Rom

Müssen wir uns impfen lassen?

Niemand Geringerer als Papst Franziskus scheint zu glauben, dass es eine moralische Pflicht zur Impfung gibt. Doch so einfach, wie der Papst es sich hier macht, ist es nicht.

Der "papa emeritus" hat es getan. Und auch Papst Franziskus hat vergangene Woche die erste von zwei Impfdosen erhalten, die Menschen davor schützen sollen, schwer an COVID-19 zu erkranken. Rund 10000 Impfdosen des mRNA-Impfstoffes Comirnaty hatte der Vatikan bei dem deutsch/US-amerikanischen Konsortium Biontech/Pfizer bestellt. Genug, um neben den Angestellten des Heiligen Stuhls auch deren mitversicherte Angehörige sowie die Pensionäre zweimal im Abstand von drei Wochen impfen zu lassen. Doch auch im Vatikanstaat ist die Impfung freiwillig. Bereits vor Weihnachten sollten die Beschäftigten des Heiligen Stuhls erklären, ob sie von dem Angebot Gebrauch machen wollen oder nicht.

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Ethische Handlung

Daran ändern auch die inzwischen ergangenen markigen Worte von Papst Franziskus nichts. Der hatte im Interview mit dem TV-Sender "Canale 5" aus seinem feurigen, argentinischen Herzen keine Mördergrube gemacht und gesagt: "Ich glaube, dass sich aus ethischen Gründen alle impfen lassen sollten." Das sei "keine Option", das sei "eine ethische Handlung". Wer eine Impfung ablehne, setze nicht bloß "seine Gesundheit und sein Leben aufs Spiel", sondern auch "das Leben der anderen". 

Man kann das verstehen. Tags zuvor war, wie "Vatican-News" meldete, der Leibarzt des Papstes, Fabrizio Soccorsi, der wegen eines Krebsleidens am Fest des Heiligen Stephanus in die römische "Gemelli"-Klinik eingeliefert worden war, aufgrund von Komplikationen, die im Zuge einer SARS-CoV-2-Infektion auftraten, im Alter von 78 Jahren verstorben. 

Tragischer Hintergrund

Ein tragischer Umstand, der die Aussage von Franziskus verständlich und nachvollziehbar macht. Richtig wird sie dadurch nicht. Denn eine moralische Pflicht, sich gegen COVID-19 impfen zu lassen, kann es nicht geben. Jedenfalls nicht zum gegenwärtigen Zeitpunkt. Aber der Reihe nach: Das Vakzin, mit dem sich sowohl der Papst als auch der "papa emeritus" inzwischen impfen ließen, ist ein nach einem völlig neuen Verfahren entwickelter Impfstoff. "Völlig neu" bedeutet hier: Der erste nach diesem Verfahren für den Einsatz am Menschen bedingt zugelassene Impfstoff. Denn tatsächlich wird an der Herstellung von mRNA-Impfstoffen bereits seit rund 20 Jahren geforscht.

Auch bei der Entwicklung von Impfstoffen gegen die Viren SARS und MERS wurde dieser Ansatz bereits verfolgt, kam jedoch nicht zum Zuge. Womöglich hätten mehr Geduld und mehr Geld schon damals für einen Durchbruch sorgen können. Fakt ist: In den sich 2002 und 2012 jeweils "nur" regional statt global ausbreitenden Epidemien fehlte es an beidem. Dass mit dem Biontech/Pfizer- und dem Moderna-Impfstoff derzeit zwei mRNA-Impfstoffe die Nase vorn haben, hängt auch damit zusammen. Ihre Entwickler konnten auf Erkenntnissen aufbauen, die im Zuge der versuchten Abwehr gegen zwei andere Corona-Viren gewonnen wurden.

