Triage droht

Wer wird gerettet?

Das Gesundheitssystem droht zu kollabieren. Das Problem sind nicht fehlende Betten oder Beatmungsgeräte, sondern zu wenig Pflegepersonal.

Keine Frage: Viele der Parameter, die den Entscheidern, wie auch denen, die von solchen Entscheidungen betroffen sind, ein genaues Lagebild der SARS-CoV-2-Pandemie ermöglichen sollen, lassen sich in Zweifel ziehen. Das beginnt bereits bei den täglichen Fallzahlen der Infizierten. Für das gesamte Jahr 2020 notiert das Robert-Koch-Institut (RKI) hier 1 784 000 Fälle. In Wirklichkeit handelt es sich bei ihnen lediglich um positiv Getestete.

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Wie viele sich von ihnen tatsächlich mit dem Virus infiziert haben, ist genauso ungewiss wie die Zahl derer, die sich ohne ihr Wissen mit dem Virus infiziert haben und die, weil sie keine Symptome aufweisen, nur dann entdeckt werden, wenn sie gezwungen sind, sich testen zu lassen. Etwa bei der Ein- und Ausreise, beim Besuch eines Pflegeheims oder im Zuge einer Kontaktnachverfolgung.

Wenig aufschlussreich

Auch die Zahl der „an und mit“-Covid-19-Verstorbenen, die das RKI für das vergangene Jahr mit 34 500 beziffert, ist letztlich wenig aufschlussreich. Gemessen an der Zahl der Positiv-Getesteten beträgt die Sterberate der „an und mit“-Covid-19-Verstorbenen 1,93 Prozent. In Wirklichkeit ist sie deutlich geringer. Wieviel geringer lässt sich allerdings nicht sagen, weil eben die Mehrheit der asymptomatisch verlaufenden Infektionen mit dem SARS-CoV-2-Virus naturgemäß unentdeckt bleibt und daher in keiner Statistik auftaucht.

Auslastung der Intensivstationen

Wer daraus jedoch den Schluss zöge, eigentlich schenke die Politik dem Virus viel zu viel Aufmerksamkeit, der übersieht, dass es einen Parameter gibt, an dem niemand so einfach vorbeikommt. Und das ist die Auslastung der Intensivstationen. Mit ihr steht und fällt letztlich das gesamte Gesundheitssystem und damit auch, wie gut oder schlecht ein Land durch die Pandemie kommt. Bricht es zusammen, dann sterben nicht „nur“ Menschen, die bereits so geschwächt sind, dass auch jede andere Erkrankung für sie ein tödliches Risiko birgt, sondern auch solche, die eine Infektion mit dem SARS-CoV-2-Virus mehr oder weniger problemlos wegstecken.

Verunfallte etwa, denen in einer noch funktionierenden Notaufnahme rechtzeitig geholfen werden könnte. So macht es beispielsweise einen erheblichen Unterschied aus, ob jemand, der unglücklich mit dem Fahrrad stürzt und sich eine Hirnblutung zuzieht, noch in ein nahegelegenes Krankenhaus gefahren werden kann, oder nur noch in ein weit entferntes, weil die Nahegelegenen bereits aus allen Nähten platzen. Und selbst Routine-Operationen wie die Entfernung eines entzündlichen Blinddarms oder eine Hüft-OP können in Kliniken, die bereits seit langem auf den Felgen fahren, Behandlungsfehler nach sich ziehen, die schwerwiegende oder mitunter gar tödliche Konsequenzen nach sich ziehen.

Wer darf auf die Intensivstation?

Wenn es stimmt, dass rund fünf Prozent der SARS-CoV-2-Infizierten so schwer an COVID-19 erkranken, dass sie auf einer Intensivstation behandelt werden müssen, dann wird auch klar, warum Bundesregierung und Länder daran interessiert sein müssen, dass die Fallzahlen nicht durch die Decke gehen. Denn laufen die Intensivstationen voll, müssen Ärzte am Ende dort entscheiden, wenn sie noch behandeln und wen nicht. Eine Situation, die niemand wollen kann. Und das völlig unabhängig davon, für wie sinnvoll man die von der Politik ergriffenen Maßnahmen jeweils halten mag.


