Christen

Wer glaubt, zittert nicht

Empathie statt Ausnahmezustand, Solidarität statt Verzweiflung. Was Christen von ihrem Namensgeber in der Pandemie lernen können.
Heilung
Foto: Rembrandt van Rijn, c. 1650- c. 1655 – Rijksmuseum, nl | Leprakranke galten zur Zeit Jesu als unrein. Aber er streckte die Hand nach dem Erkrankten aus und heilte ihn.

Dramatisch wurde es, wenn radikale Rabbinerschulen über das hinausgingen, was in der Thora stand. Zweifellos war es vernünftig davon zu sprechen, einen Abstand zu anderen Menschen von vier Ellen (rund zwei Metern) zu halten oder gar bei starkem Wind auf 100 Ellen zu erweitern. Aber nicht mehr gedeckt von der Barmherzigkeitsregel der Thora waren Übergriffe der Rabbi Schule der Schammai, Lepra- kranke im Notfall mit Steinen zu bewerfen und zu rufen: „Verschwindet und verunreinigt die Leute nicht.“ Im völligen Gegensatz dazu verhielt sich der historische Jesus. Er trat heraus aus der Menge, streckte seine Hand aus, rührte den Aussätzigen an. „Und alsbald ward er rein“ (Mt 8, 3).

Nächstenliebe und Hygieneregeln

Die Botschaft der Nächstenliebe mag den Hygieneregeln und einer vernünftigen Prävention widersprochen haben, aber sie öffnete das Tor für paradoxe Interventionen, das Ende der Endgültigkeit, die Überwindung des Unmöglichen und die Pflicht der Nachfolger Christi, genauer hinzuschauen auf das Andere, die Angst. Als Mittel gegen die Depression empfahlen die frühen Christen – wie Nietzsche es formulierte – die kleine Freude: „Wenn man nach den Anfängen des Christentums in der römischen Welt sucht, so findet man Vereine zur gegenseitigen Unterstützung, Armen-, Kranken-, Begräbnisvereine, aufgewachsen auf dem untersten Boden der damaligen Gesellschaft, in denen mit Bewusstsein jenes Hauptmittel gegen die Depression, die kleine Freude, die des gegenseitigen Wohltuns gepflegt wurde.“

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Prozess der Disziplinierung

Der Paradigmenwechsel in der Religion der Christen hin zur Nächstenliebe hielt nicht lange vor. Bereits seit dem 3. Jahrhundert nach Christus begann der Prozess der Disziplinierung, der Rationalisierung des männlichen Ich. Das Programm lautete: wir machen uns die Erde untertan und an die Stelle der Wildheit und der kleinen Freude trat ein ausgeklügeltes System von Aufsehern (Episkopen) und Ältesten (Presbytern und Priestern), die das Kommando übernahmen. Bald war das Christentum zur Staatsreligion geworden. Der Gegensatz von Ausgrenzung und Empathie, die Errichtung von Lagern für Aussätzige und die bedingungslose Hinwendung dieses Mannes aus Nazareth zu den Leprakranken lässt uns im 21. Jahrhundert in einem Spannungsfeld alleine, da wir gedacht haben, die Welt doch schon längst mit einer uns eigenen deutschen oder schweizerischen Perfektion zu vermessen. Wir wägten uns sicher vor Ebola oder Dengue-Fieber, vor der Schlafkrankheit und der unerbittlichen Malaria. Wenn wir uns also heute in verunsicherten Zeiten alter Geschichten erinnern, dann doch deshalb, weil sie uns über bestimmte heutige Zustände in Kenntnis setzen, die weniger zufällig erscheinen, als es uns lieb ist.

Ghetto und Quarantäne

Venedig ist die Stadt der Erfindung zeitloser Begriffe und Begrifflichkeiten. Die Abschließung der Juden im 16. Jahrhundert auf der Insel Cannaregio in der Republik Venezia hat das erste Ghetto begründet. Dieses brutale Ghettare hat den Vorgang der Abschließung für alle Zeiten geprägt und im blutigen Ghetto-Aufstand von Warschau sein vorläufiges Ende gefunden. Zugleich aber schützte das Ghetto von Venedig die jüdische Bevölkerung vor antisemitischen Übergriffen des italienischen Festlandes. Venedigs Juden genossen vom 16. Jahrhundert bis Anfang des 19. Jahrhunderts damit eine in Europa einzigartige Rechtssicherheit. Auch die Quarantäne ist ein Kind der Republik Venedig. Es waren die großen Schiffe, die vor den Häfen von Genua und Venedig vor Anker lagen. Und es war der Versuch der Dogen den schwarzen Tod zu bannen, indem allen Passagieren und Matrosen verboten wurde, an Land zu kommen.

