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Wissenschaftler fordern, Deutschland solle in die menschliche Embryonen verbrauchende Forschung einsteigen – Eine Analyse.

Sanft im Ton, brutal in der Sache. Mit dieser, für biopolitische Forderungskataloge bislang eher ungewöhnlichen Kombination, lässt sich die vergangene Woche veröffentlichte Stellungnahme der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina und der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften zusammenfassen. Denn das 55-seitige Papier, das den Titel „Neubewertung des Schutzes von In-vitro-Embryonen in Deutschland“ trägt, ist bei Licht betrachtet ein Frontalangriff auf den ohnehin nur noch rudimentär vorhandenen Embryonenschutz.

Gelesen werden muss das Papier im Zusammenhang mit einer weiteren, 2019 veröffentlichten Stellungnahme beider Institutionen, die ebenso wie die jetzige in der „Schriftenreihe zur wissenschaftsbasierten Politikberatung“ erschien und mit „Fortpflanzungsmedizin in Deutschland – für eine zeitgemäße Gesetzgebung“ überschrieben wurde. Damals schrieb diese Zeitung dazu: „Der deutsche Embryonenschutz, obgleich löchrig wie ein Schweizer Käse, nervt. Deshalb soll er weg. Mit einem Gutachten, das Eckpunkte für ein ,zeitgemäßes‘ Fortpflanzungsmedizingesetz offeriert, wollen Wissenschaftler nun den letzten Sargnagel einschlagen“. Las sich diese Stellungnahme wie ein zentnerschweres Konjunkturprogramm für die Reproduktionsmedizin, so geht es nun darum, die dabei in Serie produzierten Embryonen neuen Zwecken zuzuführen und die Wertungsschöpfungskette der Fortpflanzungsindustrie zu verlängern.

„Hochrangige Forschungsziele“

Der Gesetzgeber solle – so die Empfehlung der Wissenschaftsakademien – Paaren, die sich für eine künstliche Befruchtung interessieren, die Möglichkeit eröffnen, sogenannte „überzählige“ Embryonen für „hochrangige Forschungsziele“ zu spenden. Als solche erachten die Akademien etwa „Grundlagen der Embryonalentwicklung und der frühen Krankheitsentstehung“. Ferner „könne diese Art der Forschung auch bei der Beantwortung wichtiger Fragen der Fortpflanzungsmedizin helfen“ und dazu beitragen, „Unfruchtbarkeit besser zu behandeln, die Überlebensfähigkeit und gesunde Entwicklung von Embryonen bzw. Föten in der Schwangerschaft zu verbessern und Frühgeburten zu verhindern“. Letztlich wird hier die Fortpflanzungsindustrie als perpetuum mobile gedacht, das aus der Verwertung seiner Überproduktion neue Energie für einen hochtourigeren Antrieb bezieht. Ein Konzept, das sich beinah bewundern ließe, wäre es nicht so pervers.

Gerne würde man zur Ehrenrettung der Wissenschaftsakademien anführen, dass sie die Embryonen, die Forschern gespendet werden sollen, nicht als Menschen betrachten, sondern lediglich, wie es in der Stellungnahme heißt, als „01,-0,2 Millimeter große Zellkugeln“. Nur geht das leider nicht. Denn Wissenschaftsakademien müssen wissenschaftliche Thesen und Befunde reflektieren. Wer ihnen unterstellte, sie wüssten nicht, dass sie einen menschlichen Embryo unterbestimmen, wenn sie ihn als „0,1-0,2 Millimeter große Zellkugel“ ausgeben, nimmt sie nicht ernst.

