Forschung

Der über Leichen geht

In den USA darf wieder mit fetalem Gewebe geforscht werden, das aus den Leichen abgetriebener Kinder gewonnen wird. Wissenschaftliche Gründe gibt es dafür nicht. Wohl aber identitätspolitische. Dagegen protestiert nun die katholische Kirche.
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Der Vorsitzende des Lebensschutz-Komitees der US-amerikanischen Bischofskonferenz, Kansas Citys Erzbischof Joseph Fred Naumann, hat die Aufhebung der von der Trump-Administration erlassenen Grenzen für die Forschung mit menschlichem Fetalgewebe durch die Regierung von US-Präsident Joe Biden kritisiert. In einer Pressemitteilung erklärte Naumann kürzlich: „Die Körper von Kindern, die durch Abtreibung getötet wurden, verdienen den gleichen Respekt wie die anderer Personen.“ Die Regierung habe „kein Recht, unschuldige Abtreibungsopfer als Ware zu behandeln, die nach Körperteilen durchsucht wird, die sich für die Forschung eignen“.

Es sei „unethisch, Forschung zu fördern und zu subventionieren, die zur Legitimation der Gewalt bei Abtreibungen führen kann“. Forscher hätten gezeigt, dass sich „effektive wissenschaftliche Forschung betreiben“ und „wirksame klinische Behandlungen entwickeln“ ließe, „ohne das Gewebe abgetriebener Babys zu verwenden“. Zudem sei es „für Millionen von Amerikanern zutiefst beleidigend, wenn unsere Steuergelder für Forschungszwecke verwendet werden, die mit einer Industrie zusammenarbeiten, die auf dem Tod unschuldiger Menschen beruht“, so Naumann weiter. Er rufe „die Biden-Administration auf, stattdessen Forschung zu finanzieren, die nicht auf Körperteilen unschuldiger Kinder zurückgreift, die durch Abtreibung getötet wurden“.

Gewebe von abgetriebenen Föten

Mitte April hatte die zuständige Aufsichtsbehörde, die „National Institutes of Health“ (NIH), angekündigt, Forscher könnten künftig für die Entwicklung von Medikamenten gegen Diabetes, Krebs, Aids oder Corona auf Gewebe von abgetriebenen Föten zurückgreifen. Biden löst damit ein Wahlkampfversprechen ein und setzte die Regeln wieder in Kraft, die bereits unter Trumps Vorgänger Obama gegolten hatten. Bidens Sprecherin, Jen Psaki, verteidigte die Entscheidung. Bei einer Pressekonferenz am 27. April sagte Psaki: „Wir glauben, dass es wichtig ist, in die Wissenschaft zu investieren und nach Möglichkeiten zu suchen, Krankheiten zu heilen, und ich denke, das wird dadurch hoffentlich geschehen.“

Worauf sich dieser Optimismus gründet, wird wohl Psakis Geheimnis bleiben. Denn ein Fundament in der Wirklichkeit besitzt er nicht. So gibt es bis heute weder ein Medikament noch eine Therapie, die aus der Forschung mit fetalem Gewebe oder embryonalen Stammzellen, die sich daraus isolieren lassen, hervorgegangen wäre.

Millionen Embryonen ausgeschlachtet

Dabei könnten die Welt und Psakis längst klüger sein. So erwartete der US-amerikanische Stammzellforscher James A. Thompsen, dem es 1998 als Erstem gelang, embryonale Stammzellen des Menschen dauerhaft im Labor zu kultivieren, von den als „Alleskönnern“ gehandelten Zellen eine „unbegrenzte Versorgung mit spezifischen Zelltypen zu Transplantationszwecken für eine ganze Reihe von Erkrankungen, vom Herzinfarkt über Morbus Parkinson bis zur Leukämie.“ Das war vor 23 Jahren. Ähnlich vollmundig versprach auch der Bonner Stammzellforscher Oliver Brüstle, der als erster Forscher in Deutschland mit menschlichen embryonalen Stammzellen zu arbeiten begann, um die Jahrtausendwende „Nervenzellen für Parkinson-Patienten, Herzmuskulatur für Infarktopfer, insulinbildende Zellen für Diabetiker und blutbildende Zellen für Leukämiekranke.“

Bis heute – mehr als zwei Dekaden später, in denen weltweit Millionen menschlicher Embryonen ausgeschlachtet und Milliarden Forschungsgelder verbrannt wurden – konnte kein einziges dieser messianisch anmutenden Heilsversprechen erfüllt werden. Im Gegenteil: Wie sich bald herausstellte, neigen embryonale Stammzellen außerhalb des Embryos dazu, zu entarten und Tumore auszubilden. Und das mit einer solchen Zuverlässigkeit, dass bei Tierversuchen mit Mäusen die Bildung von Tumoren als Beweis dafür betrachtet wurde, dass den Versuchstieren auch tatsächlich embryonale Stammzellen injiziert worden waren.

