Abenteurer der Tradition

Liturgie, Mahl, Landschaft: Die altrituelle Benediktinerabtei Le Barroux im tiefen Süden Frankreichs betört alle Sinne. Von Oliver Maksan

Beim zeremoniösen Pontifikalamt des Abtes in der Klosterkirche. Foto: Le Barroux
Beim zeremoniösen Pontifikalamt des Abtes in der Klosterkirche. Foto: Le Barroux

Licht und Stille, Duft und Weite: Das ist Le Barroux. Wenige Orte nur wie dieser. Benediktiner haben hier, im tiefen Süden Frankreichs, eine Abtei errichtet. „Pax in lumine, Frieden im Lichte“ steht in den Grundstein geschlagen. Und tatsächlich: Die Sonne der Provence verschwendet ihre Fülle an das heitere Tal, auf dessen Anhöhe sich – massiver, behauener Stein – Kirche und Kloster erheben. Weinberge, Wälder und Olivenhaine umgeben die Abtei, über die die heilige Magdalene als Patronin wacht. Pinien und Obstgärten betören die schnell trunkenen Sinne. Der Lavendel ist in diesem Frühjahr noch nicht so weit. In wenigen Wochen aber schon wird er sich violett verströmen. Bienen surren indes schon schwer von Blütenstaub durch die milde Luft. Ansonsten vor allem eines: Stille. Die 2 000 Meter des Mont Ventoux, dieses Fujiama der Provence, sind nicht weit. Majestätisch erhebt sich ihre Symmetrie über die Umgebung und spendet jenen Frieden, den nur eine vollkommene Ordnung stiften kann. Zweifellos: In Le Barroux hat Gott ein großes Werk getan.

Dabei ist schon die Anreise ein Spektakel. Wer die Autobahn aus dem Norden von Lyon kommend bei Montélimar verlässt, fährt inmitten der alten Grafschaft Venaissin – bis zur Revolution päpstliche Enklave – durch bezaubernde Städtchen voll französischen Lebens: Grignan, Vaison-la-Romaine, Malaucene, die sich zu Füßen schroffer Felsen kauern. Ihre gotische Pracht lässt einen nicht mehr los. Ohne Eile schlängelt sich die Landstraße zwischen träge in der Sonne liegenden Weinbergen schließlich bis nach Le Barroux.

Warum, fragt man sich, steht hier nicht schon seit Jahrhunderten ein Kloster? Das weite Tal scheint erst durch die Bekrönung mit der Abtei vollständig geworden zu sein. Tatsächlich begründete Dom Gerard Calvet das Kloster an dieser Stelle erst 1981. Die Jahre zuvor hatte der Gründerabt in einer Klause verbracht. Die Wirren der Nachkonzilszeit, Reform und Experiment machten ihm aus seiner Sicht den Verbleib im angestammten Kloster unmöglich, wollte er seiner monastischen Berufung nicht untreu werden. Mit Erlaubnis seines Abtes wurde er Eremit. Seiner Einsamkeit schlossen sich aber bald Postulanten an, so viele, dass eine Neugründung not tat. Le Barroux wurde schließlich mit Spenden aus ganz Frankreich und der Welt im romanischen Stil errichtet. Das Abenteuer der Tradition begann.

1989 dann erteilte Rom seinen Segen, das Kloster wurde zur Abtei erhoben. Im Jahr zuvor war es bekanntlich zum Bruch Erzbischof Lefebvres mit dem Vatikan gekommen. Dom Gerard und seine Brüder blieben dem Heiligen Stuhl indes treu, ohne die benediktinische Überlieferung und die Liturgie der Jahrhunderte aufzugeben. Der selige Papst Johannes Paul II. empfing die Mönche 1990. „Ich vertraue eurem Gebet das große Anliegen einer Versöhnung aller Söhne der Kirche in derselben Gemeinschaft an“, trug er ihnen auf.

