Als Missionar unter Sklaven

Spurensuche im kolumbianischen Cartagena de las Indias: Zum Gedenktag des heiligen Petrus Claver am 9. September. Von Andreas Drouve

Man schrieb den 8. September 1654, als ihn der Herr von seinen langen Qualen erlöste. Jahre schon litt Petrus Claver an Parkinson und lebte in der kolumbianischen Karibik- stadt Cartagena de Indias im Krankenrevier seines Jesuitenkomplexes, doch stellte er – so gut es ging – die eigenen Befindlichkeiten hintenan. Freitags nachts, so lese ich unter massigen Holzbalken auf einer Tafel im Sterberaum, nahm Petrus, unbemerkt von allen anderen, ein Kreuz und eine Dornenkrone und ging damit umher, um die Pein Christi zu teilen. Erdverbunden galt seine ganze Liebe und Kraft bis zuletzt den Unterdrückten, den Entrechteten, den Ärmsten der Armen in Spaniens Kolonialreich in Südamerika. Ihre Qualen zu lindern, ihr „Sklave der Sklaven“ zu sein, das war seine Bestimmung, sein Schicksal – und das knapp vier Jahrzehnte lang. Blicken wir auf Leben und Wirken des Patrons der Menschenrechte zurück, der 1888 heiliggesprochen wurde.

1580 in Verdú in Spaniens Region Katalonien geboren, entstammte Petrus, spanisch: Pedro, einer Adelsfamilie. Als junger Mann entschloss er sich zum Eintritt in die „Gesellschaft Jesu“ in Tarragona und nahm später ein Studium auf der Baleareninsel Mallorca auf, wo es zu einer innigen Beziehung zum Pförtner des Collegiums, Alonso, kam. Dieser sagte Petrus auf Eingebung Gottes, wie es heißt, das Wirken im Dienste der Mission voraus und spornte ihn an, bei der Evangelisierung der spanischen Territorien in der sogenannten „Neuen Welt“ zu helfen. Petrus nahm die Herausforderung an, schiffte sich ein und gelangte als Dreißigjähriger ins heutige Kolumbien. Nach Studienjahren im Hochland in Bogotá und Tunja wurde er an die Karibikküste nach Cartagena de Indias entsandt, wo er im März 1616 die Priesterweihe empfing und bis zum Ende seines irdischen Daseins bleiben sollte. Cartagena de Indias – in ihrem Kern eine der schönsten Kolonialstädte des Kontinents, ein wahres Gedicht aus Stein und Holz – profitierte bereits von der strategischen Lage des Hafens. Hier segelten die mit Edelmetallen beladenen Flotten Richtung Spanien los, hier wurden Pracht und Wohlstand aus Furcht vor Feinden in einen kilometerlangen Mauergürtel gesteckt, hier entwickelte sich der größte Umschlagplatz schwarzer Sklaven – und genau derer nahm sich Petrus Claver an. Ihnen wollte er Bruder und Freund sein, beflügelt vom Eifer, sie im größtmöglichen Rahmen seiner Möglichkeiten vor Schindungen zu bewahren, mit Essen und Krankendienst zu versorgen, ihnen Trost zu spenden, sie zu taufen und im Christenglauben zu unterrichten.

In manchen Monaten kam es vor, dass eine Tausendschaft menschlichen Nachschubs auf den drangvollen Schiffen eintraf, schlimmer behandelt als Vieh, bestimmt für die Zwangsarbeit in den Minen und auf den Feldern, beim Schleppen von Lasten. Ein ums andere Mal machte sich der Heilige an den Hafen auf, „seine Gegenwart konnte wenigstens die rohesten Ausbrüche der Grausamkeit seitens der Händler abhalten und die unglücklichen Ankömmlinge in den ersten, härtesten Stunden mit Mut und Zuversicht erfüllen“, liest man in einer Biografie von Franz Joseph Holzwarth.

Hunderttausende in Kolumbien getauft

Als Dreh- und Angelpunkt diente Petrus Claver das nunmehr nach ihm benannte Sanktuarium, wo sich, gleich neben den Stadtmauern, die Schule der Jesuiten befand, wo die Kranken versorgt wurden, wo er in aller Bescheidenheit lebte und in der Kirche seine letzte Ruhestätte fand. Zeit für eine Spurensuche.

Durch winzige Fenster fällt spärliches Licht in den mit Terrakotta ausgelegten Raum. Ein Teil der rotbraunen Bodenplatten ist rissig, am Ende steht ein kärgliches Bett, darüber erhebt sich ein schlichtes Holzkreuz. Das restliche Interieur beschränkt sich auf ein paar Truhen, zwei Tischchen, einen Stuhl. Der Besucher steht im Zimmer des Petrus Claver, gelegen im Oberbereich des Komplexes und durch drei Stufen getrennt vom einstigen Sklavenschlafsaal, ein Stück weiter liegt sein Sterbezimmer. Zur Innenseite des Gebäudes hin schließt sich der langgezogene Kreuzgang mit Palmgewächsen und anderen Pflanzen an, durch die das Sonnenlicht Schattenmuster auf den Boden zaubert und wo der Heilige am Brunnen die Taufen der Sklaven vornahm.

Eine lebendige Jesuitenkommunität

Über 300 000 Farbige soll Petrus Claver in Kolumbien insgesamt getauft haben. Ein wenig geschützt und rückversetzt, halten Gemälde in einer höheren Ebene des Kreuzgangs plastische Beispiele seines Wirkens vor Augen: Da hält er den knochigen Körper eines Kranken in Armen, da steht er einem gänzlich erschöpften Schiffsankömmling bei, da bewahrt er einen angstvoll und verstört auf dem Boden kauernden Schwarzen vor Peitschenhieben und einem bissigen Hund.

Begraben liegt Petrus Claver in der Kirche, die eine gewaltige Kuppel trägt und sich mit ihrer erhabenen Doppelturmfront zum Vorplatz hin wendet. Statt eines verschlossenen Reliquienschreins finden Gläubige im Hochaltar einen offenen, golden glänzenden Sarg vor, an dem schon Johannes Paul II. betete. Durch eine Glasscheibe schaut man unversehens auf die Gebeine des Heiligen, ein befremdlicher Anblick, an den Padre Joaquín längst gewohnt ist.

In der lebendigen, kleinen Jesuitengemeinschaft von Cartagena de Indias gehört er zu jenen, die in der Nachfolge des Heiligen stehen. Am Abend zelebriert Joaquín mit flammendem Enthusiasmus die Messe, bei der Chorgesänge, Gitarren und Rasseln die lebendige Freude des Glaubens musikalisch umrahmen und en passant die Nebengeräusche überdecken: das Schnarren der Ventilatoren neben den Holzbänken und das Glöckchengebimmel der Eisverkäufer, das vom Vorplatz zusammen mit den Essensdüften der Garküchen durch das geöffnete Hauptportal weht. Irgendwann kommt Padre Joaquín die Stufen vom Altarraum hinab und stellt sich mit seinem Mikrofon direkt vor die gut gefüllten Reihen. Man möge „mildtätig zu den Armen“ sein und „die Rechte der Ausgegrenzten“ verteidigen, unterstreicht er und hält mit Nachdruck vor Augen, wie chronisch aktuell Vorbild und Vermächtnis des heiligen Petrus Claver fortleben.