Zwischen den Meeren

Reise der Entscheidungen durch Andalusien. Von Rocco Thiede
Foto: Thiede |
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Wer reist, muss sich entscheiden. Vor dem Start in den Urlaub, geht es um die Richtung. Nord oder Süd? West oder Ost? Meer oder Berge? Neben der Richtung und dem Ziel ist auch die Art des Reisens festzulegen: Pauschal mit Halb- oder Vollpension und in seiner Steigerung „All-Inklusive“, oder individuell mit Rucksack, Zelt, dem Auto mit Wohnwagen oder einem Wohnmobil? Klar, dass solche Entscheidungen auch ökonomisch begründet sind.

Tarifa an der Costa de la Luz in Spanien war eigentlich nur als ein Etappenziel auf einer Rundreise durch Andalusien geplant. Als wir an diesem bei Surfern und Kitesurfern wegen seiner auffrischenden Winde so beliebten Ort ankamen, war uns die symbolische Dimension dieses südwestlichsten Punktes in Europa nicht sofort bewusst. Aber hier wurde den Reisenden spür- und sichtbar vor Augen geführt, was es bedeutet, sich auch unterwegs zu entscheiden: zwischen dem kühleren Atlantik oder dem wärmeren Wasser des Mittelmeers; dem Hinterland mit wildromantischer Berglandschaft und Naturreservaten oder langen Sandstränden mit Muscheln und Salzwasser; und zwischen Europa und dem nur gut 14 Kilometer entfernten Afrika.

In Spaniens Süden standen wir im wahrsten Sinne des Wortes zwischen den Meeren. Die Symbolik des Ortes machte uns auch schnell klar: jeder Reisende benötigt Zeit für Entscheidungen, die im konkreten Fall auch etwas mit der Ausgestaltung des Urlaubes zu tun haben: Sonnenbaden, Surfen oder Sightseeing – Bleiben oder Weiterreisen – Handeln oder Relaxen?

Von Tarifa kann man zum Beispiel mit einer Fähre in weniger als einer Stunde ins marokkanische Tanger übersetzen. Bei klarer Sicht sind die Höhenzüge des Atlasgebirges jenseits der Straße von Gibraltar gut sichtbar. Und nachts erkennt man die beleuchteten Straßen und angestrahlten Minarette auf dem anderen Kontinent. Wer diesen Kurztrip plant, benötigt nur seinen Personalausweis. Diejenigen aber, die einen längeren, individuellen Aufenthalt in den orientalischen und farbenfrohen Basar der Medina planen, müssen ihre Reisepässe einstecken haben. Der pauschale Tagestrip für gut 58 Euro – der die Schiffspassage, eine Bustour, einen geführten Stadtrundgang und ein mehrgängiges Mittagsmenü einschließen – lohnt sich, macht aber auch Lust auf mehr.

Tarifa, mit seinem kleinen Hafen, der Altstadt mit dem Kastell Alcazaba und seinen Ramblas, einer schattigen Promenade zum Flanieren, wurde so unverhofft zum Ort grundsätzlicher Entscheidungen: Wir blieben länger als geplant, hatten Zeit und Muße, tausende Kilometer von der Heimat entfernt über Gegensätze nachzudenken und neue Ideen zu entwickeln für Künftiges. Reisen bildet nicht nur. Reisen bestätigt, erneuert, regt an und inspiriert.

Das ursprüngliche Ziel unserer Reise war eigentlich Gibraltar, „the Rock“, mit seinem über 400 Meter hohen Affenfelsen – eine britische Kronkolonie mit allem, was anglophilen Deutschen an Großbritannien so lieb und teuer ist: vom Pfund Sterling über Fish and Ships, Ginger Beer, Ale, roten Briefkästen und Telefonzellen, uniformierte Policeman mit Bobby auf dem Kopf und natürlich in diesem Jahr Plakate vom Thronjubiläum der Queen. Auch Gibraltar ist so ein Ort der Entscheidungen: man überquert eine Grenze, kauft zollfrei ein, hat das spanische Mittelmeerklima mit strahlender Sonne vor blauem Himmel und kommuniziert auf einmal ganz selbstverständlich an der „Cable Car“, der Seilbahn, die zum „Top of the Rock“ mit seinen nicht ungefährlichen Berberaffen führt, in Englisch. Natürlich gibt es auf der Main Street eine katholische Kirche, aber in Staunen versetzte uns die neue große, weiße Mosche mit ihrem Minarett unweit des alten Leuchtturms am Europa Point, dem südlichsten Punkt Gibraltars.

Wir reisten einmal quer durch Andalusien: sahen Stätten des Weltkulturerbes im Landesinnern wie die Alhambra in Granada; die „Catedral Santa Maria“ und „Reales Alcázares“ in der „Flamencohauptstadt“ Sevilla; Ronda auf einem Felsplateau, das schon Rilke, James Joyce oder Hemingway beschrieben und die älteste Stierkampfarena Spaniens samt Museum hat; waren an der Costa del Sol mit sehenswerten Innenstädten in Malaga und Marbella; in den berühmten „Cuevas de Nerja“, einem bizarren Tropfsteinhöhlensystem mit riesigen unterirdischen Sälen, die schon in vorgeschichtlicher Zeit von Menschen bewohnt waren oder im Gassengewirr von Cadiz am Atlantik, das von sich behauptet, die älteste Stadt Europas zu sein und ein in diesem Jahr eröffnetes, ganz modernes Design- und Kunstmuseum hat.

Kultur- und religionshistorisch faszinierend ist in Andalusien das maurische Erbe nicht nur in Form seines steinernen Vermächtnisses des Nasridenpalastes auf dem Burghügel der Alhambra. Die Antworten der Reconquista mit den vielen christlichen Kirchbauten von Weltrang sind ein eigenes Kapitel und der gläubige Tourist mag es nur schwer nachvollziehen, dass Gotteshäuser ab einem gewissen kunsthistorischen Rang nur noch gegen recht happige Eintrittsgelder besucht werden können.

Eine gewisse Ausnahme machte hier „La Mezquita“, die Moschee-Kathedrale in Cordoba. Das mit seinen über 856 Pfeilern, arabischen Rundbögen und reichen islamischen Ornamenten geschmückte Gotteshaus wird als architektonisches Weltwunder bezeichnet. In die ehemalige Moschee (8.–10. Jahrhundert) ließ Kaiser Karl V. eine Kathedrale einbauen, was in dieser Form einmalig sein dürfte. Wer hier um neun Uhr morgens eintritt, kann sich den sakralen Raum kostenlos mit seinem „maurischen Säulenwald“ in aller Ruhe erlaufen. Wenn dann eine Stunde später schon Eintrittsgelder kassiert werden, ist der Besuch der Heiligen Messe um zehn Uhr im Zentrum der Mezquita zu empfehlen, da man so auch die geistliche Dimension des sakralen Raumes zwischen altem Chorgestühl, dem silbernen Altartisch und teilvergoldetem Altar spüren kann.

Irgendwie passte auch dieses Unesco-Weltkulturerbe in Cordoba mit seiner Altstadt als künftiger Kulturhauptstadt Europas (2016) zum Entscheidungscharakter dieser Reise. Wir wurden uns unserer Wurzeln bewusst und merkten, dass wir bisher nicht nur auf einem Weg gingen, der uns dahin brachte, wo wir gerade stehen...

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