Seither leben, beten und arbeiten hier Mönche, junge und dem Alter nahe, geläuterte, vom Leben mit Gott und dem Ringen mit sich gezeichnete und noch ganz unversehrte, die noch einiges vor sich haben – etwa sechzig sind es derzeit. Schwarze Habite umhüllen ihre meist asketischen, von der schweren Arbeit drahtig gewordenen Leiber. Die Priester tragen die Tonsur, den Haarkranz, um das geschorene Haupt. Siebenmal täglich singen sie Gottes Lob im unverkürzten Stundengebet ihres Ordens. Um halb Vier morgens beginnt ihr „Tag“ mit der Matutin. Die lateinische Psalmodie schwebt dann zart durch den kargen Kirchenraum, der noch im Dunkel liegt. Zu den Laudes aber strahlt die Sonne schon durch die Apsisfenster und färbt das Schiff leuchtend blau. Die Seile zu den Glocken im Turm sehen im Gegenlicht aus wie schmale Spinnfäden. Immer schärfer hebt sich das große romanische Triumphkreuz im Apsisbogen gegen den Tag ab. Der Marmor des Altares darunter schimmert matt, einfacher ornamentaler Schmuck von Rauten und Blüten ziert den schweren Stein. Den größeren Teil des Raumes nimmt das Chorgestühl der Mönche ein, das durch ein niedriges Gitter, die Kommunionbank, von den Gläubigen getrennt wird.

Nach den Laudes dann die Simultanmessen. Die Priester verlassen die Sakristei mit Messkelch und hochgezogener Kapuze, gehen zu den Seitenaltären – schlichter Stein, eisernes Kreuz, gestärktes Tuch – und beginnen gleichzeitig ihre Einzelzelebrationen. Ein Bruder dient ihnen. Hie und da folgen ein paar Gläubige im Halbdunkel. Ein Dutzend Priester bringt jetzt das Messopfer dar – in völliger Stille. Der ganze Raum ist erfüllt vom rituellen Treiben, dem lateinischen Wispern des Stufengebets, den Kniebeugen und Kreuzzeichen, und wirkt doch wie ein einziges kultisches Golgota. Der Eindruck ist gewaltig.

Die überlieferte römische Liturgie samt dem sie tragenden Choral kennt hier keinen Überschwang, nur Gleichmaß, das gerade so innig ist, wie es überpersönlich ist. Selbst das erhabene, gezirkelt zeremoniöse Hochamt des Abtes mit Pontifikalhandschuhen und Ringküssen inmitten dampfender Weihrauchschwaden wahrt die Sammlung des Geistes und der Gefühle. Kardinal Ratzinger hat es bei seinem Besuch 1995 auf den Punkt gebracht: „Im Opus Dei“, im Gottesdienst, so der damalige Präfekt der Glaubenskongregation, „tritt der ewige Sabbat, die Freiheit der Kinder Gottes in unsere Welt hinein.“ Es ist deshalb keine pädagogische Existenz, die die Mönche in ihrer Zeitenthobenheit des ewigen Sabbats führen. Sie blicken sich bei der Kniebeuge nicht selbst über die Schulter, zu sehen, wie es wirke. Sie suchen Gott – und nicht das restaurative Zeugnis. Ihr Leben ist geborgen in der alten Liturgie, nichts Angelerntes daran. Authentisch, würde der Zeitgenosse sagen. Und wie anders: Für einen altrituellen Schaulauf ist die Existenz der Brüder einfach zu hart. Jahre der Formung, Schweigen, körperliche Arbeit, die Abgeschiedenheit schrecken jeden ab, der auf der Flucht vor sich selbst eine heile Welt finden will.

Die Anforderungen an das geistliche Leben kann man nicht nur beim Gebet sehen. Gerade während der im Schweigen eingenommenen Mahlzeiten fallen der Grad der Sammlung, die Kontrolle des Blicks und des Hungers auf. Selten trifft sich der Blick eines Mönchs mit dem der Gäste, die in der Mitte des Refektoriums sitzen, umgeben von der Kommunität an langen Tafeln längs des Saales. Auch Mahl ist Andacht. Der Gottesdienst soll nicht unterbrochen werden. Weil der Mönch sich seiner ganzen Existenz nach Gott geweiht hat, ist alles, was er tut, Gottesdienst, Anbetung des Höchsten, wie der heilige Thomas lehrt. Faszinierend, wie man einen Apfel essen, dem Strahl des Wassers aus dem Krug folgen kann. Dabei ist indes nichts Erwecktes, Exaltiertes. Vielmehr Erfüllung durch Zucht. Schale und Besteck der Mönche werden nicht gewechselt. Sie reinigen es mit Wasser und Tüchern nach Tisch. Meditation auch dies. Die Mönche üben gemäß der Regel immerwährende Fleischabstinenz, essen selbstgezogenes Gemüse und gelegentlich Fisch. Die Speisen sind indes vorzüglich, französisch nach Folge und Art. Das selbstgemachte Olivenöl: ein Gedicht. Das Brot und Gebäck aus der eigenen Boulangerie: macht süchtig. Der Rotwein: dunkles Funkeln im Glas.

