„Alles ist in Bewegung, niemand lärmt“

Ein Gespräch mit dem Philosophen Christoph Böhr über das Meeting in Rimini Von Regina Einig

Herr Böhr, wie deuten Sie das Leitmotiv des diesjährigen Treffens?

Das diesjährige Motto lautet: In unserem Herzen wohnt eine Sehnsucht nach großen Dingen. Und damit wird eben das treffend zum Ausdruck gebracht, was Don Luigi in den Mittelpunkt seiner Arbeit rückte: die Sehnsucht aufzunehmen, die jeder Menschen in seinem Herzen trägt: die Sehnsucht nach dem Großen, das die Enge der Endlichkeit übersteigt – und gemeinsam mit Anderen nach einem Weg zur Erfüllung dieser Sehnsucht zu suchen.

Welche Bilder prägen sich ein?

Dem Charisma Giussanis ist es zu verdanken, dass die Veranstaltung inzwischen ein Millionenpublikum erreicht. Sie wächst von Jahr zu Jahr – und zum Treffen in Rimini kommen inzwischen Menschen aus aller Welt. Allein diese Tatsache ist dazu angetan, dem deutschen Besucher die Sprache zu verschlagen. Aber das ist noch nicht alles. 70 Prozent der Teilnehmer sind unter 40, rund 25 Prozent unter 25 Jahren alt. Sie feiern ein fröhliches Fest des Glaubens – mitten im Alltag ihres Lebens. Sie sprechen miteinander, hören Vorträge, strömen zu Buchvorstellungen, besuchen Ausstellungen über die Finanzkrise, die polnische Soldarnosc, Dantes Ulysses oder über den Umgang der Mathematik mit der Frage der Unendlichkeit.

Und wie erleben Sie die Atmosphäre?

Im Gedränge und Geschiebe spürt man nicht den Hauch von Unruhe. Die Messehallen sind erfüllt von einer entspannten Aufmerksamkeit. Alles ist in Bewegung, aber niemand lärmt. Man hat Scheu, von einem Massentreffen zu sprechen. Zu persönlich ist die Atmosphäre, zu familiär die Begegnung zwischen Menschen, die sich im Leben zuvor noch nie gesehen haben.

Worin liegt das Erfolgsrezept der Veranstaltung?

Keine Stars aus der Welt der Unterhaltung werden aufgeboten, um eine Million nach Rimini zu locken. Die Moderatoren der Gesprächsrunden sind die beliebtesten Nachrichtensprecher, die Podien werden nicht von einem bekannten Talkmaster geleitet und die Referenten sind meistenteils keine berühmten Fernsehgesichter. Rimini lebt nicht von der glitzernden Welt der Stars, verzichtet ganz auf Infotainment und prunkt nicht mit Prominenz. Sicher, Johannes Paul II. und Benedikt XVI. waren schon hier, natürlich irgendwann einmal auch der Dalai Lama, ganz am Anfang auch einmal Mutter Teresa. Aber von Zugpferden lebt das Treffen nicht. Rimini lebt aus und in einem anderen Geist: dem Geist der Begegnung und des Gesprächs. Es geht um ein Fest der Begegnung: der Begegnung vor allem mit dem Denken Don Giussanis.

Was macht dieses Denken so anziehend?

Giussanis Denken lässt sich in wenigen Sätzen zusammenfassen: Es geht darum, die im Herzen eines jeden Menschen wohnende Sehnsucht nach dem die eigenen engen Grenzen übersteigenden Großen aufzunehmen und für eine Begegnung mit Christus zu gewinnen. Und diese Begegnung vollzieht sich nicht in der Erinnerung, sondern in der Gegenwart. Jesu Wort ,Ich bin bei euch alle Tage‘ bedeutet nicht, dass wir zurückblicken müssen, um diese Gegenwart zu erfahren. Vielmehr vollzieht sie sich im Hier und Jetzt. In der von Guissani gegründeten Bewegung lebt der Glaube als Alltagserfahrung – jenseits von Satzungen, Mitgliedspflichten und Amtswürden – als beglückende, befreiende und erfüllende Erfahrung.