Abbé Franz Stock und die französisch-deutsche Versöhnung

Ein Beitrag zum 70. Todestag von Abbé Franz Stock. Von Professor Harm Klueting

Franz Stock
Franz Stock. Foto: Franz-Stock-Komitee für Deutschland e.V., D-59755 Arnsberg, www.franz-stock-komitee.de. Quelle: Wikimedia, gemeinfrei.

 Im Westen von Paris, an der Stadtgrenze zur Gemeinde Boulogne-Billancourt, im 16. Arrondissement nahe der Place de la Porte de Saint-Cloud, liegt die Place Abbé Franz Stock. Einige Kilometer weiter nördlich, auf dem Gebiet der Gemeinden Saint-Cloud, Suresnes, Nanterre und Rueil-Malmaison, erstreckt sich der 162 Meter hohe Mont-Valérien. Dort entstand 1841 eine Festungsanlage, die bei der Belagerung von Paris durch die deutschen Truppen 1870 eine Rolle spielte. Seit 1960 befindet sich dort mit dem Mémorial National de Résistance die Gedenkstätte für Opfer des französischen Widerstands gegen die deutsche Besatzung im Zweiten Weltkrieg. Auch hier gibt es eine Place Abbé Franz Stock. Zwischen 1941 und 1944 fanden  hier Erschießungen statt. Dokumentiert sind bisher 1.014 Namen. Seit dem 29. August 1941 begleitete Franz Stock die Opfer als Seelsorger auf ihrem Weg zum Mont-Valérien. Sein Tagebuch hält Tag für Tag die Hinrichtungen fest, deren Zeuge er war. Genannt werden 863 Namen. Aber nicht nur der Mont-Valérien erinnert in Paris an ihn. Wer – wie der Verfasser – das Glück hat, auf den Hörsaalbänken des Institut Catholique gesessen und im Séminaire des Carmes gelebt zu haben, der denkt mit Ehrfurcht an diesen unvergleichlichen Ort, wo auch Franz Stock wohnte, als er am Institut Catholique studierte.
     Der Séminaire des Carmes, vor der Französischen Revolution das älteste Kloster des von Teresa von Ávila reformierten Karmelitenordens in Frankreich, und das seit 1875 auf seinem Gelände errichtete Institut Catholique liegen im 6. Arrondissement. Der Séminaire des Carmes war am 2. September 1792 Schauplatz der Priestermorde mit 115 Opfern, deren Spuren noch heute sichtbar sind. Im 19. Jahrhundert wirkten hier Madame de Soyécourt, bekannt als Mère Camille, die eine große Rolle für die Renaissance des Katholizismus im nachrevolutionären Frankreich spielte, und der Dominikaner Henri-Dominique Lacordaire, der die Conférences de Notre-Dame hielt, Dominikanerklöster gründete und um die Verbindung von Kirche und moderner Welt bemüht war. Heute gedenkt man hier des Priesters Christian de Chergé, der 1956 den Séminaire des Carmes bezog und 1996 als Prior des Trappistenklosters Notre-Dame de l’Atlas in Tibhirine in Algerien mit sechs Mitbrüdern ermordet wurde. In der Nähe liegen die Kirchen Saint-Sulpice, Saint-Germain-des-Prés, Klosterkirche der gelehrten Maurinermönche um Jean Mabillon, und, schon am Boulevard du Montparnasse, Notre-Dame-des-Champs. In der Nähe, bereits im 7. Arrondissement, verläuft die Rue du Bac, seit 1663 Sitz des Séminaire des Missions Étrangères und 1830 Ort der Marienerscheinungen der hl. Cathérine Labouré in der Kapelle der Filles de la Charité des hl. Vinzenz von Paul. Es gibt neben dem ganz weltlichen, dem atheistischen, muslimischen und jüdischen Paris auch – trotz oder wegen der französischen Trennung von Staat und Kirche, der Laïcité, seit 1905 – ein katholisches Paris, viel katholischer, als man das im kirchensteuerverwöhnten Deutschland heute kennt. Dieses katholische Paris lebt kaum in der von Touristen überströmten Basilika Sacré-Cœur auf dem Montmartre und noch weniger in der vom Tourismus heimgesuchten Kathedrale Notre-Dame. Es lebt vor allem an diesen Orten im 6. und 