Einsichten

Prälat Wilhelm Imkamp: „Lernen, von den Letzten Dingen zu sprechen“

Die Theologie hat Prälat Wilhelm Imkamp durchs Leben begleitet. In Rom begann er als Student, seine Bibliothek auszubauen, die heute 20 000 Bände umfasst. Am 27. September wird er 70. Ein Gespräch über offene theologische Fragen und gewonnene Einsichten.
Prälat
Foto: Frank Bauer | Herr und Hund verbringen ihre Zeit gern in der Bibliothek: Prälat Wilhelm Imkamp und sein lateinkundiger Mops Albizzi.

Die Theologie hat Prälat Wilhelm Imkamp durchs Leben begleitet. In Rom begann er als Student, seine Bibliothek auszubauen, die heute 20 000 Bände umfasst. Am 27. September wird er 70. Ein Gespräch über offene theologische Fragen und gewonnene Einsichten Von Regina Einig

Herr Prälat, vor gut 50 Jahren haben Sie sich entschieden, Priester zu werden. Was fasziniert Sie an diesem Beruf?

Die Faszination am Priesterberuf ist sicher für jeden anders geartet, aber für mich liegt sie in der Möglichkeit, für Mensch und Gesellschaft verbindlich zu wirken, das heißt: Mir selbst und denen, die mir zuhören, aufzuzeigen, wie der Weg in die ewige Seligkeit ist. Es ist der Weg der Sakramente, und die Sakramente werden vom Priester gespendet. So entsteht auch eine sakrale Atmosphäre der Mitmenschlichkeit.

Bleiben wir beim priesterlichen Wirken in der Gesellschaft. Die Kirche wird heute in der Öffentlichkeit immer weniger wahrgenommen. Unter welchen Voraussetzungen ist dieser Trend umkehrbar?

Voraussetzung für jede Wahrnehmung im öffentlichen Raum ist die Erkennbarkeit. Wenn man bei einem Text nicht mehr direkt unterscheiden können, ob er vom Deutschen Gewerkschaftsbund, dem Roten Kreuz, Amnesty International oder der Deutschen Bischofskonferenz stammt, dann ist das ein Problem. Klarheit führt zu Verständlichkeit, und Verständlichkeit setzt Eindeutigkeit voraus.

Welche Konsequenzen haben Sie daraus gezogen?

Ich habe versucht, in meiner Zeit in Maria Vesperbild genau das zu beherzigen, und der Erfolg war auch da. Die Menschen sind heute nicht desinteressiert. Die meisten sind auch nicht direkt kirchenfeindlich, sondern sie wissen einfach nicht mehr, wofür die Kirche steht. Die Kirche steht letztlich für das ewige Seelenheil, das heißt für die Dimension, die besagt: Menschliches Leben kann über alle Zeit- und Raumgrenzen hinausgehen – und zwar auch noch in einer wunderschönen Weise. Dieses Paket hat sonst niemand im Angebot, nur müssen wir es auch sagen.

Lesen Sie auch:

Die fehlende Identifizierbarkeit der Kirche hängt mit unterschiedlichen theologischen Sichtweisen zusammen. Wenn Sie eine Liste der am dringendsten zu klärenden Fragen in der Theologie aufstellen sollten, was würden Sie darauf setzen?

Erstens: Die Enteschatologisierung der Theologie und des Glaubens muss rückgängig gemacht werden. Wir müssen wieder lernen, von den Letzten Dingen zu sprechen. Zweitens: Es muss verbindlich geklärt werden, wie verschiedene Aussagen des Zweiten Vatikanischen Konzils zu verstehen sind. Da wäre eine authentische lehramtliche Interpretation vielleicht doch überlegenswert. Und drittens liegt mir der Begriff der Tradition besonders am Herzen. Die heilige Überlieferung ist ein ganz wichtiges theologisches Unterscheidungsmerkmal zu allen christlichen Denominationen. Auch da sollten wir uns besinnen: Was ist das? Wie funktioniert es? Der Traktat „De sacra traditione“ bräuchte dringend eine Wiederbelebung.

Stichwort Zweites Vaticanum: Welche Aussagen müsste man klären?

Fangen wir an mit „Lumen gentium“, der Konstitution über die Kirche. Wie verhält sich die Nota previa zum Text der Konstitution selbst? Es geht bei der Religionsfreiheit darum, diese Aussagen zeitgenössisch zu kontextualisieren und so die Frontstellung einer falsch verstandenen Vergangenheit aufzuheben.

Schauen wir in die Vergangenheit: Sie haben an der Gregoriana in Rom studiert. Was war gut? Was hätte besser laufen können? Eine Manöverkritik, bitte!