Derweil trägt der Lektor im tonus rectus leiernd Texte aus Schrift und Regel vor. Liest aus dem Martyrologium, berichtet von irgendwelchen Bischofsweihen aus dem 4. Jahrhundert, da sich dieser Bischof brüderlich zur Weihe jenes anderen begeben habe. Viel Volks sei da fromm zusammengekommen, Gott lobend und preisend. Liest es, als sei's gestern gewesen. Die Jahrhunderte fließen ineinander.

„Lifechanging“, lebensverändernd, sei der Aufenthalt in diesem Kloster, meint denn auch jener britische Gentleman, ein vermögender Wirtschaftsanwalt, der hier seit Jahren die Ostertage verbringt. Die Gastfreundschaft gehört zum Dienst der Mönche. Gerade zu den hohen Feiertagen beziehen Dutzende Herren die kargen Zellen der Hotellerie, des Gästehauses. Eine bunte Gesellschaft ist es in diesen Tagen: Gesetzte Franzosen in Anzügen, jüngere Männer in Jeans, Italiener, Deutsche, ein Afrikaner. Doch es kommen nicht nur Gäste auf Zeit. Viele junge Familien, gehobenes Bürgertum meist, das sich in den letzten Jahren um Le Barroux angesiedelt hat, füllt sonn- und feiertags die Kirche. Die Grundstückspreise in der Umgebung sollen deswegen stark gestiegen sein. Sicher, da ist die Schönheit der Umgebung. Vor allem aber wollen sie ihren – zahlreichen – Kindern die natürliche Vertrautheit mit der alten Liturgie und die Seelsorge der Mönche ermöglichen. Der TGV-Bahnhof im nahen Avignon ermöglicht den Familienvätern, in kaum drei Stunden ins 700 Kilometer entfernte Paris zu fahren.

An den Feiertagen dann kommen auch Tagesbesucher, manchmal busseweis. Die Buchhandlung ist exzellent sortiert mit spiritueller, historischer und politisch-philosophischer Literatur, katholische Reaktionäre darunter wie De Maistre und Bonald. Der französische Katholizismus durfte seit der Revolution schließlich nicht so staatstragend brav sein wie der deutsche. Wein, Öl, Gebäck, die sagenhaften Konfitüren der Benediktinerinnen, die sich auf der anderen Seite des Tals angesiedelt haben, finden reißenden Absatz. Doch die Mönche, die an der Kasse Kreditkarten durch das piepsende Lesegerät ziehen, scheinen ihre Sammlung nicht zu verlieren. Ein schmaler Bruder, nicht mehr jung, doch mit alterslosen Zügen, fegt die langen Gänge. Man dankt ihm für Gastfreundschaft und Zeugnis. „Mais c' est notre vie“, aber das ist doch unser Leben, sagt er freundlich.

Bald ist der kurze Trubel vorüber. Der Tag endet mit der Komplet. Das Gotteshaus liegt in der Dämmerung der heraufziehenden Nacht und ihrer geistlichen Schrecken. Im Tonus rectus wird das Nachtgebet der Kirche gesungen. Die Lesung warnt vor dem Teufel, der umhergeht wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge. Bis zu den Laudes des nächsten Tages herrscht jetzt das Silentium religiosum, das große Schweigen. Auch die Natur scheint gehorchen zu wollen: Mit der großartig verdämmernden Sonne hinter dem Horizont der nahen Berge im Westen verschwindet auch jedes Geräusch des Tages. Zurück in der Zelle geben die Fenster den Blick auf die Weite frei. Langsam beginnen die kleinen Lichter der Orte in der Ferne zu glitzern – weit genug, dass sie den sternenklaren Himmel nicht stören. Ehe sie anderntags wieder auftauchen, sind die Mönche schon versammelt, das Morgenrot zu wecken: Wächter in der Nacht, die in keiner anderen Erwartung mehr leben als der ihres Herrn.