Allein auf der Flucht in ein besseres Leben

Vor einem Jahr floh Juan José wie viele Kinder aus Honduras – Nun trifft er den Papst. Von Thomas Spang

Washington (DT/KNA) Sie kamen im vergangenen Sommer zu Tausenden. Als blinde Passagiere auf den „La Bestia“ genannten Güterzügen, die aus Mittelamerika Richtung US-Grenze rattern. Unterwegs mit Schleppern durch die sengende Hitze der Prärie und auf schwimmenden Autoreifen über den Rio Grande. Kinder und Jugendliche, die auf eigene Faust vor der eskalierenden Gewalt in Honduras, Guatemala oder El Salvador fliehen. Juan José war einer jener jungen Flüchtlinge, die es mittellos und ohne ihre Eltern auf die andere Seite der Grenze nach Texas schafften. Überrascht von dem Strom an Kinderflüchtlingen versuchten die USA, die Lage mit einem massiven Aufgebot an Grenzschützern und der Einrichtung von Lagern in den Griff zu bekommen. Als Forderungen nach der Schließung der Grenzen laut wurden, setzte sich Papst Franziskus für die Flüchtlinge ein. Er sprach von einem „humanitären Notfall“ und mahnte die reichen Nachbarn im Norden Amerikas, „die Kinder willkommen zu heißen und zu beschützen“.

Wenn er die Chance dazu bekommt, will Juan José dem Papst nun persönlich für seinen Einsatz danken. Der drahtige Junge, der jetzt bei Verwandten in Maryland Unterschlupf gefunden hat und auf eine Highschool in Beltsville geht, gehört zu den Einwanderern, die Franziskus während seines Besuchs in Washington treffen wird.

Eigentlich hatte der Papst vorgehabt, als Zeichen der Solidarität mit den Einwanderern aus dem Süden, von Mexiko aus Richtung Norden die Grenze zu überschreiten. Der Plan ließ sich nicht realisieren. Umso mehr bemüht sich das katholische Kirchenoberhaupt darum, auf all seinen Stationen seine Sorge um Flüchtlinge und Migranten zum Ausdruck zu bringen. Das Erzbistum Washington lud Juan José zu der Begegnung mit dem Papst in die St.-Patricks-Kathedrale ein. „Es tut weh, sich klarzumachen, wie wenig einzigartig die schrecklichen Lebenserfahrungen dieses Jungen sind“, sagte Bistumssprecher Erik Salmi der „Washington Post“. Wer den dürren Teenager mit den hochstehenden Haaren sieht, kann sich nur schwer vorstellen, welche Dramen Juan José durchlebte. Seine Reise begann mit einem einzigen Wort auf seinem Mobiltelefon: „Sohn“ hatte seine Mutter Rosa ihm geschrieben. Es war die letzte Botschaft, die sie absetzen konnte, bevor eine Drogenbande sie und ihren Mann Edgar tötete. Die Polizei fand die Leichen der entführten Eltern 2012 in einem Straßengraben in Zentral-Honduras. Warum sie sterben mussten, weiß Juan José bis heute nicht. Vieles spricht dafür, dass die Geschäftsleute, die ein kleines Bauunternehmen an der Grenze von Honduras zu Guatemala betrieben, gegen ihren Willen in den Drogenhandel verwickelt wurden. Juan José stand über Nacht allein mit seinen drei jüngeren Geschwistern da. Zunächst versuchte er, die Firma der Eltern weiterzuführen.

Als er dann selbst Drohbotschaften erhielt, drängten ihn Familienmitglieder, zu Verwandten nach Maryland zu fliehen. Sein Großvater gab ihm Geld, mit dem er einen Schmuggler aus Guatemala bezahlen konnte. Der Teenager kannte die Horrorgeschichten, die andere von dem gefährlichen Treck gen Norden erzählten. Eine Reise, die manche der Kinder und Jugendlichen nicht überlebten. Andere strandeten auf halber Strecke, ausgeraubt oder im Stich gelassen von den „Coyotes“ genannten Schmugglern. Juan José hatte Glück. Er schlug sich heil über die Grenze nach Texas durch. Dass er es weiter nach Beltville schaffte und nun auch noch den Papst treffen wird, grenzt für ihn an ein Wunder. Er sei so nervös, dass er nicht wisse, ob er überhaupt ein Wort über die Lippen bringen werde, sagte er der „Washington Post“. Aber wenn er den Mut finde, dann wolle er dem Papst sagen, wie sehr ihm sein Glauben auf der gefährlichen Reise geholfen habe.