Würzburg

Als Mann und Frau

Hat die Polarität der Geschlechter im Zeitalter der Vielfalt ausgedient? Oder berauben wir uns unseres eigenen Glücks, wenn wir die Verschiedenheit von Mann und Frau leugnen? Ein Appell gegen die Vernebelung unserer Identität.

Vernebelt
Geheimnisvolle und doch lockende Andersheit: Die Frau als Rätsel des Mannes, der Mann als Löser der Frau.dpa Foto: Foto:

Hat die Polarität der Geschlechter im Zeitalter der Vielfalt ausgedient? Oder berauben wir uns unseres eigenen Glücks, wenn wir die Verschiedenheit von Mann und Frau leugnen? Ein Appell gegen die Vernebelung unserer Identität Von Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz

Ist es sinnvoll, zwischen Mann und Frau zu unterscheiden? Oder soll besser das gemeinsam Menschliche betont werden? Soll es nur noch neutrale Personen geben? Sind auch bisher randständige Formen geschlechtlicher Praxis zugunsten sexueller Vielfalt zuzulassen? Kann man sich durch „fließende Identität“ nach eigener Wahl in „Freiheit“ setzen? Das sind Fragen, die heute allgegenwärtig durch „Gender“ anbranden.

In der Berliner Rede 2011 formulierte Papst Benedikt: „Es gibt auch eine Ökologie des Menschen. Auch der Mensch hat eine Natur, die er achten muß und die er nicht beliebig manipulieren kann. (…) Er ist Geist und Wille, aber er ist auch Natur, und sein Wille ist dann recht, wenn er auf die Natur hört, sie achtet und sich annimmt als der, der er ist und der sich nicht selbst gemacht hat. Gerade so und nur so vollzieht sich wahre menschliche Freiheit.“

Stattdessen setzen sich Utopien der fließenden Identität im Sinne des totalen Selbstentwurfes zunehmend durch. Schon der Popstar Michael Jackson ließ sich mit Hilfe mehrerer Operationen ein transsexuell-synthetisches Gesicht schneidern. Das irritierende Spiel mit dem eigenen Fleisch verwischt Grenzen – gender nauting ist angesagt: das Navigieren zwischen den Geschlechtern. Scheinbar widerstandslos bietet sich der Leib nur als „vorgeschlechtlicher Körper“ an.

Aber im Deutschen sind Leib, Leben, Liebe in der Wortwurzel lb- untrennbar miteinander verbunden. Im anderen Geschlecht begegnet man dem eigenen Leben: „Am Du gewinnt sich das Ich“ (Martin Buber). Ja, man begegnet dem zukünftigen Leben, denn nur aus Mann und Frau entsteht ein Kind. Wer den Leib zu einer „Zuschreibung“, zum konstruierten Geschlecht macht, unterbestimmt das Leben. Der gegenpolige Leib ist unergründlich entzogen, bis ins Leibliche, Seelische, Geistige hinein. Sich in dieses Andere hineinzubegeben und hineinzuverlieren, erfordert mehr Mut, als sich selbst zu begegnen.

Nur die Liebe im Sinn von Tollkühnheit ist fähig, sich einzulassen auf den Anderen und nicht nur narzisstisch zurückzuspiegeln: Frau ist bleibendes Geheimnis für den Mann und umgekehrt. In gleichgeschlechtlichen Vollzügen wird diese Gegenspannung ja behelfsweise nachgebaut: Ein Partner muss das andere Geschlecht „kopieren“, wenn es überhaupt zu einer „Vereinigung“ kommen soll (so beobachtet schon Judith Butler zu ihrem eigenen Leidwesen).

"Wer den Leib zu einer ,Zuschreibung‘,
zum konstruierten Geschlecht macht,
unterbestimmt das Leben"

In den alten Geschlechtermythen gilt ein polares Gegenüber: Nausikaa, Penelope, Brunhilde, Ariadne, Isolde stellen unterschiedlichste Gestalten vor, die den Helden gleichwertig gegenübertreten. Oft kommt es zu einem Wettkampf von merkwürdiger Verflechtung: Brunhilde, stärker als Siegfried, fordert ihn zum Dreikampf heraus, den er nur durch List gewinnt – andererseits wird sie von ihm zuvor aus der Brünne herausgeschnitten, er wird ihr Erlöser. Noch in den späten Aventuren der Artusrunde herrscht diese eigenartige Polarität: aufeinander angewiesen, kämpfen Mann und Frau umeinander. Sir Gawan hat das bedrohliche Rätsel zu lösen, was den Frauen das Allerliebste auf der Welt sei. Auf Tod und Leben fragt die Sphinx Ödipus, fragt Turandot die Freier nach ihrem Namen. Wer die Antwort nicht findet, hat verloren: das Leben und die Frau, beides ist ihm bestimmt. Wird es nicht gelöst, ist das eigene Dasein verscherzt. Die Frau als Rätsel und Verheißung des Mannes, der Mann als Löser der Frau – eine unentwirrbare, ebenso bedrohliche wie beseligende Erfahrung, die erst in den späten Märchen gut ausgeht. Kampf und Erlösung, beides gegenseitig, bleiben offen für Sieg oder Niederlage: Die Geschlechterbeziehung kennt Beispiele für beides. Heinrich Zimmer, der begnadete Interpret von Mythologie, deutet die Rätselaufgabe des Geschlechtes so: „Sie werden einander immer erkannt und rätselvoll bleiben, einander wahlverwandt und ebenbürtig in der Unergründlichkeit ihrer Naturen, in der Unbedingtheit zu sich selbst und ihrem Wesen. Darum ist ein Bund zwischen ihnen möglich, hinter jedem Begreifen des Anderen leuchtet seine Tiefe als ein Wunderbares, Unergründliches auf.“

