Budapest

27. Dezember: Die selige Sára Salkaházi

Sára Salkaházi war eine durch und durch unkonventionelle junge Frau. Mit 29 Jahren spürte sie eine starke Berufung, sich der Kongregation der "Schwestern des Sozialen Dienstes" anzuschließen.

„Die Schuhe am Donauufer“ ist der Name eines Mahnmals in Budapest, das an die Ermordung ungarischer Juden im Zweiten Weltkrieg erinnert. Die einzelnen Abschnitte des Donau-Kais in der ungarischen Hauptstadt sind nach Personen benannt, die sich für die Rettung von Juden eingesetzt haben, darunter die katholische Ordensfrau Sára Salkaházi. Sie wurde von der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vaschem zur „Gerechten unter den Völkern“ erklärt und 2006 seliggesprochen.

Buchbinderlehre und journalistische Tätigkeit

Sára Salkaházi war eine durch und durch unkonventionelle junge Frau. Ihre deutschstämmigen Eltern betrieben das elegante „Hotel Schalkaház“ im damals österreich-ungarischen Kassa, heute Košice in der Slowakei, wo Sará am 11. Mai 1899 geboren wurde. Als ungarische Patriotin änderte sie später ihren Nachnamen in „Sálkaházi“. Aus Patriotismus musste sie 1918 auch ihre erste Stellung als Volksschullehrerin wieder aufgeben, da sie sich weigerte, einen Treueeid auf die Tschechoslowakei zu leisten, an die ihr Heimatort nach dem Ersten Weltkrieg gefallen war. Eine Verlobung mit einem Gutsbesitzer löste sie auf eigene Initiative wieder auf.

Um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, machte Sára Salkaházi eine Buchbinderlehre und war journalistisch tätig, ab 1926 als Redakteurin des Organs der Christlichen Sozialisten in der Tschechoslowakei. Sie engagierte sich politisch, verstand sich als moderne, unabhängige Frau, saß gern in Kaffeehäusern und war Kettenraucherin.

Zunächst als Kandidatin abgelehnt

Mit 29 Jahren begegnete sie den wenige Jahre zuvor von Margit Slachta gegründeten „Schwestern des Sozialen Dienstes“, einer Kongregation, die Sozialarbeit mit benediktinischer Spiritualität verbindet. Sofort spürte sie eine starke Berufung, sich der Kongregation anzuschließen. Aufgrund ihres unkonventionellen Lebensstils wurde sie jedoch zunächst als Kandidatin abgelehnt. Daraufhin bemühte sie sich, ihr Leben zu ändern, und gab das Rauchen auf. Mit 30 Jahren wurde sie schließlich in die Kongregation aufgenommen.

Das Ordensleben erwies sich als sehr hart. Sará erhielt zahlreiche Aufgaben, vom Küchendienst bis hin zur Organisation eines Buchladens und einer Obdachlosenunterkunft. Von den Bischöfen wurde sie mit der Organisation der katholischen Mädchenbewegung betraut, für die sie Handbücher schrieb, Kurse gab und öffentliche Lesungen hielt. Als sie nach einigen Jahren Erschöpfungssymptome zeigte, wurde dies als Mangel an Berufung gedeutet und ihr zunächst die Erneuerung der Gelübde verweigert. Obwohl sie dieses Urteil sehr hart traf, zeigte sie Willenskraft und Durchhaltevermögen. 1940 konnte sie in Budapest endlich die ewige Profess ablegen.

Von den Nationalsozialisten erschossen

In der Zwischenzeit war der Zweite Weltkrieg ausgebrochen; Ungarn verbündete sich mit dem nationalsozialistischen Deutschland. Um die ungarischen Juden vor der Deportation zu schützen, nahmen die „Schwestern des Sozialen Dienstes“ zahlreiche von ihnen auf und versteckten sie in den von Sará geleiteten Mädchenheimen. Als Ungarn 1944 von den Deutschen besetzt wurde, tat diese einen weiteren heroischen Schritt: Mit Genehmigung ihrer Ordensoberen bot sie sich als Sühneopfer dar, mit der Bitte, dass alle anderen Schwestern verschont bleiben mögen.

Am Morgen des 27. Dezember 1944 hielt Sará in ihrer Gemeinschaft eine Meditation zum Thema „Martyrium“. Als sie anschließend zu einem der Mädchenheime ging, sah sie, dass dort eine Razzia stattfand. Mutig ging sie hinein und wurde zusammen mit zehn dort versteckten Juden festgenommen und zum Ufer der Donau geführt. Man befahl ihnen niederzuknien. Sará konnte noch rasch das Kreuzzeichen machen, bevor sie erschossen und ihr Leichnam in die Donau geworfen wurde. Alle anderen „Schwestern des Sozialen Dienstes“, die mit ihrem mutigen Einsatz insgesamt etwa 1.000 Juden gerettet haben, überlebten die schwere Zeit. Bis heute hält die Kongregation an jedem 27. Dezember an dem nach Sará Salkaházi benannten Donau-Kai eine Gedenkstunde für ihre Mitschwester, die für die Rettung der Juden und für den Schutz ihrer Kon- gregation freiwillig das Martyrium auf sich genommen hat.

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