40 Tage auf dem Schiff

Bereits 1347, als eine Pestwelle, angeblich aus Afrika kommend, Europa erreichte, entschied Venedig, dass alle Passagiere „per quaranta giorni“ das Schiff nicht zu verlassen hätten. Die vierzig Tage, die ausreichend sein sollten, um die Guten von den Schlechten, die Infizierten von den Gesunden zu unterscheiden, wirkte willkürlich, findet aber einen Grund im Mythos des Alten Testaments. Auch dort wird im Leviathan genau die 40-Tage-Frist zum ersten Mal formuliert. Warum die Quarantäne-Regel nicht ausreichte? Weil die Ratten und die reichen Bürger von diesen Schiffen herab immer Wege fanden, sich ihr zu entziehen. Die einen liefen über die Schiffstaue, die anderen bestachen die Aufseher mit Geld.

Die demokratischen Verfassungen der Schweiz und Deutschland haben dem Ausnahmezustand wenig Raum eingeräumt. Im Grundgesetz existiert dieser Begriff nicht mehr. Der Ausnahmezustand aber ist die Stunde der Anti-Demokraten. Nazi-Juristen wie Carl Schmitt (Verfassungslehre, Berlin 1928) waren es, die in solchen Situationen dem demokratischen Staat Schwäche und Versagen vorgeworfen haben. Die Demokratie aber hat demgegenüber in Spezialgesetzen wie dem Bundesinfektionsgesetz, aber auch in Art. 185 der Schweizer Bundesverfassung, ebenso in den sogenannten Notstandsgesetzen des Grundgesetzes ein Instrumentarium geschaffen, mit dem solche Ausnahmesituationen, zeitlich begrenzt, regiert werden können.

Solidarität wird gefordert

Die Ängstlichen, die nach radikalen Lösungen rufen, werden das Modell China als permanenter Ausnahmezustand loben, aber die, die ähnlich wie der Mann aus Nazareth an Empathie und Nächstenliebe glauben, werden anderen Lösungen den Vorzug geben, auch wenn wir jetzt nicht wissen, worin, außer in der kleinen Freude, das Mittel gegen die Verzweiflung zu suchen ist. Wenn die deutsche Bundeskanzlerin, anders als ihr Kollege in Österreich weiterhin – ohne den Ernst der Lage zu verkennen – an die Solidarität der Menschen appelliert, an ihre Lernfähigkeit gekoppelt mit der notwendigen Ab-Sonderung, so fußt sie auf der guten Seite einer Theologie der Befreiung, für die Europa steht, dem Glauben an Demokratie und Solidarität, an tägliche Hilfestellungen für die Vereinsamten, Alten und Armen, an Konzerte auf Balkonen und Gedichte aus der Gruft der Verzweiflung.

Wenig perfekte staatliche Organisation

Die Corona-Krise macht uns aber auch deutlich, wie wenig perfekt staatliche Organisation im Alltag ist, wenn jetzt Schutzkleidung und Gesichtsmasken fehlen, wenn bereits die reichen Bürger reicher Staaten sich auf dem privaten Markt ihre eigenen Beatmungsgeräte kaufen, dann ist nicht der Ausnahmezustand gefragt, sondern ein einfachgesetzliches Instrumentarium, das in der Not Produktionsstätten dafür schafft und im Zweifelsfall auch vor Teilenteignungen nicht zurückschreckt. Es wird nötig sein, Senioren aus dem Management in die Krisenstäbe zu holen, denn niemand bewältigt Krisen so gut wie ethisch geschulte Banker und klösterlich ausgebildete Theologinnen. Venedigs schmutziges Meerwasser ist in wenigen Tagen klar geworden, und so paradox das klingt: es war ein Virus, der dem Menschen gefährlich ist, der das erreicht hat.

Man muss nicht an einen Gott glauben, aber man darf an die Geste des Juden aus Bethlehem glauben, der einem Aussätzigen voll Liebe die Hand auflegte. Dann kann man mit Zuversicht sagen: Wer glaubt, der zittert nicht. Oder: menschliche Solidarität statt Ausnahmezustand.

Der Autor ist doppelt promovierter Jurist und Theaterwissenschaftler. Der gelernte Clown ist Intendant der Tiroler Volksfestspiele Telfs und lehrt Strafrecht an der Universität Bremen und der Hochschule Hannover.

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