Corona

Fehler verboten

Spekulationen, denen zufolge das SARS-CoV-2-Virus in einem chinesischen Labor in Wuhan erschaffen wurde, halten sich hartnäckig. Auch deshalb, weil es Experimente dieser Art tatsächlich gibt: Nur wird die sogenannte „gain-of-function“-Forschung in den USA und Europa genauso praktiziert wie in Asien.

Die These, der zufolge das SAR-CoV-2-Virus gar nicht natürlichen Ursprungs sein soll, sondern von chinesischen Forschern des Instituts für Virologie in Wuhan erschaffen und versehentlich freigesetzt worden sei, hat in den vergangenen Wochen neuen Auftrieb erhalten. Ein Grund: Ende Mai hatte US-Präsident Joe Biden die US-Geheimdienste angewiesen, ihre laufenden Bemühungen, den Ursprung der COVID-19-Pandemie zu ermitteln, zu verstärken und binnen 90 Tagen einen weiteren Bericht vorzulegen.

Wie der Präsident dabei offenbarte, hielten Teile der US-Geheimdienste das Szenario eines Laborunfalls für möglich. Bidens Amtsvorgänger Donald Trump hatte wiederholt vom „China-Virus“ gesprochen und erklärt, es gebe Hinweise dafür, dass das Virus aus einem Labor in Wuhan stamme. Belege für diese Behauptung präsentierte er jedoch nicht. Im April des vergangenen Jahres hatten die US-Geheimdienste noch wissen lassen, sie stimmten „mit dem breiten wissenschaftlichen Konsens überein, dass das COVID-19-Virus nicht von Menschen gemacht oder genetisch verändert wurde“, kündigten aber zugleich an, neue Erkenntnisse prüfen zu wollen.

Risse im Konsens

Mittlerweile hat auch der behauptete „breite wissenschaftliche Konsens“ zumindest Risse bekommen. Am 14. Mai veröffentlichten 18 Wissenschaftler im renommierten Wissenschaftsmagazin „Science“ unter der Überschrift „Untersucht die Ursprünge von COVID-19“ einen Brief. Darin bezeichnen sie die Theorien „der versehentlichen Freisetzung aus einem Labor“ und die der Übertragung einer vom Tier auf den Menschen übergehenden Krankheit als jeweils „tragfähig“. Zu den Unterzeichnern des Briefes gehören unter anderem der Epidemiologe Marc Lipsitch von der Harvard-University in Boston sowie Ralph Baric von der University of North Carolina in Chapel Hill. Das Bemerkenswerte hieran: Während Lipsitch als ausgewiesener Kritiker der sogenannten „gain-of-function“-Forschung gilt, beteiligt sich Baric an ihr und gilt als einer ihrer prominentesten Vertreter.

Neue Fähigkeiten für Viren

Bei der „gain-of-function“-Forschung, kurz auch GOF genannt, verleihen Forscher Viren im Labor neue Fähigkeiten, vornehmlich solche, die sie in der Natur gar nicht besitzen. Als einer der bekanntesten GOF-Forscher gilt der Virologe Ron Fouchier vom Erasmus Medicial Center in Rotterdam. 2011 hatten der heute 54-Jährige und sein Team hochpathogene Viren vom Typ H5N1 (Vogelgrippe) im Labor genetisch so verändert, dass diese von Frettchen auch über die Atemwege per Tröpfcheninfektion verbreitet werden konnten. Wie die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ (FAS) berichtet, bezeichnete Fouchier, die von seinem Team genetisch veränderten Viren anschließend als „die wahrscheinlich gefährlichsten Viren, die man herstellen kann“. Wenig später publizierte auch ein Team um den japanischen Virologen Yoshihiro Kawaoka von der University of Wisconsin in Madison eine Studie, in der sie behaupteten, Ähnliches erreicht zu haben. Bei ihren Experimenten kombinierten die Forscher H5N1-Hüllenproteine mit H1N1-Viren, einen Subtyp des auch bei Menschen vorkommenden Influenza-A-Virus. GOF-Forscher pflegen ihre Experimente damit zu begründen, eine gezielte Veränderung von Viren böte die Chance, deren Gefahrenpotentiale zu erkennen, noch bevor sie in der Natur mutierten und zu einer Bedrohung für die Menschheit würden. Kritiker sehen das allerdings ganz anders.

Verrückte Forschung

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Einer von ihnen ist Steven Salzberg. Der 61-Jährige ist Professor für Biomedizinische Technik, Informatik und Biostatistik und leitet das Centrum für Computerbiologie der Johns-Hopkins University in Baltimore. Salzberg hält GOF-Forschung mit „allen Viren, Bakterien und anderen Krankheitserregern für verrückt“. „Menschen, die sie ausführen“, handelten „gedankenlos“. Im Interview mit dem Magazin „MIT Technology Review“ bezeichnet er die Wahrscheinlichkeit, dass ein Virus, das Forscher im Labor verändert hätten, um es ansteckender zu machen, „bei ordentlichen Sicherheitsvorkehrungen“ aus diesem entweiche, zwar als „extrem gering“. Käme es jedoch dazu, wäre der „Schaden“, der dabei verursacht werden könnte, allerdings „extrem groß“.