7. Arrondissement. Hierher kam Franz Stock. Gemeinsam mit den Kräften, die aus dem katholischen Paris und aus dem Katholizismus des ländlichen Frankreich erwuchsen, trug er zur französisch-deutschen Versöhnung bei. Was das bedeutet, zeigt sich nahe dem Séminaire des Carmes. Dort verläuft die Rue du Cherche-Midi, Ort des alten Militärgefängnisses Cherche-Midi. Gleich um die Ecke, an der Kreuzung Sèvres-Babylone, steht das Grand-Hotel Lutetia, im Zweiten Weltkrieg Sitz der deutschen „Abwehr“ und nach Kriegsende Sammelort der aus den Konzentrationslagern zurückgekehrten französischen Deportierten. Es gibt auch das Paris der Erinnerung an deutsche Verbrechen, vor allem die Judendeportationen, z.B. im Maraisviertel oder auf der Île St-Louis.  
     Franz Stock wurde 1904 in Neheim, seit 1975 Arnsberg, als eines von neun Kindern eines Arbeiters geboren. Nach dem Abitur 1926 ging er zum Theologiestudium nach Paderborn. Unter dem Eindruck eines internationalen Friedenstreffens in Bierville in der Normandie, an dem er 1926 teilgenommen hatte, wechselte er 1928 nach Paris zum Studium am Institut Catholique und verbrachte drei Semester im Séminaire des Carmes. Nach der Rückkehr nach Paderborn empfing er 1932 durch Erzbischof Kaspar Klein die Priesterweihe. Er wurde Kaplan in Anröchte bei Lippstadt und danach in Dortmund-Eving. Das Leben eines Sozialpriesters im Bergarbeitermilieu des Ruhrgebiets schien vorgezeichnet. Aber der Geist des Séminaire des Carmes ließ ihn nicht mehr los. 1934 ging er in die Seinemetropole als Rektor der Deutschen Mission. Seit September 1934 wohnte er in der Rue Lhomond, einer Straße im 5. Arrondissement, im Quartier Latin hinter dem Panthéon, die ihm zur neuen Heimat wurde. Am 27. August 1939, kurz vor dem am 1. September 1939 begonnenen deutschen Einmarsch in Polen, wurde die Deutsche Mission evakuiert. So kehrte Stock in sein Heimatbistum zurück und fand als Kaplan in Dortmund-Bodelschwingh und später im damaligen mitteldeutschen Teil des Erzbistums Paderborn Verwendung. Am 10. Mai 1940 begann mit dem deutschen Angriff auf die Niederlande, Belgien, Luxemburg und Frankreich der Krieg im Westen. Am 14. Juni rückten deutsche Truppen in Paris ein. Am 22. Juni folgte der Waffenstillstand. Am 18. Juni hatte General de Gaulle in London die Fortsetzung des Krieges durch die Forces Françaises Libres verkündet. Das waren die nicht in deutsche Kriegsgefangenschaft geratenen Teile der französischen Armee, die sich seiner Führung unterstellten. Nach der Besetzung von Paris durch die deutsche Wehrmacht kehrte Stock dorthin zurück – als Wehrmachtspfarrer im Majorsrang. In dieser Stellung besuchte er in den Pariser Gefängnissen Fresnes, La Santé und Cherche-Midi die Häftlinge aus der Résistance. Es gibt Berichte über den Eindruck, den dieser deutsche Militärpfarrer auf gefangene Franzosen machte. Einer stammt von dem späteren Kommandeur der französischen Truppen in Deutschland General Pierre Brisac: „Gott hat mir die Gnade verliehen, den heiligen Abbé Stock im Gefängnis Fresnes kennenzulernen“. Aber Franz Stock beließ es nicht bei Gefängnisbesuchen. Er begleitete die Verurteilten auf den Mont-Valérien.
