Als Weihbischof auf dem Konzil

Das Tagebuch des späteren Oberhirten von Münster beschreibt das Konzil aus einer persönlichen Perspektive. Von Harm Klueting

Heinrich Tenhumberg (1915–1979), Weihbischof von Münster. Foto: KNA
Heinrich Tenhumberg (1915–1979), Weihbischof von Münster. Foto: KNA

Das Zweite Vatikanum war das erste Ökumenische Konzil, an dem Weihbischöfe als Konzilsväter teilnahmen. So kam auch der 1958 in Münster Weihbischof gewordene Heinrich Ten-humberg, ab 1969 Bischof von Münster, nach Rom. Tenhumberg führte dort ein Tagebuch, das Joachim Schmiedl in einer Auswahledition herausgegeben hat. Der Professor für Kirchengeschichte an der Hochschule der Pallottiner in Vallendar ist dazu wegen seiner Vertrautheit mit Münster als Schüler von Arnold Angenendt und wohl mehr noch als Schönstattpater prädesti-niert, war doch Tenhumberg Mitglied der Schönstatt-Priestergemeinschaft.

Das Tagebuch spiegelt das Konzilsgeschehen uneinheitlich. Die Aufzeichnungen über die dritte Session im Herbst 1964 nehmen – auch wenn man die Kürzungen des Herausgebers in Rechnung stellt – deutlich mehr Raum ein als die über die erste und die zweite Session im Herbst 1962 und im Herbst 1963 zusammen und auch mehr als der Bericht über die vierte Session im Herbst 1965. Neben der Mitteilung von Belanglosigkeiten – die Cafeterien in der als Konzilsaula dienenden Basilika St. Peter, die Flüge nach und von Rom, das Wetter oder Ausflüge – merkt man den Aufzeichnungen der ersten beiden Sessionen die Unsicherheit des bei Beginn des Konzils erst 47 Jahre alten Weihbischofs unter einflussreichen Kardinälen der Weltkirche und prominenten Theologen an. Im Herbst 1962 nimmt Tenhumberg zumeist nur die Rolle des Beobachters ein: „Referat von Prof. Ratzinger über die vorgelegten Schemata. Er erläutert die Änderungs- und Ergänzungsvorschläge. Die Zeit erlaubt allerdings keine längere Diskussion. Einige wollen erfahren haben, dass auf vielfachen Wunsch die Schemata De sacra liturgia und De ecclesia unitate als erste behandelt werden sollen.“ – „In unserer Besprechung kam neben einzelnen Verbesserungsvorschlägen vor allem zum Ausdruck, dass eine Fixierung der Liturgie auf den lateinischen Ritus immer fragwürdiger sei.“ – „In der heutigen Generalkongregation prallen ganz unterschiedliche Meinungen über das Schema De sacra liturgia aufeinander. Auch bei der anschließenden Diskussion melden sich manche sehr konservative Stimmen zu Wort.“ – „In Sankt Peter jeden Tag lange Listen von Wortmeldungen zu Kapitel II des Schemas De sacra liturgia. Es geht besonders um die Fragen der Kommunion unter beiden Gestalten und der Konzelebration.“ – „Heute begann ein neuer Höhepunkt der Konzilsarbeit: die Diskussion über das von Kardinal Ottaviani vorgelegte und von ,seiner‘ theologischen Kommission erarbeitete Schema ,de ecclesia‘. Ein Höhepunkt war die Rede von Bischof de Smedt von Brügge und ihren drei Vorwürfen gegen das Schema: Triumphalismus, Klerikalismus und Juridizismus.“ – „Die meisten sind der Ansicht, dass diese Schemata von Grund auf neu bearbeitet werden müssen.“ Ähnlich im Herbst 1963: „In der Aula debattieren wir heute über Kapitel II de ecclesia. Ein Wust von Wiederholungen. Gegen die Lehre vom Apostelkollegium der Bischöfe und gegen die Möglichkeit eines vorher verheirateten Diakonats werden mehr Stimmen laut, als ich in der vorigen Woche geschätzt hatte.“ – „Gestern Morgen war wieder die erste Generalkongregation. Die Debatte hat ein gutes Niveau. Offensichtlich sind die französischen Bischöfe am besten präpariert. Von den deutschen hat man – so wird nicht ohne Grund – gesagt, dass sie in dieser Session wenig zu verkaufen hätten. Beide Kardinäle (Frings und Döpfner) sind überlastet, bei den anderen wenig Initiative. Zurückhaltung bei den Weihbischöfen.“