Über die Lage auf den 1 287 deutschen Intensivstationen informiert das Register der „Deutschen Interdisziplinären Vereinigung der Intensivmediziner“ (DIVI). Täglich, jeweils um 12 Uhr 15, wird das Register aktualisiert. Am 12. Januar waren demnach in Deutschland 22 433 Intensivbetten belegt. 5 230 von ihnen mit an COVID-19-Erkrankten. Von diesen wiederum waren 3 000 (57 Prozent) so schwer erkrankt, dass sie invasiv beatmet werden mussten.

Notfallreserve: Der Schein trügt

Damit hat sich die Lage im Vergleich zum Jahreswechsel zwar etwas entspannt. Am 31. Dezember wurden auf deutschen Intensivstationen noch 5 648 COVID-19-Patienten behandelt – rund 400 mehr als derzeit. Und auch jetzt gibt es bundesweit noch mehr als 3 300 freie High-Care-Betten. Hinzukommt eine sogenannte bundesweite 7-Tage-Notfallreserve von insgesamt 10 719 Betten. Das ist die Zahl der Intensivbetten, die alle Kreise zusammen binnen sieben Tagen aufstellen können.

Auf den ersten Blick sieht das nach einem satten Polster aus. Nur leider trügt der Schein. Und das aus ganz verschiedenen Gründen. In zahlreichen Kreisen beträgt die Zahl der freien Intensivbetten längst weniger als zehn Prozent. Im Kreis Prignitz etwa gibt es (Stand 12.1.) überhaupt nur noch ein freies Intensivbett. Gleiches gilt für den Kreis Oberhavel. Das benachbarte Märkisch-Oderland verfügt zwar über 100 Prozent mehr freie Kapazitäten, kommt damit aber derzeit auch nur auf zwei freie Intensivbetten. Ein Problem, das alles andere als ein bloß Ostdeutsches ist und alle 16 Bundesländer betrifft. So gibt es etwa im gesamten Kreis Pinneberg (Hamburg) zur Zeit nur noch zwei freie Intensivbetten. In Heinsberg (Nordrhein-Westfalen) und im Eifelkreis Bitburg-Prüm (Rheinland-Pfalz) jeweils eins.

Pflegepersonal fehlt

Damit nicht genug: In nicht wenigen Kreisen sind sogar alle Intensivbetten bereits belegt. So gibt es beispielsweise in Bad Tölz-Wolfratshausen, Freising, Dachau und Landshut sowie im Berchtesgadener Land (Bayern) derzeit überhaupt kein freies Intensivbett. In Baden-Württemberg gilt dasselbe für Waldshut, Rottweil und Biberach. Und in Rheinland-Pfalz sind zumindest im Kreis Mainz-Bingen derzeit sämtliche Intensivbetten besetzt.

Glaubt man den Experten, dann ist die Zahl der freien Betten aber nicht einmal das Hauptproblem. Zumal die Kliniken bereits seit März unter dem Stichwort „Kleeblattstrategie“ Patienten in wenig belastete Kreise verlegen – mitunter länderübergreifend. Die Ressource, bei der die größte Knappheit herrscht, ist das Pflegepersonal, das an den Betten stehen können muss.

Am Heiligen Abend berichtete der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN), Christian Karagiannidis, fast 700 Intensivstationen, also weit mehr als die Hälfte, gäben inzwischen an, durch Personalausfälle im Regelbetrieb eingeschränkt zu sein.