„Warum das in Kauf nehmen?“, fragt Salzberg, der den Nutzen der GOF-Forschung generell in Zweifel zieht. GOF-Forschung könne eine Gesellschaft auch nicht besser auf eine Pandemie vorbereiten. Und das die Hersteller von Impfstoffen auf der Basis der Ergebnisse von GOF-Experimenten „riesige Mengen an Impfstoffen“ für ein Virus produzierten, „das es so vielleicht niemals geben wird“, sei „einfach eine alberne Vorstellung“. Die „einzigen Vorteile“ der GOF-Forschung lägen, so Salzberg, „bei den Forschern selbst: Sie veröffentlichen Paper und erhalten Förderungen. Die ganzen Vorteile liegen bei ihnen, das Risiko aber bei der Gesellschaft.“

Angst vor Biowaffen

Auch Corona-Viren waren bereits Gegenstand von GOF-Experimenten. Ende 2015 publizierten Forscher aus Wuhan um Shi Zhengli und aus North Carolina um Ralph Baric einen Beitrag in der Fachzeitschrift „Nature Medicine“. Darin beschrieben sie, wie sie einen Hybriderreger erschufen, der Merkmale des ursprünglichen SARS-CoV mit denen eines Fledermaus-Coronavirus kombinierte. Das Ergebnis war ein Virus, das auch in menschliche Zellen einzudringen vermochte und in Labormäusen zu Infektionen führte. Dabei hatten die Ende 2011 von Forschern um Fouchier und Kawaoka publizierten Ergebnisse in der „scientific community“ hohe Wellen geschlagen.

Das US-amerikanische „National Science Advisory Board for Biosecurity“ forderte aus Angst, die Beschreibung der Experimente könnte Terroristen auf den Plan rufen und eine Art Bauanleitung für potenzielle Biowaffen darstellen, die Fachzeitschriften „Nature“ und „Science“ auf, auf die Publikation von Details zu verzichten. Nicht wenige Wissenschaftler verständigten sich auf ein freiwilliges Moratorium für die Dauer eines Jahres. 2014 stellte die US-Regierung unter Präsident Barack Obama sogar die Förderung der Forschung zunächst ein. Drei Jahre später wurde sie jedoch wieder aufgenommen. Dabei führte die US-Regierung eine neue Richtlinie für die Erforschung „verstärkter potenzieller Pandemie-Erreger“ ein.

Mangel an Transparenz

Der auch „P3CO“ genannte Rahmen schreibt Aufsichtsbehörden wie den National Institutes of Health (NIH) vor, Anträge auf Forschungsförderung einer besonderen Prüfung zu unterziehen. Dabei soll insbesondere geklärt werden, ob die beforschte Virusvariante als „Quelle“ einer für den Menschen potenziell gefährlichen Pandemie „glaubwürdig“ sei. Kritiker wie David Relman, Mikrobiologe von der Stanford University und Mitglied des „National Science Advisory Board for Biosecurity“, stellt das nicht zufrieden. Gegenüber der „New York Times“ kritisierte Relman kürzlich den Mangel an Transparenz. So würden weder die Namen der Entscheider veröffentlicht, noch werde das Verfahren benannt, nachdem diese entschieden, ob ein geplantes GOF-Experiment die beantragten Gelder erhalte. Ferner gelte der „P3CO“-Rahmen nur für Aufsichtsbehörden, die wie die NIH dem US-amerikanischen Gesundheitsministerium unterstellt seien. GOF-Forschung könne aber auch mit Mitteln der „National Science Foundation“, des Pentagon oder anderen Behörden bezuschusst werden, von institutionellen privaten Geldgebern ganz abgesehen.

Menschen schützen

In Deutschland nahm 2015 der „Gemeinsame Ausschuss zum Umgang mit sicherheitsrelevanter Forschung“ (GA) der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina die Arbeit auf. Er soll laut eigener Darstellung „das Bewusstsein für sicherheitsrelevante Aspekte der Forschung, den verantwortungsvollen Umgang mit sicherheitsrelevanter Forschung und die diesbezügliche Selbstregulierung der Wissenschaften nachhaltig stärken“. Alle zwei Jahre – zuletzt 2020 – veröffentlicht der GA einen Tätigkeitsbericht. Die Berichte sollen „einen Überblick über den Stand internationaler Debatten zu ausgewählten Forschungsfeldern, rechtlichen Rahmenbedingungen und Förderungsvoraussetzungen sowie zum Umgang ausgewählter Verlage und Zeitschriften mit sicherheitsrelevanter Forschung“ geben. Ob das schon reicht, um Menschen in einer ethisch zunehmend orientierungsloser werdenden Welt erfolgreich davor zu bewahren, Opfer verunglückter GOF-Experimente zu werden, wird man bezweifeln dürfen.

In „Das Prinzip Verantwortung“, dem „Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation“ fordert der große jüdische Technikphilosoph Hans Jonas (1903-1993), bei technologischen Großprojekten – wozu sicher auch die genetische Veränderung von Viren im Labor mit ungewissem Ausgang zählt – gelte es, einer „Unheilsprophezeiung“ stets „mehr Gehör zu geben“ als einer „Heilsprophezeiung“. Denn mit „dem Ausgang unbekannter Experimente“ verhalte es sich wie mit dem „Treffen und Verfehlen eines Ziels“. Ihr glücklicher Ausgang sei – wie der Treffer – „nur eine von unzähligen Alternativen, die alle sonst mehr oder weniger weite Fehlschüsse sind“. Könne man sich „in kleinen Dingen“ noch „derer viele um der selteneren Erfolgschance willen leisten“, seien es „bei den großen Dingen nur wenige und in den ganz großen, irreversiblen (…) eigentlich gar keine“.

KURZ GEFASST

Der gefährlichen Natur müsse der verantwortlich handelnde Mensch stets einen Schritt voraus sein. So wird für gewöhnlich die „gain-of-function“-Forschung begründet, bei der Viren im Labor genetisch mit dem Ziel verändert werden, sie für Menschen gefährlicher zu machen. Was aber, wenn die eigentliche Gefahr der Mensch selbst ist, der getrieben von dem Wunsch, sich die Natur dienstbar zu machen, keinerlei ethische Grenzen akzeptiert?

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