Doch tritt er während der ersten Session auch einmal aus der Beobachterrolle heraus: „Beim Studium des neuen Schemas ,De ecclesia‘ stelle ich einen Satz fest, der mir zu einseitig und missverständlich erscheint. Wenn dieses Schema noch in dieser Sessio behandelt werden soll, werde ich mich eventuell dazu melden müssen.“ Tatsächlich hält er zum 5. Dezember 1962 fest: „Heute habe ich beim Konzilssekretariat meine Wortmeldung abgegeben zu Kapitel V des Schemas ,De ecclesia‘.“ Tenhumberg fand vor der am 8. Dezember 1962 endenden Session keine Gelegenheit mehr zum mündlichen Vortrag seiner Stellungnahme, die nur schriftlich in die Konzilsakten einging. Schmiedl druckt diese Stellungnahme ebenso wie Tenhumbergs spätere mündliche und schriftliche Beiträge in deutscher Übersetzung der lateinischen Originaltexte ab. Diese jüngeren Beiträge – insgesamt elf, darunter neun schriftliche Anmerkungen und zwei Wortbeiträge, die beiden Reden in der Konzilsaula vom 8. Oktober 1964 über das Laienapostolat und vom 26. Oktober 1964 zu der späteren Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“ – stammen alle aus der dritten Session im Herbst 1964, während er in der zweiten Session keinen Beitrag lieferte. Erst die dritte Session sah Tenhumberg als aktiven Konzilsvater, dem es unter anderem um die Stellung der Weihbischöfe, Liturgiereform, Laienapostolat, Spiritualität der Diözesanpriester, christliche Erziehung und Kurienreform ging.

Das Weltgeschehen findet nur einmal Aufmerksamkeit: das Attentat auf John F. Kennedy am 22. November 1963: „Kurz nach der Rückkehr“ von einem Gespräch mit Kardinal Frings „kommt die erschütternde Nachricht, dass Präsident Kennedy ermordet wurde. Die amerikanischen Bischöfe hier im Hause und alle Konzilsväter sind tief erschüttert. Wer weiß, welche Auswirkungen auf die ganze Welt von diesem Attentat ausgehen werden?“ Hingegen nimmt er die Kubakrise, die zeitgleich mit dem Konzilsbeginn im Oktober 1962 die Welt in die unmittelbare Gefahr eines Nuklearkrieges brachte, nicht zur Kenntnis – der entscheidende 22. Oktober 1962 bleibt ganz ohne Tagebucheintrag – falls entsprechende Notizen nicht den Kürzungen des Herausgebers zum Opfer gefallen sind.

Aber es war nicht nur Unsicherheit des Weihbischofs aus der westfälischen Provinz, die ihn während der beiden ersten Sessionen weitgehend die Beobachterrolle einnehmen ließ, sondern auch bewusst gewählte Zurückhaltung. Wie schon zum 28. Oktober 1963, schreibt er auch zum 13. November 1963: „In diesen Tagen habe ich oft überlegt, ob ich zur Frage der Kurienreform, des Heiligen Offiziums, der Stellung der Weihbischöfe und so weiter nicht auch öffentlich sprechen sollte. Nach langen Überlegungen, auch mit Bischof Bolte“ – auch der Fuldaer Bischof Adolf Bolte gehörte der Schönstatt-Priestergemeinschaft an – „habe ich mich entschlossen, es nicht zu tun. Das könnte unseren Bemühungen um das Schönstattwerk erheblichen Schaden zufügen.“ Tenhumberg nutzte das Konzil, um die Rehabilitierung der Schönstatt-Bewegung und ihres Gründers, des Pallottinerpaters Josef Kentenich, zu erreichen. Hatte es schon in den Jahren 1935 bis 1938 Auseinandersetzungen um die schönstättische Spiritualität gegeben, so hatte das Heilige Offizium in dem nach der Reaktion Kentenichs auf die bischöfliche Visitation des Säkularinstituts der Schönstätter Marienschwestern ausgebrochenen Konflikt Kentenich 1951 von Schönstatt getrennt und aus Europa verbannt; seit 1952 lebte er im Exil in den USA.

Tenhumberg erreichte mit anderen, darunter die Bischöfe Bolte und Höffner, am Rande des Konzils die Übertragung der Zuständigkeit für die Schönstattsache vom Heiligen Offizium, der heutigen Glaubenskongregation, an die Religiosenkongregation und die Trennung des Schönstattwerkes von den Pallotinern. Zum 15. Oktober 1964 notiert er: „Die Grußtelegramme und besonders das Segenstelegramm des Heiligen Vaters werden nicht nur in der Schönstattbewegung, sondern auch bei den deutschen Bischöfen und in der kirchlichen Öffentlichkeit ein starkes Echo wecken und dem Schönstattwerk ein neues Ansehen geben, nachdem sein Ansehen in den letzten Jahren durch all die Diffamierungen so stark gelitten hat.“ Im Dezember wurde P. Kentenich in einer Audienz von Paul VI. empfangen. Tenhumberg notiert ganz am Ende seines römischen Tagebuchs: „Zu den Geschenken der Gottesmutter gehört es sicher auch, dass die Kirche die Erneuerung der Kurie mit der Erneuerung des Heiligen Offiziums begonnen hat, dessen neues Statut gerade vorgestern verkündet wurde. Auch das fällt auf eine gewiss nicht zufällige Weise mit der Rehabilitierung von Herrn Pater Kentenich zusammen.“

Heinrich Tenhumberg: Als Weihbischof auf dem Konzil. Tagebuchnotizen 1962–1965. Aschendorff Verlag,

Münster 2015, 222 Seiten,

ISBN 978-3-402-13114-5, EUR 19,90