Newman- Tagung

Das Dogma erschien Newman als entlastende Vorgabe

Der englische Konvertit Newman hat uns noch viel zu sagen. Eindrücke von der Newman-Tagung an der Universität Wien.
Englischer Konvertit John Henry Newman hat uns noch viel zu sagen.
Foto: Wikipedia | Das Wiener Oratorium des heiligen Philipp Neri und der Lehrstuhl für Theologie der Spiritualität an der Wiener Theologischen Fakultät um die Ratzinger-Preisträgerin Marianne Schlosser ehrten den Heiligen mit einer ...

Vor zwei Jahren, am 13. Oktober 2019, wurde John Henry Newman (1801–1890) von Papst Franziskus heiliggesprochen. Die Bedeutung des englischen Konvertiten, Oratorianers und Kardinals auf das neuere theologische Denken ist gar nicht zu überschätzen, wobei der deutsche Sprachraum sich traditionell etwas schwerer tut mit dem aus gutbürgerlicher Familie stammenden Londoner. In die Tradition des prinzipiengeleiteten deutschen Idealismus lässt Newman sich, wie alle Angelsachsen, nicht einordnen, gilt daher manchen als unsolide.

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In Beziehung denken

Das rührige Wiener Oratorium des heiligen Philipp Neri und der Lehrstuhl für Theologie der Spiritualität an der Wiener Theologischen Fakultät um die Ratzinger-Preisträgerin Marianne Schlosser ehrten den Heiligen mit einer international besetzten Fachtagung, die vielfältige Nachweise für die Aktualität des Engländers lieferte, der 1845 katholisch und 1879 Kardinal wurde.

Die Erziehung, die ihm die Eltern angedeihen ließen, basierte, wie für Männer seiner Herkunft im 19. Jahrhundert in Großbritannien üblich, auf der Kenntnis des Griechischen, Lateinischen und der aristotelischen Philosophie. Diese Prägung sollte dafür sorgen, dass er auch in der katholischen Lebensphase den großen Griechen fernab jeden scholastischen Zugangs rezipierte, wie Grégory Solari, Philosoph und Theologe in Lausanne und Paris, festhielt. Newman hatte eine feste philosophische Identität, die weder thomistisch noch neuthomistisch gegründet war. Als Erneuerer des cartesianischen Denkens sagt er: „sentio ergo sum“ – „ich bin, wo mich etwas berührt“, und das heißt: „Ich bin, weil ich mich geliebt fühle.“ Liebe wird zum Argument: Das ist Newman, der in Beziehungen dachte und lebte.

Die Wahrheitsfrage

Mehrfach in seinem Leben bekehrte sich Newman, und zwar immer in einem prozesshaft-langsamen Geschehen. Der Dogmatiker Thomas Möllenbeck umriss den Weg des jungen Briten zum „Sola fide“-Glauben, noch in der anglikanischen Gemeinschaft, der Newman für eine gewisse Zeit Heilsgewissheit gab, bis sich die Frage der „fides quae“, also die Frage nach dem eigentlichen Inhalt des Glaubens, erneut meldete. Der Glaube, dass allein das Vertrauen auf das Erbarmen Gottes ihn erlöse, war, wie Möllenbeck ausführte, ganz auf Newman bezogen, nicht auf die Gemeinschaft der Glaubenden. Es war die Wahrheitsfrage, die ihn nicht losließ, die ihm half, Glaubensakt und Glaubensinhalt zusammen zu sehen: Die Wahrheit Gottes wird zur Wahrheit des Menschen.

Das dogmatische Prinzip, das Newman letztlich zum Katholiken machte, nachdem er dessen Notwendigkeit eingesehen hatte, erlebte Newman nicht als Begrenzung, sondern als Befreiung. Es war ihm aufgegangen, dass die Anglikaner eben nicht der ideale mittlere Weg zwischen alter Kirche und Protestantismus sein konnten. Nicht zuletzt machte er das an der Liturgie fest, die er schon als anglikanischer Pfarrer mit „katholischen“ Elementen angereichert hatte. Der Opfercharakter des Gottesdienstes war ihm wichtig.

