19. Mai: Der Wochenheilige

Der heilige Yves Hélory. Von Claudia Kock

Im historischen Zentrum von Rom liegt die Kirche „Sant’Ivo alla Sapienza“ mit ihrem spiralförmig gewundenen Turm. Ihr Erbauer, der geniale Barockarchitekt Francesco Borromini, soll die Inspiration dazu von der sogenannten „Mitrasschnecke“ bekommen haben, deren Gehäuse der Turm aus der Ferne betrachtet ähnelt. Schaut man von unten daran hoch, erkennt man darin die Form der dreistufigen Tiara, mit der die Päpste früher gekrönt wurden. Die Kirche war ursprünglich die Kapelle der Päpstlichen Universität „La Sapienza“, die 1870 verstaatlicht wurde. Bis dahin lag ihr Schwerpunkt in der Ausbildung von Rechtsgelehrten „in utroque iure“, also in kirchlichem und weltlichem Recht. Daher war die Kapelle dem heiligen Yves Hélory, dem Schutzpatron der Juristen, geweiht. Sein Gedenktag wurde im Mittelalter an vielen juristischen Fakultäten gefeiert. So liest man bereits im 1390 entstandenen Festkalender der Heidelberger Universität zum 19. Mai: „Ivonis. Non legitur in facultate iuris“: „Der heilige Ives. Keine Vorlesungen in der juristischen Fakultät“.

Besondere Verehrung genießt der heilige Yves bis heute in der Bretagne, wo er am 17. Oktober 1253 auf der Burg Kemartin bei Minihy-Tréguier unweit der Atlantikküste geboren wurde. Seine Familie gehörte dem einfachen Landadel an. Mit 14 Jahren kam er nach Paris, um in der Schule des heiligen Bonaventura Philosophie und Theologie zu studieren, und wechselte dann nach Orléans, wo er sich in Rechtswissenschaft spezialisierte. 1280 wurde er Richter am bischöflichen Gerichtshof von Rennes.

Von Anfang an verband Yves die Rechtsprechung mit der Nächstenliebe. Er wurde dafür bekannt, gerechte Urteile zu sprechen und schwache Menschen wie Witwen, Waisen und Arme in seinen besonderen Schutz zu nehmen. An anderen Gerichtshöfen trat er auch als Anwalt auf, wo er hilflose und mittellose Menschen vertrat, die Gerichtskosten für sie übernahm und Verurteilte in den Gefängnissen besuchte. Oft konnte er Streit zwischen zwei Parteien auch außergerichtlich schlichten, um diesen die Gerichtskosten zu ersparen. Jegliche Bestechungsversuche wies er zurück und nahm keine Geschenke an, obwohl diese damals an den Gerichten üblich waren. Sein selbstloses Vorgehen brachte ihm schnell den Ruf eines „Anwalts der Armen“ ein.

1284 wechselte Yves an den Gerichtshof seiner Heimatdiözese Tréguier, wo er zum Priester geweiht wurde und auch Pfarrstellen in verschiedenen Dörfern übernahm und den juristischen mit geistlichem Beistand verband. So wird berichtet, dass er einmal, als es ihm nicht gelang, einen Streit zwischen einer Mutter und ihrem Sohn zu schlichten, für diese eine Messe las. Kurz darauf konnte der Streit beigelegt werden. Daneben predigte er sehr viel und führte ein äußerst asketisches Leben, trug das raue Gewand der Bauern anstelle der kostbaren Richterrobe und schlief auf Stroh oder auf dem nackten Boden.

Im Alter von 45 Jahren gab Yves seine richterliche Tätigkeit auf und zog sich auf die elterliche Burg Kemartin zurück, wo er sich ganz der juristischen Unterstützung der Armen widmete. Die Burg wurde zum Zufluchtsort für arme, notleidende und verfolgte Menschen. Sie behielt diese Funktion noch mehr als ein Jahrhundert über seinen Tod am 19. Mai 1303 hinaus.

Bereits wenige Jahrzehnte nach seinem Tod, am 26. Juni 1347, wurde Yves Hélory von Papst Clemens VI. heiliggesprochen. In einer Botschaft an den Bischof von Saint-Brieuc zum 750. Jahrestag der Geburt des Heiligen im Jahr 2003 schrieb Papst Johannes Paul II.: „Die vom heiligen Yves vertretenen Werte sind auch heute noch von erstaunlicher Aktualität. Seine Sorge um die Förderung einer gerechten Justiz und die Verteidigung der Rechte der Armen fordert die Baumeister von Europa heute auf, keine Mühen zu scheuen, dass die die Rechte aller, insbesondere der schwächsten Menschen anerkannt und geschützt werden. Das Europa der Menschenrechte muss dafür sorgen, dass die objektiven Elemente des Naturrechts Grundlage der positiven Gesetze bleiben.“