Kirche und Medien

Inszenierte Grenzüberschreitung

Wer die Pille verwechselt, löst keine moraltheologische Kehrtwende aus. Der Buchautor Hubert Hecker zeigt, warum der Kölner Kliniken-Skandal des Jahres 2013 in Wahrheit ein Medienskandal war.
Katholische Klinik St. Vinzenz
Foto: Henning Kaiser (dpa) | Das Kölner Heilig Geist-Krankenhaus stand 2013 im Zentrum der medialen Kritik.

Im sogenannten Kölner Kliniken-Skandal ging es um Abweisung einer mutmaßlich Vergewaltigten und um die Verweigerung einer Beratung zur „Pille danach“. Die wissenschaftliche Klärung der Frage, wie eine „Pille danach“ wirkt (abtreibend oder nicht?) war Endpunkt einer sich anschließenden moralisch-wissenschaftlichen Mediendebatte. Dabei wurden die richtigen moralischen Prinzipien auf die falsche Pille bezogen, was wohl mangelnder Sachkenntnis der Berater geschuldet war.

Autor Hubert Hecker weist in seinem neuen Buch nach, dass es sich im Jahr 2013 nicht nur um einen Kliniken-Skandal, sondern eher um einen Medienskandal handelte. „Beteiligte Journalisten hatten keinesfalls einen Skandal aufgedeckt (…), sondern einen Skandalfall durch journalistische Grenzüberschreitungen inszeniert.“ Merkmale späterer Medienskandale, wie etwa dem um Claas Relotius, wie sie im Buch von Juan Moreno („1000 Zeilen Lügen, Rowohlt 2019) beschrieben sind, waren auch hier vorzufinden. Falsche Erwartungen wurden bedient und die Akteure wurden mit Journalistenpreisen ausgezeichnet, weil sie viel Staub aufgewirbelt hatten. Alles hätte so sein können, wie es in der Zeitung stand – aber eigentlich war es ziemlich anders.

Junge Frau fand sich auf einer Parkbank wieder

Unumstritten waren einige Tatsachen des Erstberichts vom 16.1.2013 im Kölner Stadtanzeiger: „Eine junge Frau in Begleitung ihrer Mutter betritt die Praxis an der Kempener Straße und berichtet, sie sei am Freitag auf den Kölner Ringen unterwegs gewesen und erst am Samstagnachmittag auf einer Bank in einer Seitenstraße in Kalk zu sich gekommen. Sie könne sich weder daran erinnern, wie sie dort hingekommen sei, noch was sich in der Zwischenzeit ereignet habe.“ Der Verdacht von K.O.-Tropfen stand im Raum, die Polizei wird eingeschaltet. Zur Sicherung von Spuren solle eine gynäkologische Untersuchung erfolgen. Auf das Risiko einer Schwangerschaft wird hingewiesen und ein Rezept für die „Pille danach“ wird ausgestellt.

Meisterstück der Akribie

Doch bei der Einschaltung eines katholischen Krankenhauses, das zu diesem Zeitpunkt nicht mehr zu forensischen gynäkologischen Untersuchungen befähigt war, beginnen die Spekulationen ins Kraut zu schießen. Diese setzen sich aus Vermutungen und Gerüchten von der Krankenstation und von Zuspitzungen einer Ambulanzärztin („Abweisung“, „Hilfeverweigerung“) zusammen. Es ist das Verdienst des Autors Hubert Hecker hier im Nachhinein für eine klärende Aufarbeitung gesorgt zu haben. Der Verfasser des Buches hat sich durch Publikationen und Reaktionen in Presse, Funk und Fernsehen gewühlt und ein Meisterstück der Akribie abgeliefert. Er präsentiert die Fakten hinter dem Skandal, klopft Formulierungen und die Prinzipien der Skandalisierung ab. Er klärt auf über die zum Teil misslungenen Versuche aller Beteiligten – auch der kirchlichen –, Falschmeldungen abzuwehren oder richtigzustellen.

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Am Ende wurde die ernüchternde Wahrheit klar: die betroffene junge Frau war gar nicht im Krankenhaus gewesen, sie war nicht vergewaltigt worden, und sie war auch nicht schwanger. Eine Ambulanzärztin, die von ihr aufgesucht wurde, tat das einzig Richtige, ergriff die Initiative und wollte eine gerichtsfeste Untersuchung im Falle einer Vergewaltigung erhalten. Sie tat alles, um das auch zu erreichen. Doch das von ihr in Köln als erstes angerufene katholische Krankenhaus war zum gewählten Zeitpunkt nicht dazu in der Lage und nicht mehr dazu befähigt.

Konstruierte Behauptung

In dem Kölner Blatt wurde dann redaktionell die allgemeine Behauptung konstruiert, das Krankenhaus hätte ein Vergewaltigungsopfer abgewiesen, katholische Kliniken würden Heilbehandlungen verweigern und kirchliche Krankenhäuser unterließen Hilfe in Notsituationen. Die Behauptung, dass es ein generelles Beratungsverbot über Wirkung und Nebenwirkungen der „Pille danach“ in kirchlichen Einrichtungen gebe, war ohne Grundlage. Es wurde ein Skandal von Bevormundung, eine Art katholische Verschwörungstheorie gegen Frauen in Not konstruiert. Vorsichtsregeln der Recherche wurden in den Sack gehauen. Zwischenergebnis war ein bundesweiter Mediensturm gegen Kölner Kliniken, gegen medizinische Einrichtungen der Kirche und nicht zuletzt auch gegen Kardinal Meisner.