Je älter ich werde, umso dankbarer bin ich für meine Studienzeit an der Gregoriana. Sowohl die Universität wie auch das Germanicum hatten eine ausgezeichnete Bibliothek. Wir hatten eigentlich die Creme de la creme der Theologen: René Latourelle SJ, Maurizio Flick SJ, Juan Alfaro SJ, Louis Ligier SJ, Zoltan Alszeghi SJ und Karl Josef Becker SJ. Alle waren Jesuiten, hielten hervorragende Vorlesungen und waren als Priester überzeugend. Sie kamen aus verschiedenen Nationen und waren dem gleichen Ideal verpflichtet. Von der Eschatologie, die Candido Pozo SJ gelesen hat, zehre ich noch heute. Auch der Kirchenhistoriker Friedrich Kempf SJ war in seinem Bereich eine Spitzennummer. Mich haben diese Professorenpriester schon damals beeindruckt.

Warum?

Sie lebten eine Einheit von wissenschaftlicher Theologie, Spiritualität und Alltag. Das ist heute bei den Krawattenträgern unserer theologischen Fakultäten in Deutschland kaum vorstellbar und war es auch damals schon nicht. Dieses Studium hat mein ganzes Leben geprägt und war insgesamt großartig. Wenn man in dieser Form studiert hat, ist man nicht mehr auf einen Sprachraum fixiert, sondern man weiß, dass in der weltweiten theologischen Landschaft deutsche Fakultäten nur Provinzorte sind. Das hilft, wenn man manche Dinge aushalten muss. Man sieht sich selbst auch nur als kleine Partikularität in einem riesigen Kosmos.

Welche Vorlesung hat sich Ihnen besonders eingeprägt?

Die klaren Vorlesungen des französischen Jesuiten Liget über die Eucharistie und die Vorlesungen des Neuzeithistorikers Giacomo Martina SJ. Liget war ein kleiner, liebenswürdiger Mann, Martina in Prüfungen zwar eher unzugänglich, hatte aber ein ungeheures Wissen. Er ließ in Prüfungen auch andere Ansichten gelten, bohrte aber genau nach. Als ich ihn zehn Jahre nach Studienabschluss in einer Sitzung der Konsultoren der Heiligsprechungskongregation traf, war ich sehr erleichtert, als er dasselbe sagte wie ich.

Sie haben nur Positives erwähnt. Und die Schwachstellen?

Ausgerechnet die Vorlesungen in alter Kirchengeschichte waren unterirdisch. Ich bin aber auch dafür dankbar. Hart war der Prüfungsdruck. Auch wenn im Nachhinein viel hängengeblieben ist, war das für manchen zu belastend. Dann gab es natürlich auch Vorlesungen, in die ich nicht gegangen bin. Ich erinnere mich aber nicht mehr an den Namen des Exegeten, der später geheiratet hat, denn man konnte Exegese auch am Biblicum hören. Dort lehrte Pater Maximilian Zerwick SJ, ein großartiger Wissenschaftler und Priester.

Was ist Ihnen insgesamt von Rom geblieben?

Eine heftige Zuneigung zur Stadt Rom und zur „romanitas“, das heißt: die grundsätzliche Haltung der Verehrung und Wertschätzung römischer Werte. Wenn unsere Religion ein irdisches Zentrum hat, dann ist es Rom. Die römische Geschichte ist mit der katholischen Kirche so eng verbunden, dass man beides gar nicht auseinanderreißen kann. Die „romanitas“ würde ich manchen Deutschen wünschen. Es würde helfen, in einem breiten Horizont zu denken, zu fühlen und auch zu beten und nicht nur auf das zu hören, was hier gesagt wird. Der Katholik ist immer über nationale Grenzen hinaus angelegt. Ein Katholik kann kein Nationalist sein, allenfalls ein Patriot. Eines der schönsten Paulusworte ist: „Ich bin ein römischer Bürger“.

Bei Ihren jüngeren Mitbrüdern geht der Trend weg von der Theologie der 60er und 70er Jahre und auch weg von nationalen Sonderwegen. Überrascht Sie dieses Interesse an der Tradition?

Das Interesse ist in den letzten 20 Jahren stetig gewachsen. Ich halte es sogar für natürlich. Wenn man jungen Leuten im Studium theologische Abrissbirnen anbietet, regt sich ein natürlicher Widerstand. Ich hoffe nur, dass diese theologische Jugend auch von besonnenen Priestern geführt wird und nicht, wie es zu meiner Zeit normal war, mehr oder weniger radikalen Umerziehungsversuchen ausgesetzt wird. Ich halte die Reaktion der Jugend für ein sehr positives Zeichen. Alles, was von theologischen Ruinenlandschaften wegführt, zeugt vom Wirken des Heiligen Geistes.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
Themen & Autoren
Regina Einig Amnesty International Bibliotheken Fakultäten Geistliche und Priester Katholikinnen und Katholiken Katholische Kirche Kirchen und Hauptorganisationen einzelner Religionen Kirchengeschichte Maria Vesperbild Prälatinnen und Prälaten Rotes Kreuz Theologinnen und Theologen Vorlesungen

Kirche

Eröffnung der zweijährige Weltsynode im Vatikan
IM BLICKPUNKT

Für eine Kirche, die anders ist Premium Inhalt

Die bis 2023 dauernde Weltsynode beginnt mit der größten Befragung der Menschheitsgeschichte. Über die Gründe für diesen vom Papst gewollten Prozess kann man nur spekulieren.
16.10.2021, 17 Uhr
Guido Horst