Schnelle Entwicklung

Das schmälert die Entwicklungsleistung nicht, erklärt aber unter anderem, warum die Impfstoffe in derart kurzer Zeit zunächst Notfallzulassungen in Großbritannien und den USA sowie später eine bedingte Zulassung für das Inverkehrbringen in den 27 EU-Mitgliedsstaaten erhielten. Betrachtet man die Impfstoff-Entwicklung der mRNA-Impfstoffe rein wissenschaftlich   dann kann man Biontech/Pfizer, dem US-amerikanischen Biotechnologieunternehmen Moderna und dem niederländischen Biopharmazieunternehmen Curevac mit Firmensitz in Tübingen, der einen weiteren, noch nicht zugelassenen mRNA-Impfstoff entwickelt hat, nur gratulieren. Niemals zuvor wurden in der Medizingeschichte so schnell so hochwirksame Vakzine gegen einen Erreger entwickelt. 

Das ändert nichts daran, dass auch die mRNA-Impfstoffe nicht in der Lage sind, die Dogmen der Pharmakologie außer Kraft zu setzen, deren Wichtigstes lautet: Keine Wirkung ohne Nebenwirkung! Welche Nebenwirkungen die gegen COVID-19 entwickelten mRNA-Impfstoffe hervorrufen können, ist noch nicht abschließend geklärt. Und das nicht aus Desinteresse oder Nachlässigkeit, sondern weil es schlicht unmöglich ist, binnen derart kurzer Zeit sämtliche selten auftretende Nebenwirkungen zu identifizieren und auf mögliche Kausalität hin zu überprüfen. 

Impfung ist Risikoabwägung

Ohnehin ist jede Impfung eine Abwägungsfrage, bei welcher der Betreffende den zu erwartenden Nutzen gegen potenzielle Risiken abwägen muss. Und die kann, weil es dabei viele Faktoren zu berücksichtigen gilt, zu höchst unterschiedlichen Ergebnissen führen. Was für Hochrisikopatienten ein Segen sein mag, stellt für einen gesunden Menschen mit funktionierendem Immunsystem womöglich ein unnötiges Risiko dar. Generell gilt: Je höher die mit einer Infektionskrankheit einhergehende Letalitätsrate ausfällt, desto höher muss auch ein bloß geringer Nutzen einer Impfung veranschlagt werden und desto geringer sind die Risiken, die mit ihr einhergehen können, zu gewichten. 

Laut der John Hopkins-Universität haben sich bis Januar weltweit mehr als 91 Millionen Menschen mit dem SARS-CoV-2-Virus infiziert. Im selben Zeitraum sind mehr als 1,9 Millionen Menschen "an und mit" COVID-19 verstorben. Demnach beträgt die weltweite Letalitätsrate 2,1 Prozent. Zum Vergleich: Bei der SARS-Epidemie 2002 betrug die Letalitätsrate 9,6 und bei der MERS-Epidemie (2012) 34,4 Prozent. Bei der 2009 durch das Virus H1N1 ausgelösten "Schweinegrippe" betrug die Letalitätsrate 0,02 Prozent. 
Klar ist, bei einer Letalitätsrate von 2,1 Prozent ist das Risiko, schwer oder gar tödlich an COVID-19 zu erkranken, ganz offensichtlich nicht für jeden gleich hoch.

Verträglichkeit nicht hinreichend belegt

Bedenkt man zudem, dass die beiden bislang in der Europäischen Union erhältlichen Impfstoffe außerdem von der EU-Kommission nur für Personen ab 16 Jahre (Biontech/Pfizer) beziehungsweise ab 18 Jahre (Moderna) eine bedingte Zulassung erhalten haben, dann kann von einer generellen ethischen Pflicht, sich impfen zu lassen, ohnehin derzeit keine Rede sein. Denn für Menschen, die jünger als 16 beziehungsweise 18 Jahre alt sind, ist weder die Wirksamkeit noch die Verträglichkeit der Impfstoffe bislang hinreichend belegt. 