Die Oratorien 

Dass seine Konversion mit dem Interesse an den Oratorianern einher ging, die für Regeltreue wie festliche Liturgie zugleich stehen, war daher kein Zufall. An Philipp Neri und seinem Oratorium als nicht durch Gelübde zusammengehaltene Gemeinschaft von Priestern und Laienbrüdern zog ihn der apostolische Eifer und der Humor des Gründers an, eine Gabe, der in England Respekt erwiesen wird.

Neri, der unermüdlich durch die Straßen Roms zog und auch mit paradoxen Mitteln missionierte, war für ihn ein Mann „of primitive times“, und das war ein hohes Lob. Nichts anderes als ein Zurückgehen in die Zeit der apostolischen Urgemeinde nämlich erblickte Newman im Werk dieses „zweiten Apostel Roms“. Pater Paul B. Wodrazka vom Wiener Oratorium, dem größten im deutschen Sprachraum, legte dar, wie der Gedanke des Oratoriums, das nicht durch rechtliche Bande, sondern allein durch den freien Willensakt seiner Mitglieder zusammengehalten wird, sich mit dem Gentleman-Ideal und der College-Form des Zusammenlebens, die Newman gewohnt war, verband. Zugleich achtete Newman, der im Laufe seines Lebens zunächst „enfant terrible“ war und dann zur Berühmtheit wurde, darauf, dass die Mitglieder der zu seinen Lebzeiten gegründeten beiden Oratorien in Birmingham und London sich nicht zu sehr von ihm als Person prägen ließen.

Hunderte Predigten noch zu entdecken

Peter Becker vom Wiener Spiritualitäts-Lehrstuhl ging der Frage nach, ob und wie Newman für eine charismatisch orientierte Erneuerung der Kirche in Anspruch genommen werden kann: Ja, insofern er den persönlichen Weg zu Gott, dem man sich affektiv nähern soll, propagiert. Nein, indem er klar gegen „weiche und matte Gefühlsstimmungen“ auftritt, gegen ein „allgemeines Ausreden“ all dessen, was einen subjektiv bewegt. Ein ekstatischer Charismatiker war Newman gerade nicht, hat aber doch mit diesen gemeinsam, dass er dazu auffordert, Gott sein Leben zu übergeben. Auch das gemeinsame Wirken von Priestern und Laien, zu dem die Oratorien beitragen wollen, verbindet sie mit neueren geistlichen Bewegungen, aber immer unter der Maßgabe: Gott ist mehr als ein Gefühl.

Pater Uwe Michael Lang vom Londoner Oratorium wies nach, wie man beim Thema Liturgie die sukzessive Zuwendung Newmans zur römischen Praxis nachverfolgen kann; auch das zunächst fremde Brevier wird ihm zum unverzichtbaren Begleiter. Ein Desiderat zeigte Lang auf: So viel von Newman schon veröffentlicht ist, auch in deutscher Sprache, etwas fehlt: Die Predigten, hunderte an der Zahl, sind noch zu entdecken und werden sich als Fundgrube erweisen. Einen abschließenden Vortrag hielt der Newman-Kenner Bischof Rudolf Voderholzer.

Dogma lähmt nicht

Er erinnerte daran, dass Newman für die Frage einer Weiterentwicklung der kirchlichen Lehre in seinem „Essay on the Development of Christian Doctrine“ sieben Kriterien genannt hat, die keineswegs überholt seien. Gerade, weil Newman selber auf einem mühsamen, ja selbstquälerischen Weg zum Katholizismus fand, ausgehend von der Church of England, die sich zumindest damals als das eigentliche Christentum verstand, kann er denen heute, die von einer neuen Kirche träumen, Rat geben. Dass Newmans Überlegungen dazu stärker in heutige Debatten einbezogen werden, war der Wunsch des synodengeprüften Bischofs von Regensburg.

Die Erkenntnis des britischen Theologen, dass das dogmatische Prinzip nicht als lähmende Fessel zu verstehen sei, sondern als sowohl objektive als auch entlastende Vorgabe, sollte, nicht nur in Deutschland, dankbar angenommen werden.

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