Die Existenz beginnt als Zellkugel

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Jedes Mitglied der fünfzehnköpfigen Arbeitsgruppe weiß, dass seine eigene Existenz genauso begann: nämlich als 0,1-0,2 Millimeter große Zellkugel. Und jedes Mitglied weiß auch, dass sich alle diese „Zellkugeln“, die Paare künftig der Forschung spenden können sollen, unter normalen Bedingungen zu nichts anderem entwickeln als zu großen „Zellhaufen“. Zu Zellhaufen, die jenen, als die sie selbst erscheinen, in nichts nachstehen. Dass ein großer Zellhaufen einen kleinen zum Zweck des fremdnützigen Erkenntnisgewinns der Vernichtung anheimgeben will, welcher er selbst aufgrund glücklicher Umstände entkommen ist, zeugt von einer Brutalität des Denkens, die schwer zu übertreffen ist.

Nicht brutal, aber auch nicht aufrichtig, ist, wie die Akademien die Frage nach dem moralischen Status des Embryos behandeln. So heißt es etwa in der Stellungnahme: „Eine ethische und rechtliche Maximalposition schreibt dem Embryo von der Befruchtung der Eizelle an einen vollen moralischen Status zu. Nach dieser Auffassung hat bereits der frühe menschliche Embryo den Anspruch auf denselben Lebens- und Würdeschutz wie der geborene Mensch.“

Wissenschaftler als Lobbyisten

Die Bezeichnung „Maximalposition“ rückt deren Vertreter – ob intendiert oder nicht – in ein nachteiliges Licht. Dies umso mehr, als die Akademien ihre Stellungnahme ja an die Politik adressiert haben, die gewohnt ist, Kompromisse auszuhandeln. In der Politik sind „Maximalpositionen“ schlecht beleumundet und werden oft als Synonym für „radikal“ betrachtet. Das lässt sich verstehen. Denn tatsächlich gibt es viele Politikfelder, auf denen man gut beraten ist, Kompromisse zwischen Maximal- und Minimalpositionen auszuhandeln, so etwa beim Mindestlohn, dem Spitzensteuersatz oder dem Bezug von Sozialleistungen. Die Frage, welchen moralischen Status ein menschlicher Embryo besitzt, ist jedoch von einer anderen Natur. Sie lässt sich nicht mit Kategorien wie „maximal“ oder „minimal“ und daher auch nicht mit „Kompromissen“ beantworten, sondern nur mit solchen wie „zutreffend“ oder „unzutreffend“, respektive „richtig“ oder „falsch“. Wissenschaftler, die der Politik hier dennoch einen anderen Weg weisen wollen, nehmen sich selbst nicht ernst. Sie wechseln die Profession und werden zu Lobbyisten.

Für Wissenschaftler, die sich selbst ernstnehmen und von anderen ernstgenommen werden wollen, dürfte auch die Verbreitung „moralischer Intuitionen“ allenfalls als „Phänomen“ von Interesse sein, nicht jedoch als „Argument“. Denn es liegt beispielsweise auf der Hand, dass sich die moralische Intuition, die den Menschenhandel für verwerflich erachtet, in Sklavenhaltergesellschaften keiner besonderen Verbreitung erfreut. Wäre es anders, wären sie keine Sklavenhaltergesellschaften. Nur macht die mangelnde Verbreitung einer entsprechenden moralischen Intention den Sklavenhandel noch lange nicht zu einer moralisch akzeptablen Praxis. Und wer in solchen Gesellschaften dagegen aufbegehrte, verträte nicht etwa eine „Maximalposition“, sondern die einzig richtige.

Biologische Wechselwirkungen

Erstaunen darf auch, dass sich die Stellungnahme ausführlich nur mit dem sogenannten Potentialitätsargument befasst, das nach Ansicht der Autoren „ein zentrales Argument der Vertreterinnen und Vertreter des strikten Embryonenschutzes ist“. So heißt es in Stellungnahme beispielsweise: „Die Befürwortung dieses Arguments kann mit der Vorstellung einhergehen, Embryonen entwickelten sich unter gunstigen Bedingungen gewissermaßen aus eigener Kraft zu einem Baby, wenn man es nur zuließe.“ Gerade In-vitro-Embryonen zeigten jedoch „augenfällig, wie wenig dies zutrifft: Sie mussten erst aktiv in den hormonell vorbereiteten Körper einer Frau ubertragen werden, um überhaupt eine Chance auf die Einnistung in deren Gebärmutter zu haben. Und von da an bedarf es (...) permanenter biologischer Wechselwirkungen zwischen der schwangeren Frau und dem Embryo, um dessen Potenzial gegebenenfalls zur Entfaltung zu verhelfen.“