     Am 7. und 8. November 1942 landeten die Alliierten in Marokko und Algerien. Im Sommer 1943 wurde Französisch-Algerien Teil des Freien Frankreich de Gaulles. Am 13. Mai 1943 kapitulierten die Reste der Heeresgruppe Rommel in Nordafrika. Rund 250.000 deutsche und italienische Soldaten gerieten in Kriegsgefangenschaft. In Algerien standen die Kriegsgefangenenlager teilweise unter dem Kommando der Forces Françaises Libres und des  Generals Boissau, eines gläubigen Katholiken. Auf ihn ging der zuerst in Algerien realisierte Gedanke eines Seminars für kriegsgefangene deutsche Theologiestudenten zurück. Der seit 1936 als Emigrant in Frankreich lebende Benediktiner-Erzabt von Beuron Raphael Walzer wurde Regens des ersten französischen Kriegsgefangenenseminars für deutsche katholische Theologiestudenten in Algerien.  
     Nach der Befreiung von Paris – am 6. Juni 1944 begann die Landung der Alliierten in der  Normandie; am 25. August 1944 zog General de Gaulle in Paris ein – betreute Stock schwerverwundete deutsche Soldaten im Lazarett La Pitié in Paris, bevor er als deutscher Offizier in amerikanische Kriegsgefangenschaft kam. In einem Lager bei Cherbourg spürte ihn Jean Rodhain auf, Chef der französischen Militärseelsorge. Am 22. April 1945 traf er in Orléans ein, zum Regens des Kriegsgefangenenseminars ernannt. Deshalb Abbé Stock! Der Titel „Abbé“ ist im Französischen nicht auf Klosterobere beschränkt, sondern wird auch von Weltpriestern geführt, so vom Regens eines Priesterseminars, dem Directeur du Séminaire. Was 1943 in Algerien begonnen hatte, wurde ab April 1945 in Frankreich fortgesetzt. Der 21. April 1945 war der Gründungstag des Seminars im Kriegsgefangenenlager Orléans, das im August 1945 nach Chartres verlegt wurde. Auch Walzers Seminar kam im September 1946 von Algerien nach Chartres. General Buisson, Chef der Direction générale des prisonniers de guerre, überging Walzer und übertrug Stock die Leitung, der in Chartres ein Theologiestudium organisierte, seit Mai 1946 ergänzt um ein humanistisches Gymnasium. Im Mai 1946 wies das Seminar 422 Studenten und 14 Lehrende auf, teilweise selbst Kriegsgefangene. Für Ende November 1946 werden 134 Schüler und 271 Studenten der Philosophie und der Theologie und 24 Dozenten genannt. Die theologischen Fakultäten Freiburg und Mainz erkannten die erbrachten Studienleistungen an. Unterstützung erfuhr das Seminar durch den Nuntius in Paris, Angelo Guiseppe Roncalli, den späteren Papst Johannes XXIII. Nach Auflösung des Seminars in Chartres am 5. Juni 1947 kehrte Stock nach Paris zurück, wo er am 24. Februar 1948 starb. Er fand sein Grab auf einem Kriegsgefangenenfriedhof im Süden von Paris. 1963, im Jahr des deutsch-französischen Vertrags, folgten Exhumierung und Beisetzung in der Kirche Jean-Baptiste in Chartres. Abbé Stock steht mit am Beginn der französisch-deutschen Versöhnung, die stark im katholischen Glauben wurzelt, von dem auf beiden Seiten hervorragende Persönlichkeiten erfüllt waren. Einer von ihnen war Franz Stock.

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Zeittafel zu Abbé  Franz Stock:

Geb. 21.9.1904 in Neheim, jetzt Arnsberg
1926 Abitur
1926-28 Theologiestudium in Paderborn
1928-29 Theologiestudium in Paris
1932 Priesterweihe in Paderborn
1934-39 Rektor der Deutschen Mission in Paris
1940-44 Deutscher Militärpfarrer im besetzten Paris
1941-44 Seelsorge für französische Hinrichtungsopfer aus der Résistance
1945-47 Regens des Seminars im Kriegsgefangenenlager in Chartres
1947 Dr. theol. h. c. in Freiburg
Gest. 24.2.1948 in Paris
14.11.2009 Eröffnung des Seligsprechungsverfahrens

Zum Autor:

Pfarrer Prof. Dr. theol. Dr. theol. habil. Dr. phil. habil. Harm Klueting
Priester der Erzdiözese Köln
Professor der Neueren Geschichte und der Katholischen Theologie im Fach Mittlere und Neuere Kirchengeschichte
Philosophische Fakultät der Universität zu Köln
Theologische Fakultät der Universität Fribourg (Fribourg en Suisse)