Köln

Was hat Gott mit der Pandemie zu tun?

Seuchen wie die SARS-CoV-2-Pandemie erfordern eine vertiefte geistliche Reflexion und nicht nur Mahnungen zur Disziplin und zum sozialen Engagement. Ein Blick in die Seuchengeschichte.

Die Covid19-Epidemie stellt für die christlichen Kirchen eine besondere Herausforderung dar, nicht nur sozial und politisch, wie oft suggeriert wird, sondern auch theologisch. Tatsächlich wurde die uralte Frage, wie Gottes Güte und Allmacht mit Krankheiten und Leid in Einklang zu bringen ist, seit der Spätantike zu Seuchenzeiten immer wieder akzentuiert. Die deutschen Bischöfe und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken haben sich, von wenigen Ausnahmen abgesehen, früh auf folgende Lösung geeinigt: Gott hat mit der Pandemie nichts zu tun. Dies anzunehmen wäre sogar zynisch, wie sich der Erzbischof von Bamberg ausdrückte. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bätzing, war zwar etwas vorsichtiger („Gott möchte, dass es uns gut geht“), doch war die Botschaft klar: Die Vorstellung eines guten, milden Gottes, dem alles Strafen und Prüfen fernliegt, ist zumindest in den Amtskirchen weitgehend Konsens. Unter Bezugnahme auf Gottes Barmherzigkeit und einer (erstaunlich selektiven) Bezugnahme auf das Alte Testament (etwa Psalm 91,6 oder Mose 5, 7,15) sieht man sich getröstet.

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„Parce Domine populo tuo, ne in aeternum irascaris nobis.“ Papst Gregor der Große

Ein Blick in die Seuchengeschichte zeigt, dass man keineswegs immer so dachte. So sah es Papst Gregor der Große während der Pest, die Rom um 590 heimsuchte, als Hauptaufgabe von Klerikern und Laien, Gott in Gebeten und Prozessionen um Verschonung zu bitten. „Parce Domine populo tuo, ne in aeternum irascaris nobis“, der gregorianische Hymnus, der Gregor später zugeschrieben wurde, wurde vielfach variiert, doch blieb die zentrale Aussage klar: Es galt, den „Zorn“ und die „Wut“ Gottes (Psalm 6) zu besänftigen, hatte doch schon David die Pest hiermit begründet. Als er zwischen drei möglichen Plagen („sieben Monaten Hungersnot, drei Monaten Krieg oder drei Tagen Pest“) wählen musste, entschied er sich für die Seuche, weil er insgeheim auf Gottes Erbarmen hoffte, das die Pest dann tatsächlich vorzeitig beenden sollte (2 Samuel 24,14).

In der Seuchengeschichte galt „der zürnende Gott“ bis zum 18. Jahrhundert – es mag heute befremden – als durchaus plausible Ursache von Epidemien. 1576 nahm der Doge Alvise Mocenigo während der Pest in einem Bittgottesdienst in San Marco in einer dramatischen Geste die Schuld der Bevölkerung Venedigs auf sich und bot Gott zur Sühne den Bau der Kirche „Il Redentore“ an, den – der Doge erlag der Seuche wenig später – freilich erst sein Nachfolger in Angriff nahm. Ähnliche Überlegungen führten nach 1632 zum Bau von „Santa Maria della Salute“ sowie unzähliger Votivkirchen südlich und nördlich der Alpen.

Gott schleudert Pestpfeile

In der Bildenden Kunst war seit dem Spätmittelalter das Motiv der „Intercessio“ verbreitet, das 1464 mit Benozzo Gozzolis Fresko in der Kirche Sant`Agostino in San Gimignano theologisch und ikonographisch einen Höhepunkt erreichte: Gottvater schleudert vom Himmel aus, von Engeln assistiert, Pestpfeile auf das Volk, wobei Christus, der auf seine Wundmale deutet und Maria, die ihre Brüste zeigt (ein Demutsgestus, der ihr verzweifeltes Flehen unterstreicht) ihn um Einhalt bitten. Während Gottes Zorn (vgl. Ezech. 5,17) bereits in der himmlischen Ebene besänftigt wird, fängt Sebastian mit seinem Mantel jene Pfeile auf, die den Menschen nahekommen, wobei ihm ebenfalls Engel assistieren (ein Paradox, das im 15. Jahrhundert sicherlich diskutiert wurde). Die Aufgabe der „Pestheiligen“ – ihnen wurden später, neben Sebastian und natürlich der Madonna, vor allem Rochus und Karl Borromäus zugeordnet – war klar: Sie versuchen Gottes Willen „pro devoto populo“ zu beeinflussen.