Auf einer Pressekonferenz am Tag nach der Erstpublikation wies die Krankenhausgeschäftsführung die Falschbehauptungen des Kölner Stadtanzeigers vom Beratungsverbot und der unterlassenen Hilfeleistung zurück. Mit der Vorlage einer hausinternen Ethikrichtlinie konnte man die regelhaft gewollte Aufnahme, Untersuchung und Beratung von Vergewaltigungsopfern nachweisen.

Fatale Schuldeingeständnisse

Für Hubert Hecker wird im weiteren Verlauf klar: In Wirklichkeit ist der sogenannte Kölner Kliniken-Skandal ein Medienskandal. Strategie: Ein in seinen Folgen konstruiertes Einzelereignis sollte die Unmenschlichkeit der katholischen Lehre zu Lebensschutz und Sexualität als Extremfall von unterlassener Hilfeleistung vor Augen führen – immer unter der Prämisse, dass es in solchen Situationen keine Alternativen und – im Falle einer seltenen Schwangerschaft nach Vergewaltigung – keinen anderen Ausweg gibt als Abtreibung und den Tod des ungeborenen Kindes. Gleichzeitig war der Fall eine mustergültig gelungene Marketingaktion für das Bekanntwerden der Abtreibungspille – ein Aspekt, den Hecker andeutet, aber nicht weiter untersucht.

In der heißen Phase der skandalträchtigen Veröffentlichungen und danach ließen sich dann auch die kirchlichen Pressestellen, wie der Autor aufzeigt, zu Schnellschüssen verleiten, die entweder sachlich nicht stimmten oder etwas Richtiges dementierten. Manchmal wurde mangels genauer Kenntnis auch Falsches als bewiesen gelten gelassen. Fatale Schuldeingeständnisse an Stellen, wo es gar keine Schuld eines kirchlichen Krankenhauses gab, führten zu weiterer Verwirrung.

Keine Kehrtwende von Kardinal Meisner

Selbst Kardinal Meisner hatte unter dem medialen Zeitdruck nicht genügend Fachkompetenz zur Seite, um in pharmakologischen Fragen und der Wirkungsweise der verschiedenen „Pillen danach“ ausreichend Differenzierung zu bieten. Der Kardinal vertrat die richtigen Prinzipien, sie wurden aber aufgrund falsch erklärter Wirkweisen den falschen Pillen zugeordnet. Dabei war das Gewirr aus verschiedenen Wirkmechanismen eines Gestagen-Hormons und der korrekten Definition von „Ovulationshemmung“ (Verhinderung des Eisprungs, nicht Verhinderung der Nidation oder Einnistung) von Relevanz. Selbst eine schriftliche „Erklärung“ des Kardinals zur ‚Pille danach‘ hatte in diesem Kontext zwiespältige Folgen, erläutert Hecker.

Die Analyse des Buchautors kommt zu dem Resümee: Der damalige Kölner Erzbischof bekräftigte die Lehre der Kirche zum unbedingten Lebensschutz. Er vollzog keine moraltheologische „Kehrtwende“, wie die beteiligten Presseorgane aus Köln es meinten. Andererseits sorgte die Behauptung für Verwirrung, es gebe neben der abtreibenden ‚Pille danach‘ auch eine, die nicht abtreibend wirke. Und diese sei moralisch eher unproblematisch, weil sie nur theoretisch die Nidation hemmt. Welcher Mechanismus bei einem Gestagen zum Tragen kommt, das hängt auch vom Zeitpunkt der Einnahme im Monatszyklus ab, wie wir vom Autor erfahren.

Diesen Komplex aus medizinisch-ethischen Fragen und den zum Teil schludrigen Formulierungen einiger tagesaktueller Print- und Funk-Medien aufgelöst, analysiert, geordnet zu haben, ist der wichtige Beitrag dieses Buches.

Prämierte Erregungskultur

Zwei Medienforen zeichneten später die beiden an der Skandalisierung hauptbeteiligten Redakteure des Kölner Stadt-Anzeigers Joachim Frank und Peter Berger mit Journalistenpreisen aus, was für Hecker eine Verschiebung der Wertehaltung im Journalismus darstellt.

„Die Jurys gaben den medialen Effekten wie Öffentlichkeitswirkung und Publikumsakzeptanz den Vorzug vor den berufsethischen Kriterien von Recherchesorgfalt und Wahrheitsanspruch.“

Eine Analyse der Preisreden ergibt, dass die Skandalbeiträge in Hinblick auf die öffentliche Erregungskultur prämiert wurden. „Die Jurys gaben den medialen Effekten wie Öffentlichkeitswirkung und Publikumsakzeptanz den Vorzug vor den berufsethischen Kriterien von Recherchesorgfalt und Wahrheitsanspruch.“ In diesen Preisverleihungen bestand nach Einschätzung des Buchautors der zweite Akt des Kölner Medienskandals. Eine wissenschaftliche Entlarvung stellte die Bezeichnung der „Pille danach“ als „Abtreibungspille“ bei der Preisverleihung bloß, da dies in der laufenden moraltheologischen Debatte weitestgehend bestritten worden war.


Das Buch:

Hubert Hecker
Der Kölner Kliniken-/ Medienskandal.
Eine Fallstudie zu Skandalisierungsprozessen,
Schwarmjournalismus und Medienpreisen.

Verlag heckmedien, Dornburg 2021.
196 Seiten, 11,00 Euro.

 

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