Heilige

Clara Fey: Kinder zu Jesus führen

Ein Porträt zur Seligsprechung von Clara Fey. Von Katrin Krips-Schmidt
Die neue Selige Clara Fey
Foto: IN

Wenn am kommenden Samstag im Hohen Dom zu Aachen die Ordensgründerin Clara Fey vom Präfekten der Kongregation für die Selig und Heiligsprechungsprozesse, Angelo Kardinal Amato, zur Ehre der Altäre erhoben wird, rückt das heiligmäßige Wirken einer Frau in den Vordergrund, die sich vor zweihundert Jahren zum Ziel setzte, Leid und Bedrängnis der Jüngsten in der Gesellschaft zu mildern und sie „zu Jesus zu führen“, wie sie ihr Ansinnen einmal kurz zusammenfasste.

Das Zeitalter der Frühindustrialisierung war dadurch gekennzeichnet, dass vor allem Kinder der ärmeren Gesellschaftsschichten unfassbaren Lebensbedingungen ausgesetzt waren. Ihre Arbeitskraft war besonders in Bergwerken und in der Textilindustrie sehr gefragt, und so wurden sie seit Ende des achtzehnten Jahrhunderts ab dem sechsten Lebensjahr, mitunter sogar noch früher, in Fabriken täglich 12 bis 14 Stunden zur Kinderarbeit eingesetzt. Die Ausbeutung von Kindern und Jugendlichen führte zu Krankheit und Verwahrlosung. Zudem besuchten bedürftige Kinder auch keine Schulen.

Auf dieses Elend schon früh aufmerksam wurde Clara bereits als junges Mädchen, als ihre Mutter Katharina als Frau eines Tuchherstellers Sonntagsgespräche in ihrem Wohnhaus organisierte. Auch Clara war mit den drei Freundinnen Leocadia Startz, Wilhelmine Istas und Louise Vossen mit dabei. Ihre religiöse Prägung hatte die am 11. April 1815 als viertes von fünf Kindern in Eupen geborene und später nach Aachen umgesiedelte Clara an der „Städtischen weiblichen Erziehungsanstalt St. Leonhard“ erhalten. Dort kümmerte sich die Dichterin und Lehrerin Luise Hensel um die Erziehung der höheren Töchter. 19 ihrer 34 Schülerinnen sind später ins Kloster eingetreten, vier von ihnen haben eine eigene Kongregation gegründet, darunter auch Franziska Schervier und Pauline von Mallinckrodt. Das Vorbild der Luise Hensel, die 1832 beim Ausbruch der Cholera die Kranken in ihren armseligen Wohnungen pflegte, hinterließ einen nachhaltigen Eindruck bei ihren Schülerinnen. Auch Clara wollte die Not der Kinder lindern. Mit ihren Freundinnen rief sie am 3. Februar 1837 die erste Armenschule für verwahrloste Kinder und Jugendliche Aachens, das „Schülchen“ ins Leben. Ihren Beweggrund beschrieb sie 1856 in einer Betrachtung: „,Wer ein solches Kind in meinem Namen aufnimmt, der nimmt mich auf. Wir können also den Herrn aufnehmen. An Gelegenheit, ein armes Kind aufzunehmen, fehlt es uns nicht. Es kommt nur darauf an, dass wir es im Namen Jesu tun. Die Armen, insbesondere die armen Kinder, sind die besten Freunde Jesu. Er liebt sie so, dass er alles, was ihnen geschieht, ansieht, als sei es ihm geschehen.“

Doch das war erst der Auftakt zu Größerem. Aus einer tiefen Gottesliebe und Verpflichtung zum karitativen Einsatz für die bedürftigsten Kinder heraus entstand eine feste Güter- und Lebensgemeinschaft von Gefährtinnen, die sich zu einem ehelosen Leben zur Nachfolge Christi binden sollten. Claras Gemeinschaft, die Kongregation der „Schwestern vom armen Kinde Jesus“, wurde am 2. Februar 1844 als eine „religiöse Genossenschaft“ gegründet und am 12. Mai 1869 von Papst Pius IX. als Ordensinstitut päpstlichen Rechtes anerkannt. Der Anfang gestaltete sich indes äußerst schwierig. Auf der einen Seite war es keine leichte Aufgabe für Clara, die ja pädagogisch nicht vorgeschult war, die verwahrlosten Kinder zu sammeln, um sie zu unterrichten und religiös zu unterweisen. Außerdem beanspruchten das Projekt und das Haus, in dem es durchgeführt wurde, auch einiges an materiellen Mitteln. Die Ordensschwestern finanzierten ihre Mission durch ihr Erbe, bettelten und arbeiteten bis spät in die Nacht. Andreas Fey, Claras Bruder und Kaplan an der Klosterkirche der Dominikaner in Aachen, schrieb: „Die vier stricken sich in jeder freien Minute die Finger wund, um ein Kind mehr aufnehmen zu können.“