Und was ist das Rätsel der Frau? Adam nennt es und löst es damit: Sie ist das Leben, Chawwa oder Eva: das Fruchtende, die Frau, die Leben gibt – wozu sie der Mann „freien“ muss. „Dornröschen schläft den langen Schlaf, Schneewittchen schläft, ihre mythische Schwester Brünhild schlummert flammenumhegt; geschlossenen Auges atmen sie ihrer Bestimmung entgegen, der Wirklichkeit, die sie aus dem Schein des Todes in das wahre Leben ruft.“ (Zimmer) So gibt der Mann der Frau das Leben aus dem „Bann verwunschenen Schattendaseins“, aber die Frau gibt es ihm lebendig aufblühend zurück und vollendet es in der Geburt.

Wie spielt das Göttliche hinein in die gemeinsame „Fleischwerdung“? Nie wird nur primitive Natur durch das Christentum verherrlicht: Sie ist vielmehr in den Raum des Göttlichen zu heben. Als ursprünglich paradiesische Gaben bedürfen Eros und Fruchtbarkeit „nach dem Fall“ ausdrücklich des Sakraments: Wegen ihrer Gefährdung werden sie in den Bereich des Heiligen gestellt. In seinem Schutz stehen die Elemente, unter denen die schwierige Balance gelingen kann: zum ersten in der Einzahl zu lieben: „nur Dich“, zum zweiten unauflöslich, „ewig“ (= ehelich) „ein Fleisch“ sein zu wollen, zum dritten sich das Kind durch den anderen geben zu lassen. Der tiefste Gedanke des Schöpfungsberichts ist wohl jener, dass die Liebesgemeinschaft von Mann und Frau eine Ahnung von der Liebesgemeinschaft in Gott selbst verleiht – ja, dass sich gerade an der Geschlechtlichkeit des Menschen das eigentliche Geheimnis, das unerhörte, unvorstellbar schöpferische Füreinander des göttlichen Lebens ausdrückt. Anders: Die Geschlechtlichkeit von Mann und Frau lässt bereits die Wahrheit anschaulich werden, dass Gott in sich selbst Liebe ist (1 Joh 4, 16). Schon von der zweifachen Gestalt des Menschen her wäre klar, dass Gott nicht selbstgenügsam, schweigsam, verschlossen ist, vielmehr Hingabe, Gespräch, Beziehung – eben Liebe. Geschlechtliche Gemeinschaft als Abglanz der göttlichen Gemeinschaft – damit ist der griechischen Trauer über die Zweiheit des Menschen eine unglaubliche Antwort gegeben: statt Trauer die Seligkeit, ihn in der Liebe „abzubilden“.

„Die Geschlechter sind einander
asymmetrisch zugeordnet – das macht
den Reiz der Beziehung aus“

Diese Wahrheit ist lebensbestimmend: Wie tief in Ihm der Ursprung alles Lebendigen, alles Menschlichen, des unbeschreiblichen Eros zwischen den Geschlechtern, ja der wunderbaren Freude der Mutterschaft und Vaterschaft zu verehren ist. Deswegen ja auch die Fassung der Ehe als Sakrament: Gott als Weg von mir zu dir. Geschlechtlichkeit als Fenster und Durchsicht auf seine Gegenwart.

Die gleiche Würde des Geschaffenseins nimmt dem (bleibenden) Unterschied seine Schärfe, seine Macht der Zerstörung des anderen. Der Unterschied zwischen Frau und Mann ist dann nicht mehr einengend, zum ständigen Überholen und Niederwerfen des anderen zwingend. Im Gegenteil: Er bleibt gerade seiner fruchtbaren Asymmetrie wegen wichtig. Asymmetrie ist ein Gesetz des Lebendigen, und übrigens auch des Schönen. Allerdings sind die Kräfte auf ein einheitliches Ziel hin zu versammeln, sonst brechen die Strebungen aus dem Lebendig-Ganzen aus. So sind die Geschlechter einander asymmetrisch zugeordnet – und das macht den Reiz der Beziehung aus. Zum Glück verschieden.

Lässt sich die alte Genesis-Vision erneuern, dass sich in dem Einlassen auf das fremde Geschlecht eine göttliche Spannung, die Lebendigkeit des Andersseins und die Schönheit asymmetrischer Gemeinschaft ausdrückt? Schöpferisches, erlaubtes Anderssein auf dem Boden gemeinsamer göttlicher Grundausstattung – das ist der Vorschlag an alle Einebnungen, Dekonstruktionen, Neutralisierungen.

Um es mit Chesterton zu sagen: „Laß nicht im grauen Schleim des Grenzenlosen/ versumpfen diese Blumen, die Du einzeln schufst;/ laß nicht die Nacht, die Deine Feindin war,/ zum trüben Zwielicht mischen Mond und Sonne.“