In Palermo schrieb man das Verlöschen der Pest 1624 ganz selbstverständlich der Fürbitte der Hl. Rosalia zu. In Paris suchte das Volk bei Genoveva, in Este bei Thekla, in Neapel bei Januarius Zuflucht. 1348 wurde der Bischof von Catania gebeten, mit den Reliquien der hl. Agatha nach Messina zu kommen, wogegen das Volk seiner Stadt vehement protestierte. So kam es konsequenterweise, wie der Zeitzeuge Michele da Piazza berichtete, zu Bittgängen von Messina nach Catania. Dabei sah man schon damals – etwa vierzig Prozent der Europäer wurden Opfer des „Schwarzen Todes“! – Bittprozessionen und Bittgottesdienste durchaus ambivalent. Clemens VI. und einzelne Bischöfe erließen hier, wie später viele ihrer Nachfolger, erstaunlich restriktive Maßnahmen. 1656 verbot Papst Alexander VII. in Rom für zahlreiche römische Kirchen Gottesdienste und Prozessionen. Die von Orazio Benevoli komponierte „Missa in angustia pestilentiae“ wurde im Petersdom bei verschlossenen Türen uraufgeführt! Ein Dispens von den Sterbesakramenten kam allerdings nur als „ultima ratio“ in Frage.

Geheiligte Gegenstände

Durch Legenden geheiligte Gegenstände wie das im Mailänder Dom verehrte Pestkreuz des Karl Borromäus, das Kreuz in San Marcello al Corso in Rom, vor dem Papst Franziskus im Frühjahr betete, ein im schwäbischen Kloster Bebenhausen verehrter „Sebastianspfeil“ oder die Schädelreliquie Sebastians im bayrischen Ebersberg verstärkten noch die Überzeugung, dass zunächst einmal Gott Macht über die Seuche hatte, privilegierte Heilige ihn hier aber umstimmen konnten. Hierzu trug freilich auch der Umstand bei, dass die akademische Schulmedizin bis ins späte 19. Jahrhundert weder Ursache noch Verbreitungsmodus der Pest kannte und jeder Therapieversuch, von suggestiven Wirkungen abgesehen, scheitern musste.

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Nur selten wurde die Vorstellung der göttlichen Strafe hinterfragt. Der Dichter Francesco Petrarca gestand 1348 die Verdorbenheit seiner Generation zwar ein, bezweifelte aber, dass frühere Generationen weniger gesündigt hatten. „Weshalb hat sich nach deinem Urteil, o Gerechtester, die Wut deiner Rache ausgerechnet auf unsere Zeit gestürzt?“, lautete seine provokante Frage. Wo lag die Gerechtigkeit, wenn Gute starben und die Bösen überlebten? Hatte Gott nach dem Sündenfall die Welt einfach den Launen der Natur überlassen? Hatte ein Pestkranker seine Sünden womöglich schon im Diesseits abgebüßt? Galt er gar, wie es teilweise im Islam der Fall war, als Auserwählter Gottes? Bereits Cyprian von Karthago hatte in seiner Schrift „De mortalitate“ (253) erklärt, dass ein Seuchentod nur für „Juden, Heiden und die Feinde Christi“ furchtbar sei, für Christen dagegen die heilbringende Belohnung für irdische Mühsale. Wie sehr das Problem der Theodizee zu Pestzeiten selbst von Laien diskutiert wurde, zeigt eine Passage der Cortusio-Chronik (Padua 1364): „Der allmächtige Gott will nicht den Tod des Sünders, sondern dass dieser sich bekehrt und weiterlebt. Er droht zunächst nur, schlägt ihn dann aber [mit Krankheit], damit sich das Menschengeschlecht bekehre, nicht dass es zugrunde gehe. [Nur] deshalb will er die Menschen mit furchtbaren Seuchen strafen.“ Die Pest wurde hier, heute sicher befremdlich, als notwendiges Zuchtmittel Gottes gesehen (vgl. Hebr. 12,5).

