Wochenheiliger

Der heilige Johannes Kalybites: Der Sohn im nächsten Bettler

Schon früh verspürte der heilige Johannes Kalybites eine Faszination des Klosterlebens. Gegen den Willen seiner Eltern trat er den Akoimeten bei. Wie der Heilige letztlich seine Eltern bekehrte
Johannes Kalybites
Foto: Archiv | Der "Taschenevangeliar" Johannes Kalybites fühlte sich früh zum Klosterleben hingezogen. Nachdem er sich der Gemeinschaft der Akoimeten angeschlossen hatte, verspürte er den Ruf zur Armut und wurde Bettler.

Einige Vorschläge zum geistlichen Leben, die ihm besonders am Herzen liegen, wiederholt Papst Franziskus immer wieder – besonders im Rahmen des Angelusgebets am Sonntag und in der wöchentlichen Generalaudienz. Dazu gehört die Aufforderung, immer ein kleines Evangelium bei sich zu tragen, um bei Gelegenheit darin zu lesen. Der Vorschlag erinnert an die antike Praxis der Akoimeten, einem Mönchsorden im Konstantinopel des 5. Jahrhunderts. Einer der Mönche war der heilige Johannes Kalybites; sein „Taschenevangeliar“ wird heute auf dem Berg Athos aufbewahrt. Es spielte in der Lebensgeschichte des Heiligen, dessen Gedenktag in der katholischen Kirche ebenso wie in der Orthodoxie am 15. Januar gefeiert wird, eine wichtige Rolle.

Flucht von zu Hause

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Von Johannes Kalybites existieren mehrere Lebensbeschreibungen in griechischer und anderen orientalischen Sprachen, die viele legendenhafte Elemente aufweisen, sodass sich seine Biographie nur in groben Zügen rekonstruieren lässt. Wahrscheinlich wurde er um 420 in Konstantinopel, dem heutigen Istanbul, geboren. Seine Eltern Eutropius und Theodora – beide werden in der syrisch-orthodoxen Kirche als Heilige verehrt – gehörten der wohlhabenden Oberschicht an. Johannes hatte zwei ältere Brüder, die den Fußstapfen des Vaters folgten und Karriere im Militär- und Staatsdienst machten, während er selbst sich von Kindheit an zum Mönchtum hingezogen fühlte.
Als Johannes noch ein Kind war, hatte der Mönch Alexander in seiner Heimatstadt die Gemeinschaft der Akoimeten gegründet, die rasch anwuchs.


Etwa 300 Mönche lebten in dem Kloster, als Johannes mit etwa fünfzehn Jahren einen von ihnen kennenlernte. Die Spiritualität der Akoimeten war sehr biblisch orientiert, und jeder Mönch war verpflichtet, immer ein Evangeliar bei sich zu tragen. Sie legten die Bibel wörtlich aus, vor allem die Aufforderung Jesu, „allzeit zu beten“: Daraus entwickelten die Akoimeten die Praxis, dass die Mönche im Wechsel die Liturgie feierten, so dass in dem Kloster das ganze Jahr hindurch rund um die Uhr gebetet und Gottesdienst gefeiert wurde. Johannes fühlte sich von ihrem Leben angezogen, wusste aber, dass seine Eltern den Klostereintritt nicht gutheißen würden. So bat er sie um ein Evangeliar, ohne seine Absichten mitzuteilen, und die Eltern besorgten ihm ein kostbares Exemplar, wie es ihrem Stand entsprach: Mit Goldschrift, Miniaturen und einem goldenen und mit Edelsteinen verzierten Deckel. Aufgrund dieses kostbaren Buches bekam er den Beinamen „Besitzer des goldenen Evangeliums“, nachdem er von zuhause geflohen war und sich den Akoimeten angeschlossen hatte.

Berufung zur Armut

Nach sechs Jahren im Kloster verspürte Johannes einen weiteren göttlichen Ruf. Er legte das Mönchsgewand ab, kleidete sich in Lumpen und setzte sich als Bettler vor das Eingangstor des elterlichen Palastes. Die Eltern erkannten ihn nicht, und die Mutter gab den Dienern den Auftrag, den schmutzigen Bettler wegzujagen, während sein Vater sich barmherziger zeigte und seine Frau wegen ihrer Hartherzigkeit tadelte. Um den Streit zu schlichten, ergriff der oberste Palastdiener die Initiative: Er ließ neben dem Eingangstor zum Palast eine kleine Hütte erbauen, in der Johannes – immer noch unerkannt – die folgenden drei Jahre verbrachte.
Schließlich spürte er seinen frühzeitigen Tod herannahen, und erst jetzt gab er sich zu erkennen, indem er seinen Eltern das kostbare Evangeliar zeigte, das sie ihm einst geschenkt hatten. Die Erkenntnis, dass der Bettler ihr eigener Sohn war, erschütterte die Eltern zutiefst und führte sie zu einer inneren Umkehr. Anstelle der Hütte, in der Johannes verstorben war, ließen sie eine Kapelle erbauen und wandelten ihren Palast in ein Pilgerhospiz um.
Im neunten Jahrhundert veranlasste Papst Formosus die Überführung der Reliquien von Johannes Kalybites nach Rom. Sie ruhen dort bis heute in der nach ihm benannten Kirche auf der Tiberinsel, die zu einem Krankenhauskomplex gehört, der ebenfalls nach dem „Besitzer des goldenen Evangeliums“ benannt ist.

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