Heilige

Der Heilige Vinzenz von Lérins: Unterscheidung von Häresie und Wahrheit

Die Kirche war zu Zeiten des Heiligen Vinzenz von Lérins mit verschiedenen Irrlehren konfrontiert. Deswegen formulierte der Heilige einen Satz, der allen Gläubigen helfen sollte, die Wahrheit des katholischen Glaubens von der Häresie zu unterscheiden. Er prägt das katholische Theologieverständnis bis heute.
Vinzenz von Lérins
| Vinzenz von Lérins.

An der Côte d'Azur, gegenüber von Cannes, liegt die Inselgruppe der Îles de Lérins. Hier befindet sich auf der Insel Saint-Honorat ein Zisterzienserkloster, in dem gegenwärtig 21 Mönche leben. Im Gästehaus der Mönche, malerisch gelegen zwischen den eigenen Weinbergen des Klosters sowie einem Park aus Pinien und Kakteen, haben Männer, Frauen und Familien Gelegenheit, eine Zeit der geistlichen Einkehr zu verbringen. Neben der Abteikirche liegen sieben Kapellen über die kleine Insel verstreut.

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Wenig biographische Daten bekannt

Die Zisterzienser sind seit 1869 auf Saint-Honorat, aber die Wurzeln der Mönchsgemeinschaft reichen bis ins fünfte Jahrhundert zurück, als sich einige Männer dem heiligen Honoratus anschlossen, der hier als Einsiedler lebte. Bedeutende Bischöfe gingen aus der Gemeinschaft hervor, auch der heilige Patrick von Irland soll einige Zeit auf Saint-Honorat gelebt haben. Hier lebte und wirkte auch der Kirchenvater Vinzenz von Lérins, dessen Gedenktag die Kirche am 24. Mai feiert.

Aufgrund seines zurückgezogenen Lebens als Mönch sind über Vinzenz nur wenige biographische Daten überliefert. Er stammte wahrscheinlich aus dem nördlichen Gallien, dem heutigen Belgien. Sein Werk lässt eine solide klassische Bildung erkennen, weshalb anzunehmen ist, dass er aus der gallischen Oberschicht kam. Er führte zunächst ein weltliches Leben. Um das Jahr 425, als nicht mehr ganz junger Mann, hatte er ein Bekehrungserlebnis und schloss sich daraufhin den Mönchen um den heiligen Honoratus an, die nach der „Regel der vier Väter“, der ältesten Klosterregel Galliens, lebten.

„Es ist in der katholischen Kirche selbst entschieden
dafür Sorge zu tragen,
dass wir das festhalten, was überall, was immer
und was von allen geglaubt wurde"

Im Jahr 434 verfasste Vinzenz unter dem Pseudonym „Peregrinus“ das Commonitorium, das einzige Werk, das ihm mit Sicherheit zugeordnet werden kann. Er erwähnt darin, dass das Konzil von Ephesos drei Jahre zurückliege, daher ist die genaue Datierung möglich. In einer Zeit, in der die Kirche sich mit Irrlehren verschiedener Art – wie dem Donatismus, dem Arianismus und dem Pelagianismus – auseinandersetzen musste, wollte Vinzenz darin die Frage beantworten, „wie ich auf einem sicheren und sozusagen allen zugänglichen und geraden Weg die Wahrheit des katholischen Glaubens von der Falschheit der häretischen Verkehrtheit zu unterscheiden vermöge“.

Er stützte sich dabei auf die Theologen vor ihm, vor allem der Kirchenvater Irenäus von Lyon und auch der Schriftsteller Tertullian, konnte aber seine Gedanken systematischer formulieren. So gelang ihm die klassische Formulierung des katholischen Traditionsprinzips: „Es ist in der katholischen Kirche selbst entschieden dafür Sorge zu tragen“, schrieb er im Commonitorium, „dass wir das festhalten, was überall, was immer und was von allen geglaubt wurde; denn das ist im wahren und eigentlichen Sinn katholisch. Darauf weist schon die Bedeutung und der Sinn des Wortes hin, das alles in der Gesamtheit umfasst.“

Prägend für das Erste Vatikanische Konzil

Dieser Satz ist bis heute gültig und unterscheidet das katholische vom protestantischen Glaubensverständnis, das vom Prinzip „sola Scriptura“ geprägt ist.
Auch über die Frage des Fortschritts in der katholischen Lehre machte Vinzenz sich Gedanken. Er schrieb: „Erkenntnis, Wissen und Verständnis sollen wachsen, ja kräftig voranschreiten, sowohl der Einzelnen als auch der ganzen Kirche, aber nur auf die ihr eigene Weise, das heißt in derselben Lehre, demselben Sinn, derselben Auffassung.“ Dieser Satz wurde vom Ersten Vatikanischen Konzil in der Konstitution „Dei Filius“ zitiert und ist ebenfalls bis heute bindend für das katholische Theologieverständnis.

Abschließend schrieb Vinzenz: „Daher ist ohne Zweifel die gesetzmäßige und richtige Norm des Fortschritts, die feststehende und schönste Ordnung des Wachstums diese, dass die Zahl der Jahre immer bei den Erwachsenen die Teile und Formen ausgestaltet, die schon bei den Kleinen die Weisheit des Schöpfers grundgelegt hatte.“

Auch in der Orthodoxie verehrt

Vinzenz von Lérins starb wahrscheinlich um das Jahr 450. Er stand zunächst in Saint-Honorat im Ruf der Heiligkeit und wurde später in das Heiligenverzeichnis Martyrologium Romanum aufgenommen. Seit 2017 wird er auch in der Orthodoxie als Heiliger verehrt.

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