Gottes Zorn als Ursache von Seuchen

Der Überzeugung, dass Gottes Zorn die entscheidende Ursache von Seuchen darstelle, stand jene gegenüber, dass diese auch von bösen Geistern verbreitet würden, ja teuflischen Ursprungs sein konnten. In der in Literatur und Kunst verbreiteten Vorstellung des „Triumphs des Todes“ wies der Todesreiter meist fratzenhafte Züge auf. Teufel und Tod schienen demnach, wie es auch der berühmte Kupferstich Dürers zeigt, eng verbunden. Basilius der Große (330–379) verteidigte Heilmaßnahmen mit frommer Logik nur in Fällen, wo Magie und Dämonen wirksam waren, die Krankheit also nicht von Gott kam – auch Christus hatte ja Kranke von Geistern befreit. Die anfängliche christliche Skepsis gegenüber der Medizin, die sich auf heidnische Autoritäten wie Hippokrates und Galen berief (sie zeigte sich von Tertullian bis zu Gregor von Tours), wich bald breiter Akzeptanz. Nicht die Seuchenbekämpfung, die ja als Aktion gegen Gottes Intentionen verstanden werden konnte, war zunächst ihr Ziel (die Erfolglosigkeit der Mediziner auf diesem Gebiet schien die Theologie nur zu bestätigen!), sondern die Behandlung individueller menschlicher Leiden. Doch bot sich Ärzten nach Psalm 41,2 zumindest eine moralische Chance: „Wohl dem, der sich des Schwachen annimmt; zur Zeit des Unheils wird der Herr ihn retten“. 1348 flehte der Florentiner Dichter Antonio Pucci: „Oh ihr Ärzte, ihr Priester und Bettelbrüder, besucht aus Nächstenliebe diejenigen, welche nach euch verlangen, zeigt an ihnen eure Güte.“ Nicht alle Ärzte, nicht alle Geistlichen waren mutig, wobei man sich aus heutiger Sicht fragen kann, ob ein ärztlicher Einsatz zum damaligen Zeitpunkt nicht mehr Gefahren als Vorteile brachte. Wer es sich leisten konnte, beherzigte, ob Arzt oder Nichtarzt, eher den alten Ratschlag Galens, „schnell und weit“ („cito et longe“) zu fliehen!

„Pesttheologie“ in der Reformation

Vergleicht man die Welt des Spätmittelalters mit jener der Reformatoren, so scheint sich die „Pesttheologie“ kaum geändert zu haben. Der württembergische Reformator Johannes Brenz sah den Grund „für alle andern Sucht, Plagen und Kranckheit“ in Gottes Enttäuschung über die Menschheit. Heiligenverehrung und wohltätige Stiftungen wurden natürlich abgelehnt (was nicht ausschloss, dass der Pfarrer von St. Sebald in Nürnberg während der Pest 1543 klagte, dass man nach wie vor „zu den hl. Rochus, Sebastian und Barbara laufe“). Radikale Calvinisten störte es zudem, wenn Ärzte und Behörden zu Vorsicht und Prophylaxe mahnten – entsprach ihrer Meinung nach doch jede Pestseuche und jede individuelle Ansteckung Gottes Vorsehung!

Die anfangs erwähnte Haltung der heutigen Bischöfe blendet aus, dass Seuchensituationen wie die aktuelle Corona-Pandemie eine vertiefte geistliche Reflexion erfordern und nicht nur Mahnungen zur Disziplin und zum sozialen Engagement. Wenn Gott nichts mit der Seuche zu tun hat – wie ist sie dann theologisch erklärbar? Läge es nicht nahe, die Geschichte Hiobs gleichfalls als „zynisch“ abzutun? Es fehlt ein theologisches Modell „in epidemia“, das Gläubigen auf höherer Ebene Geborgenheit schenkt (wobei klar ist, dass historische Glaubensmuster hier nur bedingt hilfreich sind). Die objektive Tatsache, dass die Corona-Seuche, zumindest was die Letalität und Mortalität angeht, nicht mit den großen Katastrophen der Vergangenheit gleichgesetzt werden kann, gibt immerhin Zeit zur Reflexion.

Der Autor ist Arzt, Medizin- und Kunsthistoriker und war bis zu seiner Emeritierung Direktor des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin an der Universität zu Köln.
 

Kurz gefasst

Für die Kirchen stellt die COVID-19-Epidemie nicht bloß eine soziale und politische, sondern auch eine theologische Herausforderung dar. Bis zum 18. Jahrhundert wurde „der zürnende Gott“ noch als durchaus plausible Ursache von Epidemien angesehen. Angesehene Theologen sahen sie auch als Prüfungen Gottes oder als Werk von Dämonen. Obgleich dies heute befremden mag, so fehlt aktuell doch ein theologisches Modell, das Krankheit und Leid mit Gottes Güte und Allmacht in Einklang zu bringen vermag und Gläubigen in der Gefahr Trost und Geborgenheit schenken kann.

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