Fetale Zelllinien bei der Impfstoffentwicklung

An humanen fetalen Zellen, die aus entweder aus den Leichen abgetriebener Kinder sowie im Falle embryonaler Stammzellen zumeist aus menschlichen Embryonen gewonnen werden, die ursprünglich zum Zwecke künstlicher Befruchtungen erzeugt wurden, werden heute ganz überwiegend Medikamente und Chemikalien getestet. Der Hauptgrund: Die Überprüfung pharmakologisch aktiver Substanzen auf mögliche toxische Eigenschaften in Tierversuchen gilt als teuer und zeitraubend und ist teilweise mit erheblichen Unsicherheitsfaktoren behaftet. Anders als Zellkulturen, die sich bequem im Kühlschrank lagern lassen, müssen Versuchstiere regelmäßig gefüttert und gepflegt werden. Und dafür, dass ein menschlicher Organismus sich genauso tolerant verhält wie ein tierischer, wenn er einer neuartigen Substanz ausgesetzt wird, mag es zwar solide Anhaltspunkte geben. Eine Garantie dafür gibt es jedoch nicht, wie wieder vom Markt genommene Medikamente regelmäßig belegen.

Zum Einsatz kommen fetale Zelllinien auch bei der Entwicklung von Impfstoffen. Da sich Viren nur in lebenden Zellen vermehren, werden bei der klassischen Impfstoffproduktion abgeschwächte Aktiv-Impfstoffe in solchen vermehrt. Als Wirtszellen kommen dabei überwiegend Hefezellen, bebrütete Hühnereier oder Affennierenzellen zum Einsatz. Bei einigen Impfstoffen werden die Viren jedoch auch oder sogar ausschließlich in humanen fetalen Zellen hergestellt, die aus dem Gewebe abgetriebener Kinder stammen. Dazu zählen die in Europa erhältlichen Aktiv-Impfstoffe für Hepatitis A, Röteln und Windpocken. Für Aktiv-Impfstoffe gegen Windpocken gilt das sogar weltweit. Auch die beiden Corona-Impfstoffe von Astrazeneca und Johnson & Johnson wurden auf diese Weise hergestellt.

Alternative Aktiv-Impfstoffe aus Japan

Dagegen haben japanische Wissenschaftler vor einigen Jahren alternative Aktiv-Impfstoffe für Hepatitis A und Röteln entwickelt, die ohne die Verwendung humaner Fetalzellen auskommen. Sie dürfen in Deutschland allerdings nicht eingeführt werden, weil das deutsche Arzneimittelgesetz den Import von Arzneimitteln aus dem Ausland verbietet, wenn sich „hinsichtlich des Wirkstoffes identische und hinsichtlich der Wirkstärke vergleichbare Fertigarzneimittel in Deutschland auf dem Markt befinden“.

Testsysteme für Toxizitätsprüfungen und Impfstoffe sind also alles, was die Forschung mit fetalem Gewebe bisher zuwege gebracht hat. In den USA machte die Administration von US-Präsident Donald Trump diesem barbarischen Treiben vor fast zwei Jahren ein vorläufiges Ende. Am 5. Juni 2019 untersagte das US-Gesundheitsministerium Wissenschaftlern, die im Auftrag der Regierung forschten, mit sofortiger Wirkung, die Arbeit mit fetalem Gewebe. Bis dahin hatte das Land der unbegrenzten Möglichkeiten entsprechende Studien jedes Jahr mit rund 31 Millionen US-Dollar (mehr als 25 Millionen Euro) gefördert. Private Forschungseinrichtungen, die bei der zuständigen Aufsichtsbehörde, den National Institutes of Health (NIH), eine Förderung für derartigen Forschungsprojekte beantragten, mussten sich fortan einem aufwendigen Genehmigungsverfahren unterziehen. Eine interdisziplinär zusammengesetzte Ethikkommission sollte jedes der Projekte eingehend prüfen und binnen 150 Tagen eine Förderung empfehlen oder ablehnen.

Moratorium bei Reagan

Nicht betroffen davon waren rund 200 Projekte, die das NIH bereits mit Zuschüssen versehen hatte. Doch auch sie hätten sich bei einer Verlängerung der Laufzeit einer Prüfung unterziehen müssen. „Die Förderung der Würde des menschlichen Lebens von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod ist eine der obersten Prioritäten der Regierung von Präsident Trump“, begründete damals das US-Gesundheitsministerium den Schritt.

Für Aufsehen sorgte damals die Kündigung der Zusammenarbeit mit der University of California in San Francisco. Die sucht seit 30 Jahren ein Heilmittel gegen das HI-Virus und forscht dabei auch mit fetalem Gewebe. Erfolglos.

Die Einschränkung der Forschung mit fetalen Zellen, die von abgetriebenen Kindern stammen, deren Eltern einwilligten, ihre Körper der Forschung zur Verfügung zu stellen, ist allerdings keine originäre Erfindung der Trump-Administration. Schon die beiden republikanischen US-Präsidenten Ronald Reagan und George Bush hatten ein entsprechendes Moratorium verhängt, das der Demokrat Bill Clinton kurz nach seinem Amtsantritt im Jahre 1993 aufhob.

US-amerikanische Identitätspolitik

So gesehen ist auch die Entscheidung der Administration von US-Präsident Joe Biden, die Einschränkungen der Forschung an fetalem Gewebe, welche die republikanische Vorgängerregierung erlassen hatte, wieder aufzuheben, ein Lehrstück in Sachen US-amerikanischer Identitätspolitik. Mit ihr bedankt sich der Präsident zugleich bei Planned Parenthood, einem der größten Anbieter von Abtreibungen weltweit, für die finanzielle Förderung seines Wahlkampfs. Wie dies zu der Ankündigung des Katholiken passen soll, ein Präsident aller US-Amerikaner sein zu wollen, weiß vermutlich nicht einmal Biden selbst.

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