In Wirklichkeit ist das Potentialitätsargument jedoch nur eines von vielen, die jene ins Feld führen, welche die Ansicht vertreten, ein im Labor erzeugter menschlicher Embryo besitze dasselbe Recht auf Leben und verdiene denselben Schutz seiner Würde wie geborene Menschen. Spezies, Kontinuität, Identität, Potentialität – so lauten die sogenannten „SKIP-Argumente“, mit denen sich der Anspruch eines Embryos auf Schutz von Leben und Würde begründen lässt.

Das Gedankenexperiment

Begnügen wir uns anstelle ausführlicher Erläuterungen einmal mit einem Gedankenexperiment: Stellen wir uns einen ausgewachsenen Hochschullehrer vor. Denken wir zum Beispiel an Jochen Taupitz, maßgeblicher Autor beider Stellungnahmen und Rechtswissenschaftler an der Universität Mannheim. Herr Taupitz gilt als brillanter Kopf und steht – übrigens völlig zu Recht – im Ruf, der führende Medizinrechtler in Deutschland zu sein. Sperren wir ihn in unserem Gedankenexperiment allein in einen Hörsaal, kappen wir das W-LAN und konfiszieren wir sein Handy. Herr Taupitz hätte nun jede Möglichkeit verloren, Studenten in Medizinrecht zu unterrichten. Verliert er damit aber auch seinen Status als Rechtswissenschaftler und Hochschullehrer?

Analog zu den SKIP-Argumenten tut er das aus vier Gründen nicht: Weil er a) zur Wissenschafts-Spezies der Rechtswissenschaftler zählt, er b) sich als solcher kontinuierlich entwickelt hat (Jurastudium, Examina, Promotion, Habilitation), er c) mit dem Jochen Taupitz identisch ist, dessen Existenz als 0,1-0,2 Millimeter große Zellkugel begann und der als großer Zellhaufen später einen Lehrstuhl erwarb. Und weil er, obgleich wir ihm aktuell die Möglichkeit dazu genommen haben, d) auch weiterhin tatsächlich das Potential besitzt, Studenten in Jura zu unterrichten.

Versagen als Menschen

Es ist auch nicht korrekt und im Grunde sogar unredlich, wenn die Autoren der Stellungnahme das Potentialitätsargument als das „prominenteste und wichtigste der SKIP-Argumente“ bezeichnen. Denn im Rahmen der SKIP-Argumente kommt dem Potentialitätsargument lediglich eine subsidiäre Aufgabe zu. Es richtet sich an jene, die sich zu akzeptieren weigern, dass der menschliche Embryo als Mitglied der Spezies Mensch (Spezies-Argument) bereits die Bedingungen erfüllt, die seine Artgenossen zwingen, seine Würde und die auf ihr basierenden Rechte, insbesondere jenes, nicht getötet zu werden, anzuerkennen.

Von einer solchen Anerkennung sind die Autoren der Stellungnahme Lichtjahre entfernt. Die Wahl des Titels „Neubewertung des Schutzes von In-vitro-Embryonen“ ist zwar formal korrekt, schließlich fordern die Akademien von der Politik genau dies, suggeriert jedoch zugleich, für diese Forderung gäbe es neue wissenschaftliche Erkenntnisse. Dies ist nicht der Fall. Es gibt nur neue Interessen. Wissenschaftler, die diese befriedigen wollen, indem sie Deutschlands Einstieg in eine Embryonen verbrauchende Forschung den Weg bahnen, enttäuschen nicht bloß als Wissenschaftler. Sie versagen zudem als Menschen.

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