Dazu gesellten sich Widerstände der preußischen Behörden und der Kirche, die Gemeinschaft und deren Statuten anzuerkennen. Doch im Oktober 1847 wurden diese vom Erzbistum Köln, wenige Monate später vom Staat genehmigt. Ein wichtiges Anliegen war für Clara, in ihrer Gemeinschaft betrachtendes Gebet und tätige Arbeit miteinander zu verbinden: „Unser Beruf liegt ausgesprochen in dem Namen, den wir tragen: Schwestern vom armen Kinde Jesus. – Es heißt nicht ,Schwestern der armen Kinder‘, sondern ,Schwestern vom armen Kinde Jesus‘, woraus wir deutlich die Aufgabe erkennen, das beschauliche mit dem tätigen Leben zu vereinigen, welches von größter Wichtigkeit ist.“

In den folgenden zwanzig Jahren wuchs die Kongregation beständig an. Zahlreiche Postulantinnen strömten in das Aachener Mutterhaus, und in vielen Teilen Deutschlands wurden neue Waisenhäuser und Armenschulen errichtet. Knapp dreißig Jahre nach der Gründung gab es bereits 23 Niederlassungen mit 560 Schwestern, die 1 500 Mädchen als Internatsschülerinnen, 500 Kinder in Waisenhäusern sowie 12 000 Kinder in den Gemeinden und Grundschulen unterrichteten. Im Laufe des Deutsch-Französischen Krieges 1870/1871 pflegten die Schwestern zudem verwundete Soldaten in den Lazaretten.

Während des folgenden Kulturkampfes fielen sie dennoch den kirchenfeindlichen Maßnahmen Bismarcks zum Opfer. Fast sämtliche Niederlassungen wurden aufgelöst, die Schwestern kehrten ins Mutterhaus zurück. 1875 kam die offizielle Ausweisung aus Deutschland. Die Ordensfrauen verließen 1878 ihre Heimat und ließen sich in Mähren, Tirol, Luxemburg, Belgien, Frankreich und England nieder, wo sie überall willkommen waren. Im holländischen Simpelveld nahe der deutschen Grenze wurde das neue Mutterhaus errichtet, wo die Ordensleitung noch heute ihren Sitz hat. 1887 konnten die Schwestern nach dem Ende des Kulturkampfes wieder nach Preußen zurückkehren. Am 8. Mai 1894 starb Clara Fey im Alter von 79 Jahren im „Haus Loreto“ in Simpelveld.

Heute wirken 882 „Schwestern vom armen Kinde Jesus“ weltweit in 83 Konventen in Indonesien und in den Niederlanden, in Belgien, Kolumbien, Luxemburg, Österreich, Lettland und Peru. In Deutschland leben zweihundert Ordensschwestern. Ihre Generaloberin, Schwester Henriette Mensen, freut sich, wenn am 6. Mai, am Tag nach der Seligsprechung, die Reliquien der Ordensgründerin in der Aachener Kind-Jesu-Kapelle, der künftigen Verehrungsstätte für Clara Fey, feierlich beigesetzt werden: „Wir sind natürlich sehr froh und vor allem dankbar, dass wir hier am Urmutterhaus, also am Gründungsort unserer Kongregation, die sterblichen Überreste unserer Gründerin haben werden. Wir wünschen uns, dass die Verehrungsstätte dazu beiträgt, ihre Verantwortung, die sie besonders für benachteiligte Kinder empfunden hat, tiefer im Bewusstsein unserer heutigen Gesellschaft zu verankern.“

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