung und einen religiös bestimmten Tagesablauf kennzeichneten dieses verheißungsvolle Experiment, das in so krassem Gegensatz zu der brutalen Explorationspolitik der Conquistadores stand.

Auch Las Casas ist mit den Reduktionen erfolgreich. In einem Brief an Karl V. berichtet er von seinen Erfahrungen und fährt im März 1540 nach Spanien, um bei Hofe sein Konzept für ganz Amerika durchzusetzen. In der Heimat nimmt man seine Vorstellungen mit Wohlwollen auf. Doch zu mehr als zu einem Katalog nie wirklich angewandter Sozialgesetze (Leyes nuevas, 1542) kann sich Spanien am Ende nicht durchringen.

1544 wird Las Casas in Sevilla zum Bischof geweiht und kehrt im Juli diesen Jahres nach Mexiko zurück, um in Chiapas das Hirtenamt zu übernehmen. Bei dem Versuch, die Neuen Gesetze in seinem Amtsbezirk anzuwenden, trifft Las Casas auf den erbitterten Widerstand der Kolonialgesellschaft. Da die Krone nichts mehr fürchtet als sinkende Einnahmen durch abtrünnige Kolonien, hebt Karl die Sozialgesetze wieder auf.

Las Casas reagiert mit seinen Confesionarios (Beichthandbücher), in denen er schreibt, dass alle von den Conquistadores geführten Kriege ungerecht waren, die Indios ihrer Freiheit und ihrer Güter beraubt und dabei der Name Jesu und der christliche Glaube in den Schmutz gezogen wurden. Zum ersten Mal erwähnt er dabei, dass er der Ansicht ist, das Vorgehen der Spanier verstoße nicht nur gegen Naturrecht und göttliches Gebot, sondern auch gegen das Völkerrecht, das er „Recht der Völker“ nennt. Er beschließt, seinen Kampf in Spanien weiterzuführen, und verlässt Lateinamerika 1547 endgültig. In Spanien wird Las Casas wieder in sein Amt als Procurador de los Indios eingesetzt.

Zu einem der Höhepunkte seines Wirkens in dieser Phase wird die Auseinandersetzung mit den Kolonisten auf der Junta de Valladolid (1550–1552), ein Gremium, welches sich intensiv und grundsätzlich wie keine Kommission zuvor oder danach mit der Rechtmäßigkeit der spanischen Conquista beschäftigte. Dabei wird der Disput zu einer Auseinandersetzung der beiden Protagonisten Bartolomé de Las Casas und dem Hofjuristen Juan Ginés de Sepúlveda. Der Disput endet ergebnislos, die Junta kann sich nicht auf eine der beiden Positionen einigen, die Spannungen zwischen Krone und Conquistadores bleiben bestehen. Erst zehn Jahre später kommt es zu einem Kompromiss: Ein Drittel der Indios werden den Kolonisten übereignet, zwei Drittel verbleiben als tributpflichtige Vasallen der Krone. Für Las Casas ein unbefriedigendes Ergebnis, gegen das er noch im hohen Alter publizistisch ankämpft. Die letzten fünf Lebensjahre verbringt Las Casas im Dominikanerkloster Nuestra Senora de Atocha in Madrid. Er stirbt am 19. Juli 1566.

Bartolomé de Las Casas stand unter den Missionaren des Dominikanerordens nicht allein. Es gab eine regelrechte „Opposition“ gegen die Brutalität der Eroberer und die Indifferenz des spanischen Staates. Unterstützung aus der Heimat erhielten die Prediger von dem eingangs bereits erwähnten Francisco de Vitoria. Vitoria geht von einem allgemeinen Missionsrecht aus, verneint jedoch ein „Recht auf gewaltsame Mission“ im Falle von Widerstand. Nur zur unmittelbaren Selbstverteidigung dürfe als ultima ratio auch Gewalt angewendet werden. Die biblisch-theologische Sicht eines Missionars wie Las Casas erfährt im Aufstellen politisch-rechtlicher Bedingungen im Rahmen einer frühen Theorie internationaler Beziehungen ihre völkerrechtliche Verstetigung (Vitoria). Die Folge: Friedliche Mission wird Menschenrecht – und ist es bis heute. Auf diese Dominikaner und ihren Einsatz für die Menschenwürde und die Menschenrechte kann die Kirche mit Stolz zurückschauen.