Angst vor monatelangen Belastungen

Und der inzwischen turnusgemäß abgelöste DIVI-Präsident Uwe Janssen erklärte zwischen den Jahren im ZDF-Morgenmagazin: „Wir befürchten durch die monatelangen Belastungen, die die Pflegekräfte jetzt mitgemacht haben auf den Intensivstationen, dass wir Anfang des kommenden Jahres Leute haben werden, die unter der Last zusammenbrechen und nicht mehr resilient genug sind und tatsächlich dann ins Aus gehen.“

Erschwerend hinzu kommt: Nicht wenige Krankenhäuser stehen offenbar mittlerweile vor der Zahlungsunfähigkeit. Laut der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) fehlen vielen Kliniken die entgangenen Einnahmen aus dem Regelbetrieb. „Wenn die Bundesregierung die Hilfen nicht deutlich erhöht, werden flächendeckend Kliniken bereits im ersten Quartal 2021 nicht mehr die Gehälter ihrer Mitglieder zahlen können“, zitierte das Redaktionsnetzwerk Deutschland kürzlich DKG-Präsident Gerald Gaß.

Ein toxischer Cocktail, der sich da aus unterschiedlichen Zutaten zusammenbraut und der am Ende dazu führen könnte, dass die Triage (dt.: Sichtung, Einteilung) doch noch kommt. Ein Horror-Szenario für jeden Arzt. Käme es tatsächlich soweit, dann müssten Ärzte auch in Deutschland entscheiden, welche Patienten sie noch intensivmedizinisch behandeln und welche sie stattdessen „nur“ noch palliativmedizinisch versorgen.

Triage ist eine schwere Herausforderung

Notfallmediziner, Rettungssanitäter und Katastrophenhelfer mögen mit solchen Szenarien vertraut sein. Doch für den durchschnittlichen Krankenhausarzt gilt das schon seltener und für das medizinische Personal von Rehakliniken, die zu Beginn der Pandemie ebenfalls Intensivmedizinplätze aus dem Boden gestampft haben, meist gar nicht.

Und natürlich ist es eines, mit solchen Szenarien vertraut zu sein, und etwas ganz anderes, sie im Falle eines Falles auch durchstehen und aushalten zu müssen. Eine Triage sei immer eine schwere psychologische Herausforderung, die bei Ärzten, die solche Entscheidungen treffen müssten, zu erhöhter Suizidalität führen könne, warnte der Vorsitzende des Vorstands des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, jetzt in dem Podcast „Mit Herz und Haltung“ der Katholischen Akademie des Bistums Dresden-Meißen. Und auch für Patienten, die aufgrund einer solchen Entscheidung überleben, ist eine Triage alles andere als einfach. Viele Triage-Überlebenden hätten mit Schuldgefühlen zu kämpfen, weiß der Tübinger Moraltheologe Franz-Josef Bormann, der auch Mitglied des Deutschen Ethikrates ist – des Gremiums, das Parlament und Bundesregierung in ethischen Fragen berät.

Gefährliche Mutation

Sollte die SARS-COV-2-Mutante, die Großbritannien heimgesucht hat und die auch in Deutschland bereits nachgewiesen wurde, tatsächlich sehr viel infektiöser sein, dann ist eiserne Disziplin jetzt tatsächlich das Gebot der Stunde. Andernfalls werden auch die Kliniken nicht nur hier und da, sondern bundesweit über ihre Kapazitätsgrenzen getrieben. Und wenn niemand mehr Patienten verlegen kann, weil es nirgendwo mehr freie Betten gibt, ist auch die Triage nicht zu vermeiden.

1,93 Prozent. So gering ist der Anteil der „an und mit“ COVID-19-Verstorbenen an der Zahl der positiv auf SARS-CoV-2-Getesteten. Die tatsächliche Todesrate ist sogar noch geringer. Nur hilft das niemandem. Denn auch wenn das Virus für nur Wenige eine tödliche Bedrohung darstellt, gefährdet es doch letztlich alle. Der Grund: Laufen die Intensivstationen voll, dann kracht das Gesundheitssystem zusammen. Die Folge wäre die Triage. Und das kann, schon im eigenen Interesse, niemand wollen.

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