Eine weitere, interessante Frage ist, ob oder gegebenenfalls wann der Einzelne ethisch verpflichtet ist, die Risiken einer Impfung auf sich zu nehmen, um nicht nur sich selbst, sondern auch andere vor einer möglichen Erkrankung zu schützen. Bei einem hochinfektiösen Virus wie SARS-COV-2 stellt sich diese Frage dabei sicher drängender, als bei einem Virus, das sich nicht so schnell und   oft unbemerkt   verbreitet. Doch auch hier kann es keine eindeutige Antwort geben. Nicht nur, weil die Risiken, die der Einzelne dazu auf sich nehmen müsste, bisher nicht hinreichend klar konturiert sind, sondern auch, weil die mögliche Gefährdung anderer höchst unterschiedlich ausfallen kann. So macht es zum Beispiel einen gewaltigen Unterschied, ob jemand von Beruf Rettungssanitäter oder Milchbauer ist. Während ersterer ständig mit vulnerablen Personen in Kontakt kommt und dabei auch keine Abstandsregeln einhalten kann, stellt sich dies für den Milchbauern völlig anders dar. 

Berufliche Pflicht

Eine ethische Pflicht, sich impfen zu lassen, besteht jedoch auch für den Rettungssanitäter nicht. Zwar lässt sich argumentieren, dass jemand, der diesem Beruf nachgeht, eine besondere Verantwortung trägt und dieser nur dann gerecht wird, wenn er von ihm ausgehende Risiken eliminiert. Das verpflichtet jedoch allenfalls den Arbeitgeber, nur Menschen als Rettungssanitäter einzusetzen, die auch bereit sind, sich impfen zu lassen. Den Sanitäter selbst enthebt es nicht (und zwar jedes Mal neu) abzuwägen, ob er das Risiko einer Impfung für vertretbar hält. 

Im Falle einer Impfung gegen das SARS-COV-2-Virus wird diese Abwägung dadurch erschwert, dass bislang nicht nur die Dauer des Schutzes ungeklärt ist, die eine Impfung dem Geimpften gewährt, sondern auch, ob und inwieweit die bisher erhältlichen Impfstoffe für eine "sterile Immunität" sorgen. Ist diese nicht gegeben, dann verhindert die Impfung "lediglich", dass der Geimpfte selbst schwer an COVID-19 erkrankt, nicht jedoch, dass er sich mit dem Virus infiziert und womöglich an andere weitergibt. Daher ist eine Diskussion um eine Impfpflicht für Mitarbeiter in Krankenhäusern, Alten- und Pflegeheimen, wie sie unter anderem der Bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) losgetreten hat, zum derzeitigen Zeitpunkt auch eine reine Phantomdiskussion. Eine, die von vielen Beschäftigten im Gesundheitswesen zu Recht als rücksichtslos empfunden wird. Denn solange die Impfstoffe bei den Geimpften keine sterile Immunität sicherstellen, bedeutet eine Impfpflicht für Angestellte im Gesundheitswesen, dass von ihnen erwartet wird, derzeit nur unzureichend kalkulierbare persönliche Risiken auf sich zu nehmen, um selbst nicht auszufallen, aber eben keineswegs, um andere nicht zu gefährden. 

Ethische Bringschuld

All das bedeutet nicht, dass es für den Einzelnen überhaupt keine ethische Bringschuld gegenüber der Gesellschaft und ihren Mitgliedern gäbe. Sich bei Symptomen testen zu lassen und sich im Falle einer Infektion in Quarantäne zu begeben, einen wirksamen Mund- und Nasenschutz zu tragen oder generell Abstand zu halten, um andere nicht zu gefährden, all das mag der Einzelne in der SARS-CoV-2-Pandemie seinen Mitmenschen durchaus schulden. Jedoch eine Körperverletzung zu dulden, deren mögliche Folgen zum derzeitigen Zeitpunkt so wenig abschätzbar sind, wie der Umfang des tatsächlichen Nutzens, den die Impfstoffe dem Einzelnen bieten, gehört sicher nicht dazu. 

 

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06.03.2021, 13  Uhr
Stefan Rehder
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